Religionsflüchtlinge, Franz Kafka und die Botschaft: Führung auf böhmischen Spuren durch Berlin

Häuser hussitischer Religionsflüchtlinge, der brutalistische Koloss der tschechischen Botschaft oder Orte, an denen einst Franz Kafka verkehrte – das sind einige der böhmischen Spuren in Berlin. Erleben kann man sie nun auch im Rahmen von geführten Stadtrundgängen, die vom Tschechischen Zentrum veranstaltet werden.

Böhmen in Berlin“ – unter diesem Motto führt das Tschechische Zentrum in Berlin derzeit historische Stadtrundgänge durch. Simona Binko arbeitet für die Kulturinstitution und erklärt, warum das Zentrum die Führungen derzeit anbietet:

Quelle: Tschechisches Zentrum Berlin

„Wir haben uns gefragt, ob die Berliner Berlin eigentlich gut kennen. Wir suchen immer wieder nach Dingen, die man vor Ort zeigen kann, und die böhmische Geschichte ist dabei noch recht unbekannt. Und es ist ein Programm, das wir wiederholt anbieten können. Es handelt sich also um keine einmalige Veranstaltung, sondern ein Format, das wir als Tschechisches Zentrum fest etablieren möchten.“

Durchgeführt werden die Touren von Bettina Güldner. Sie ist Kuratorin und freie Dozentin für Kunstgeschichte. Was hat sie dazu bewegt, sich mit der Geschichte der Böhmen in ihrer Stadt auseinanderzusetzen? Anlass sei nicht nur das Kafka-Jubiläumsjahr gewesen, sondern auch ihre generelle Prag-Leidenschaft und die Corona-Pandemie:

Bettina Güldner | Foto: Zuzana Markéta Macková,  Tschechisches Zentrum Berlin

„Alles lag brach vor sich hin, und die Ideen gingen einem aus. Ich habe mich gefragt, wann ich das nächste Mal in Prag sein und ein Projekt entwickeln könnte. Ich fahre aber auch jeden Tag auf meinem Arbeitsweg durch die böhmische Geschichte. Denn in Wilmersdorf gibt es einige signifikante Straßennahmen, die sich auf die Ortgeschichte und die Deutschen Einigungskriege im 19. Jahrhundert beziehen: die Nachodstraße, den Prager Platz und die Prager Straße. Ich weiß ja auch, wer dort gelebt hat und dachte mir: Daraus könnte man doch etwas machen!“

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Vom Potsdamer Platz zur tschechischen Botschaft

Potsdamer Platz | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Der Spaziergang mit Bettina Güldner beginnt auf dem Potsdamer Platz, dem Zentrum der Berliner Moderne um 1900. Hier führt die Architekturhistorikerin in das Thema ein und geht auf einen Prager Schriftsteller ein, der vielleicht der berühmteste Böhme war, der im Laufe der Jahre nach Berlin gegangen ist: Franz Kafka. 1914 schrieb er in einem Brief an Gerta Bloch:

„Berlin ist eine so viel bessere Stadt als Wien, dieses absterbende Riesendorf… Die stärkende Wirkung von Berlin fühle ja selbst ich oder vielmehr weiß ich, ich würde sie zu spüren bekommen, wenn ich nach Berlin übersiedelte.“

Der Umzug nach Berlin erfolgte schließlich aber erst 1923; Kafka war da bereits schwer krank. Alle Orte zu besuchen, die der Schriftsteller im Laufe seiner Aufenthalte frequentierte, sei im Rahmen eines Rundgangs kaum möglich, sagt Güldner:

Franz Kafka | Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International

„Die Orte sind über die ganze Stadt verstreut. Man kann das selbst in einer Busrundfahrt an einem Tag kaum schaffen, denn man müsste sich zwischen Nikolassee, nördlicher Mitte und Karlshorst bewegen.“

Bettina Güldner macht deshalb vom Potsdamer Platz aus zum Beispiel auf die Lokale aufmerksam, die Kafka in der Gegend frequentierte. Von dem heute sehr lebhaften Verkehrsknotenpunkt setzt sich die Gruppe in Bewegung. Nach ein paar Minuten erreicht sie die tschechische Botschaft. Der brutalistische Bau entstammt einem Entwurf des Ehepaares Věra Machoninová und Vladimír Machonin, 1978 öffnete das Gebäude erstmals seine Türen. In den kommenden Monaten beginnt eine umfassende Renovierung – die erste überhaupt. Der Botschaftsbetrieb wird dann für mehrere Jahre ausgelagert werden. Wie Bettina Güldner vor dem Haus schildert, sollte die diplomatische Vertretung der Tschechoslowakei ursprünglich auf einer der angrenzenden Parzellen errichtet werden. Wie fühlt sich die Historikerin, wenn sie die Architekturikone betritt?

Tschechische Botschaft | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Auch wenn es ein bisschen pathetisch klingt: wie zuhause. Wenn man an der tschechischen Botschaft vorbeifährt, geht einem das Herz auf. Das ist einfach eine so grandios gute Architektur! Sobald man das Gebäude betritt, erblickt man das, was die Tschechen im 20. Jahrhundert auch sehr gut konnten: großartiges Design. Das zeigt sich bis heute etwa im Möbelbau und der Glasverarbeitung.“

Die Böhmen kamen als Religionsflüchtlinge

Von der Botschaft führt der Rundgang zur ehemaligen Böhmischen Kirche. 1943 wurde sie bei einem Luftangriff der Alliierten zerstört, heute erinnert ein Mahnmal an das Gotteshaus, das auch Bethlehemskirche genannt wurde. Weiter geht es mit der U-Bahn. Nächster Halt: Hallesches Tor. Hier traf 1732 eine Delegation böhmischer Flüchtlinge ein. Sie waren Hussiten, die wegen des Glaubenskonfliktes in ihrer Heimat keinen guten Stand mehr hatten.

Denkmal für die Böhmische Kirche | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Der preußische König Friedrich Wilhelm I. sagte den Religionsflüchtlingen, dass sie kommen konnten. Zuvor waren sie in Sachsen gewesen, wo sie aber nicht mehr gelitten waren und sich nicht mehr gut aufgenommen fühlten. Und Berlin brauchte Zuwanderer – oder Fachkräfte, um es modisch auszudrücken. Die Stadt war verwüstet, wirtschaftlich nicht besonders weit entwickelt, und urbanistisch betrachtet brauchte sie eine städtebauliche Erweiterung. Es trafen also einige glückliche Umstände zusammen.“

Gerade am Anfang sei die Lage der Religionsflüchtlinge in Berlin aber noch sehr prekär gewesen…

„Sie haben wie Soldaten im Krieg auf einem Feld kampiert – und zwar in der Hasenheide und vor dem Halleschen Tor, also vor der Stadtgrenze. Man wollte sie zwar als Arbeitskräfte haben, war aber doch nicht wirklich bereit, die soziale Verantwortung zu tragen und ihnen Häuser zuzuweisen.“

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Erst später, nach langen Verhandlungen, bekamen die Böhmen Baumaterial wie Steine und Holz sowie Kühe und Land vom König zur Verfügung gestellt.

„Es war ein zäher Weg. Aber sie haben ihn gemeistert – sicherlich auch, weil sie sehr fest im Glauben waren und als Protestanten magere Zeiten gut aushalten konnten.“

In der südlichen Friedrichstadt ist heute nur noch wenig von den böhmischen Spuren zu sehen. Die große Bautätigkeit der Gründerzeit und die Kriegsschäden haben nahezu alle architektonischen Überbleibsel zerstört. Anders ist das in Rixdorf, einem Teil des heutigen Neukölln. Hier ließen sich später rund 700 böhmische Siedler nieder, und ihre Wohnhäuser stehen heute immer noch, ebenso wie die alte Schule. Unverkennbar sind bis heute die dörflichen Strukturen der Ansiedlung. Und nicht nur das:

„Die Böhmen haben hier Kinder erzeugt. Manche von ihnen sind geblieben und die anderen sind weggegangen.“

Böhmisch-Rixdorf | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Heute leben noch an die 60 Nachfahren der einstigen Siedler in Böhmisch Rixdorf. Anstatt als Böhmen würde man sie wohl mittlerweile aber als waschechte Berliner bezeichnen.

Im Nachbarschaftsgarten „Silent Rixdorf“ – einer Oase der Ruhe – findet der Rundgang auf böhmischen Spuren schließlich sein Ende. Bevor die Gruppe aber auseinandergeht, wird sie von den Organisatoren noch zu einer kleinen Verköstigung geladen. Es gibt tschechischen Honigkuchen, den „medovník“, und Budweiser Bier.

Der erste geführte Stadtrundgang „Böhmen in Berlin“ findet am 30. Mai statt. Weitere Termine gibt es am 22. Juni, 11. Juli und 21. September. Eintrittskarten kosten 17,17 Euro. Alle Informationen und den Link zur Ticketplattform finden Sie online auf der Website des Tschechischen Zentrums unter: https://berlin.czechcentres.cz/de/programm/boehmen-in-berlin-prohlidka-mesta-s-pruvodkyni-v-nemcine.