Auf der Suche nach der Identität: Fotografin Marie Tomanová

Dad’s Sweater, photo: Marie Tomanová

Noch bis Mitte November sind in Berlin die Bilder einer jungen Fotografin mit tschechischen Wurzeln zu sehen: Marie Tomanová. Seit 2011 lebt sie in New York und hat dort mittlerweile großen Erfolg mit ihren Aufnahmen. In Tomanovás Werk spiegelt sich die Suche nach der eigenen Identität zwischen der Welt ihrer südmährischen Herkunft und der Wahlheimat in den USA.

Marie Tomanová (Foto: Ian Willoughby)

Fast zehn Jahre ist es her, da hielt es Marie Tomanová nicht mehr zu Hause aus, im kleinen, beschaulichen Südmähren:

„Ich habe damals mein Malerei-Studium an der Hochschule beendet, wusste aber nicht, wie es weitergehen sollte. Als weibliche Malerin habe ich an der Uni keine große Unterstützung gehabt. Und wir wurden auch nicht auf unser Berufsleben vorbereitet. Fast alle, die ich kannte, haben dann begonnen zu unterrichten. Das wollte ich genauso wenig, wie im Café zu jobben. Deswegen habe ich mich einfach entschlossen, als Au-pair nach Amerika zu gehen.“

Ein Jahr lang im Ausland, so Marie Tomanovás Vorstellung damals, würde sie sicher auf die richtigen Gedanken bringen…

Foto: Marie Tomanová

„Letztlich wurden es acht Jahre, bis ich erstmals wieder nach Hause zurückgekehrt bin. Amerika hat mich verzaubert, dort habe ich auch mit dem Fotografieren begonnen. Völlig ungeplant entstand daraus etwas, das mein Leben grundlegend verändert hat.“

Aus Mikulov nach New York

Marie Tomanová stammt aus dem 8000-Einwohner-Städtchen Mikulov / Nikolsburg in Südmähren. Studiert hat sie an der Technischen Hochschule in Brno / Brünn, konkret an der Fakultät für Bildende Kunst. Ende 2010 kehrte sie ihrer Heimat den Rücken. Damals war noch gar nicht New York ihr Ziel, sondern eine Au-pair-Familie in der Stadt Greensboro in North Carolina:

Foto: Marie Tomanová

„Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie riesig die USA sind. Ich lebte in meiner Welt von der Größe Tschechiens. Als ich dann die Möglichkeit hatte, nach North Carolina zu gehen, habe ich zugesagt. Denn ich dachte, Amerika wäre überall gleich. Doch meine Ankunft war ein Kulturschock. Alles war so anders, so groß, so schnell. Fünfspurige Autobahnen, alle trinken aus riesigen Kaffeetassen. Ich musste vom einen auf den anderen Tag lernen, mein Au-pair-Kind mit dem Auto in die Schule zu fahren. 40 Kilometer Strecke habe ich mir eingeprägt, weil es damals noch keine Smartphones mit Google-Maps gab. Man war ständig mit Herausforderungen konfrontiert und musste lernen. Das hat mir an Amerika wahnsinnig gefallen.“

Foto: Marie Tomanová

Rückblickend sagt Marie Tomanová, es sei sicher gut gewesen, zuerst nach North Carolina zu gehen – und nicht schon gleich nach New York wie dann ein Jahr später…

„An New York ist wirklich verrückt, wie man sich dort verlieren kann. Es ist eine echte Großstadt, in der viel passiert. Aber genau das gefällt mir. In Mikulov kennt jeder jeden, und man ist in einer bestimmten Schublade abgelegt. Dass ich in New York niemanden kannte und auch mich niemand kannte, gab mir eine innere Freiheit, meinen Platz in der neuen Umgebung zu finden und mich neu zu definieren.“

Acht Jahre dauerte es, bis die junge Fotografin wieder nach Tschechien zurückkehrte. Weil sie nur ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht hatte, habe sie die ganze Zeit in New York mit sich gerungen, ob sie gehen oder bleiben solle, gesteht Marie Tomanová. Dabei quälte sie die Angst, zurückzugehen und festzustellen, dass mittlerweile New York ihre Heimat ist. 2018 aber bekam sie die Green Card und wagte den ersten Besuch in Tschechien:

Foto: Marie Tomanová

„Es war ein sehr schöner Moment, zugleich aber auch emotional sehr schwierig. Denn natürlich war es in den Jahren in Amerika nicht immer leicht. Deswegen hatte ich in einem Socken ein paar Hundert Dollar versteckt, um mir ein Rückflugticket kaufen zu können, wenn es dumm gelaufen wäre. Man idealisiert dann auch seine Heimat als einen Ort, an den man immer zurückkehren kann und sich zu Hause fühlen wird. Als ich 2018 zurückkam, stellte ich aber unvermittelt fest, dass ich dort gar nicht mehr hingehöre. Ich hatte mich selbst so geändert, dass ich eine Fremde in der eigenen Stadt war.“

Dokument der Rückkehr

Zweieinhalb Wochen lang verbrachte Marie Tomanová in Mikulov und Umgebung – zu Weihnachten und Silvester 2018. Damals hatte sie ihre Fotokamera dabei. Von den Aufnahmen sind einige nun auch in Berlin zu sehen. Die Ausstellung ist im Tschechischen Zentrum aufgebaut. Für die Künstlerin bedeuten die Fotos von ihrer Rückkehr nach Tschechien eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, wie sie im Interview für Radio Prag International verrät:

Foto: Marie Tomanová

„Ich bin sehr froh, dass ich mich über das Fotografieren meiner Heimat wieder annähern konnte. Bei den Ausstellungen wie jetzt in Berlin, im vergangenen Jahr in Prag und auch in Tokio bieten mir die Bilder noch einmal eine neue Perspektive. Denn als ich erstmals wieder in Mikulov war, haben mich alle gefragt, wie es sei, wieder zu Hause zu sein. Ich stand dann da und sagte: ‚Ich weiß nicht‘. Es war nicht zu beschreiben, weil es ein innerer Kampf war. Ich hatte mich so darauf gefreut, spürte aber, dass sich vieles geändert hatte. Ich hatte gedacht, dass ich in den Ort zurückkehre, den ich 2010 zurückgelassen habe. Dazu gehören auch die alten Fotos von meinen Freunden, den Partys und dem damaligen Leben. Doch die acht Jahre haben alles verändert. Meine Freunde haben Kinder, und alles hat sich gewandelt.“

Den Fotos von der Rückkehr sind in der Ausstellung in Berlin auch die Aufnahmen aus der Zeit bis 2010 gegenübergestellt. Damals war Marie Tomanová noch keine professionelle Fotografin, wie sie erzählt…

Foto: Marie Tomanová

„Die Fotos habe ich damals mit einem kleinen Handy gemacht, das ich 2005 bekommen hatte. Ich war eine der wenigen in meinem Freundeskreis, die überhaupt ein Telefon mit Kamera hatte. Damals gab es noch keine iPhones, kein Instagram, die Social Media liefen noch längst nicht so wie heute. Ich habe alles um mich herum fotografiert, meine Freunde, meine Liebhaber – einfach das, was sich im Leben eines 20-jährigen Mädchens aus Mikulov so tat.“

Der Kunsthistoriker Thomas Beachdel, der die Ausstellung in Berlin kuratiert hat, veröffentlichte diese alten Fotos von Marie Tomanová dann 2017. Und zwar unter dem Titel „Live For The Weather“. Und genau so heißt auch die derzeitige Schau im Tschechischen Zentrum von Berlin.

Marie Tomanová und Thomas Beachdel (Foto: Barbora Linková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Live For The Weather bedeutet für Thomas Beachdel und mich so etwas, wie im Moment zu verharren. Carpe diem könnte man auch sagen. Vor etwa einem Jahr begannen wir, die Ausstellung vorzubereiten. Damals gab es das Coronavirus noch nicht, und niemand konnte ahnen, dass wir in die heutige Lage kommen würden. Die Situation hat aber dem Titel noch eine weitere Dimension gegeben. Denn zwei Wochen vor der Vernissage war noch gar nicht klar, ob wir überhaupt nach Berlin fliegen können und die Ausstellung eröffnet wird. Das heißt ‚Live For The Weather‘, im Moment zu leben, bezieht sich auch auf jetzt. Denn das Leben geht hoch und runter, ob gut oder schlecht, und das will der Titel sagen“, so die Künstlerin.

Dollarreserve im Strumpf

Foto: Marie Tomanová

Ein weiterer Teil der Ausstellung sind die Fotografien junger Menschen aus New York, die Marie Tomanová vor etwa sechs Jahren gestartet hat. Bis dahin machte die Künstlerin vor allem Selbstaufnahmen. Doch dann sollte sie eine Fotoserie schießen für eine Zeitschrift im New Yorker Stadtteil Brooklyn…

„Das war für mich grundlegend. Eine Freundin, die damals für die Zeitschrift arbeitete, konnte die Fotos nicht machen und empfahl mich. Auf einmal wurde ich losgeschickt, eine finnische Rapperin zu fotografieren, die ich nicht kannte und die mich nicht kannte. Als ich dann in Brooklyn vor ihrer Tür stand, überlegte ich, ob ich es wagen sollte zu klingeln oder ob ich die Segel streiche. Natürlich habe ich geklingelt, es wurde eine wunderbare Fotosession. Wir hatten viel Spaß dabei. Und ich merkte, dass ich auf diese Weise sogar Freunde machen kann. Danach habe ich die Leute selbst auf der Straße angesprochen und auf Vernissagen oder sie per Instagram kontaktiert.“

Foto: Marie Tomanová

Daraus entstand die Serie „Young American“. Es sind mehrere Hundert Fotos. Die Bilder zeigte Marie Tomanová dann 2018 auch bei ihrer ersten Solo-Ausstellung im Tschechischen Zentrum in New York. Und alle Porträtierten seien zur Vernissage gekommen – rund 300 Leute, schwärmt die Fotografin noch heute:

„Da habe ich gemerkt: Nachdem ich meinen kleinen Kreis an Freunden in Mikulov, die alle auf den Fotos ‚Live For The Weather‘ sind, hinter mir gelassen habe, konnte ich mir in New York über die Fotografie eine eigene Community aufbauen. Mein eigenes Gefühl war, dass ich zu New York gehöre. Young American ist für mich eine sehr wichtige Serie, weil sie das Amerika zeigt, das ich gerne habe und zu dem ich gehören möchte: junge Menschen, Diversität, Freiheit. Es ist auch ein Gegengewicht zur derzeitigen politischen Entwicklung in den USA, die wir alle mit Furcht verfolgen. Im Hinblick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen ist die Lage angespannt, und wir alle hoffen, dass es gut ausgeht.“

Für Marie Tomanová ist es übrigens die zweite Ausstellung in Berlin. Im vergangenen Jahr war ihre Serie „Young American“ hier bereits in der Galerie EEP zu sehen.

Die Ausstellung „Live For The Weather“ ist noch bis 14. November zu sehen. Und zwar im Tschechischen Zentrum in Berlin. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis samstags von 10 bis 18 Uhr. Die Ausstellung findet im Rahmen des größten deutschen Fotofestivals statt, dem EMOP Berlin – European Month of Photography.

Autor: Till Janzer
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