„Alles Leben ist Begegnung“: Sudetendeutscher Tag wird 2026 erstmals in Tschechien stattfinden

Bernd Posselt

Der 76. Sudetendeutsche Tag wird kommendes Jahr in Brno / Brünn abgehalten. In Tschechien stößt diese Entscheidung nicht nur auf Zustimmung.

Beim Sudetendeutschen Tag kommen seit 1950 Menschen zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen, Mähren und Schlesien vertrieben wurden. Mittlerweile nehmen auch zahlreiche Nachfahren an der Veranstaltung teil. Wie vergangene Woche bekanntgegeben wurde, wird das traditionelle Pfingsttreffen kommendes Jahr erstmals in Tschechien stattfinden, nämlich in der mährischen Stadt Brünn. Bernd Posselt ist Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Im Gespräch mit Radio Prag International sagte er am Samstag am Rande der Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums auf die Frage, was ihm die Ausrichtung in Tschechien bedeute:

„Das bedeutet mir sehr viel. Denn es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg der Verständigung und der Versöhnung – und hin zur Normalität. Denn wo soll eigentlich ein Sudetendeutscher Tag sein, wenn nicht in dem Land, in dem die Sudetendeutschen jahrhundertelang gelebt haben?“

Wie Posselt im Interview verrät, ist der Gang nach Tschechien bereits seit Längerem geplant gewesen:

„Wir haben schon vor zwei, drei Jahren beschlossen, das zu machen – eigentlich anlässlich des 80. Jahrestages von Kriegsende und Vertreibung, also in diesem Jahr. Wir wurden aber gebeten, es erst nach den Wahlen umzusetzen, damit das Thema nicht in den Wahlkampf hineingezogen wird. Und das war sicher auch klug.“

Zudem verweise das Jahr des historischen ersten Sudetendeutschen Tages in Tschechien noch auf einen weiteren Aspekt, sagt Posselt:

„80 Prozent der Sudetendeutschen wurden 1946 vertrieben und nicht 1945. Auch meine Familie musste Gablonz an der Neiße im November 1946 verlassen. Da war der Krieg schon eineinhalb Jahre rum. Insofern ist es gut, das im Jahr 2026 zu machen.“

Einladung aus Brünn

Dass der Sudetendeutsche Tag gerade in Brünn stattfindet, hängt damit zusammen, dass die Landsmannschaft von der NGO Meeting Brno in die Stadt eingeladen wurde. Petr Kalousek ist einer der Gründer der Organisation, die auch hinter dem gleichnamigen Festival steht. Zudem sitzt er für die lokale Partei Žít Brno, deren Vorsitzender er ist, in der Stadtverordnetenversammlung.

„Ich beschäftige mich seit zehn Jahren mit tschechisch-deutschen beziehungsweise tschechisch-sudetendeutschen Beziehungen. Die Stadt Brünn hat damals auf meinen Impuls hin eine Versöhnungserklärung verabschiedet. Als erste tschechische Stadt äußerten wir darin unser Bedauern über die dramatischen Ereignisse kurz nach dem Kriegsende, also den sogenannten ‚Brünner Todesmarsch‘. Aus dieser Initiative entstand anschließend das Festival Meeting Brno. Wir veranstalten jedes Jahr den sogenannten Versöhnungsmarsch. Er führt vom Massengrab in Pohořelice symbolisch zurück nach Brünn.“

Am Festival und dem Versöhnungsmarsch hätten in den letzten Jahren immer wieder auch Vertreter der Sudetendeutschen teilgenommen, sagt Kalousek. Von daher sei die Ausrichtung des Pfingsttreffens in der Stadt nur folgerichtig, so der Vereinsgründer.

Jahrzehntealte Debatte

Dass der 76. Sudetendeutsche Tag in Tschechien stattfinden könnte, zeichnet sich spätestens seit Juni ab. Denn beim diesjährigen Pfingsttreffen in Regensburg erfolgte die offizielle Einladung von Meeting Brno an die Sudetendeutschen. Zuvor war der NGO der Menschenrechtspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft verliehen worden.

In Tschechien wird die geplante Ausrichtung in Brünn derzeit kontrovers diskutiert. Allerdings werde bereits seit Jahrzehnten eine lebhafte Debatte über ein Pfingsttreffen auf tschechischem Boden geführt, sagt Posselt:

„Der Erste, der das überhaupt vorgeschlagen hat, war der tschechische Gesandte und spätere Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, František Černý. Er sprach diese Idee schon vor Jahrzehnten als tschechischer Diplomat aus. Und er ist damals fürchterlich dafür geprügelt worden, nicht nur von der tschechischen Öffentlichkeit, sondern auch von der damaligen Regierung.“

In den letzten Jahren setzte eine spürbare Annährung zwischen den beiden Seiten ein. So ließen die Sudetendeutschen von der Forderung ab, ihre einstigen Besitzungen zurückerhalten zu wollen. Mit Kulturminister Daniel Herman nahm 2016 dann erstmals ein Mitglied der tschechischen Regierung am Sudetendeutschen Tag teil. Seit 2022 erklingt bei der Veranstaltung die tschechische Nationalhymne. Und seit 2023 entsendet die Regierung in Prag jedes Jahr auch ganz offiziell einen Vertreter zum Pfingsttreffen.

Miloš Zeman | Foto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Eine Ausrichtung in Tschechien aber schien vielen oftmals zu weit zu gehen. So weigerte sich 2021 der damalige Staatspräsident Miloš Zeman, Jan Lipavský zum Außenminister zu ernennen. Als einen der vier Gründe nannte er, dass Lipavský einem Sudetendeutschen Tag in Tschechien zustimme.

Bereits im Mai 2018 hatte auch der damalige geschäftsführende Premier Andrej Babiš (Partei Ano) einer Ausrichtung in Tschechien eine Absage erteilt. Babiš, der nunmehr erneut die Regierung im Land führen soll, antwortete damals auf die Anfrage eines Abgeordneten:

„Ich glaube, dass Herr Posselt schon lange darüber spricht. So eine Versammlung kann bei uns natürlich nicht ohne die Zustimmung einer konkreten tschechischen Stadt veranstaltet werden. Und ich habe da meine Zweifel, dass sich eine solche Zustimmung finden lässt.“

Im Interview räumt Posselt dann auch ein:

Bernd Posselt | Foto: Tomáš Krist,  MAFRA / Profimedia

„Wir sind nicht offiziell durch die Stadt eingeladen, weil wir keinen politischen Streit in sie hineintragen wollten. Wir sind von der Zivilgesellschaft eingeladen, und wir sind auch selbst Teil der Zivilgesellschaft. Ich habe jetzt die ersten Reaktionen von Brünner Seite gehört. Der eine Bürgermeister hat gesagt, er begrüßt das. Der zweite ebenso. Der dritte meinte, das sei Privatsache. Eine wirklich negative Reaktion habe ich nicht gehört.“

Allerdings hatte es Ende Oktober auch zwei kleinere Demonstrationen gegeben. An einer Kundgebung in Prag hatten laut der Presseagentur ČTK rund 100 Menschen teilgenommen, in Brünn kamen 50 Protestierende zusammen. Was sagt Posselt dazu?

„Kritik und Demonstrationen gehören zur Demokratie. Dazu gehört aber auch, dass wir gemeinsam mit unseren tschechischen Freunden diese Veranstaltung durchführen.“

Demonstrationen von kommunistischen Grenzwächtern

Die jüngsten Demonstrationen in Prag und Brünn wurden vom sogenannten Klub des tschechischen Grenzlands (KČP) initiiert. Der Verein wurde Anfang der 1990er Jahre gegründet und setzt sich aus ehemaligen Mitarbeitern der Grenzwache und deren Sympathisanten zusammen. Ideologisch steht die Gruppierung der linkspopulistischen Kommunistischen Partei (KSČM) nahe. Das Bündnis verteidigt die Beneš-Dekrete sowie die Vertreibung der Sudetendeutschen und macht seit seiner Gründung Stimmung gegen die Vertriebenenverbände.

Petr Kalousek verweist im Interview darauf, dass es bereits jetzt jedes Jahr am Rande des Brünner Versöhnungsmarsches kleinere Protestkundgebungen gebe. Für die jüngsten Demonstrationen habe er kein Verständnis:

Petr Kalousek | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wir haben hier 800 Jahre lang zusammengelebt. Es ist gut, daran zu erinnern und genauso an das, was am Ende dieses Zusammenlebens passiert ist – an die Tragödien vor, während und nach dem Krieg. Die Proteste gegen dieses Treffen halte ich für paradox. Sie kommen praktisch ausnahmslos von Menschen, die sich mit ihrem Weltbild und Denken sehr dem gefährlichen nationalistischen Gedankengut annähern, das Deutschland in den 1930er Jahren erfasst hat und schließlich zu den Schrecken des Zweiten Weltkriegs führte.“

Gegenwind von Rechtsaußenpartei

Die Debatte um die Ausrichtung des Pfingsttreffens hat in dieser Woche noch einmal an Fahrt gewonnen. Denn zu Wort meldete sich Lucie Šafránková, Parlamentsabgeordnete der Rechtsaußenpartei „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD). Im Abgeordnetenhaus sagte sie am Mittwoch bei einer Pressekonferenz ihrer Fraktion:

Lucie Šafránková | Foto: SPD

„Als Abgeordnete für den Kreis Südmähren und als Brünnerin sage ich ganz klar, dass die Versammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft nicht nach Brünn gehört. Das ist eine Organisation, die sich lange für eine Aufhebung der Beneš-Dekrete und der Nachkriegsordnung eingesetzt hat. Brünn ist eine Stadt, die während der Besatzung Hinrichtungen und Vertreibungen sowie schmerzliche Verluste in den Familien erlebt hat. Und dort ist die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung nicht hinnehmbar und zugleich sehr rücksichtslos.“

Šafránková kündigte deshalb an, dass ihre Partei, die Mitglied der künftigen tschechischen Regierung werden soll, gegen eine Ausrichtung des Sudetendeutschen Tages vorgehen werde. Konkret wolle man der NGO Meeting Brno die von der Stadt und dem Kreis gewährten Fördergelder entziehen, sollten diese für die Ausrichtung des Sudetendeutschen Tages verwendet werden.

Allerdings ist „Freiheit und direkte Demokratie“ derzeit weder in der Stadt Brünn noch im Südmährischen Kreis Teil der jeweils regierenden Koalition. Darüber hinaus gibt es wohl kaum Rechtsmittel, eine solche Veranstaltung zu verhindern. Und das Wichtigste: In der gesellschaftlichen Mitte und von den gemäßigten Parlamentsparteien wird bisher kaum Protest an dem Treffen in Tschechien vorgebracht. Und so dürfte der 76. Sudetendeutsche Tag wie geplant vom 22. bis zum 25. Mai in Brünn abgehalten werden. Parallel soll vom 22. bis zum 31. Mai das Festival Meeting Brno stattfinden. Und Bernd Posselt ist eine Sache dabei besonders wichtig:

„Nicht die Tschechen haben uns vertrieben, sondern der Nationalismus – nicht zuletzt auch unser eigener Nationalismus. Ich glaube, das sollte Tschechen, Sudetendeutsche und alle Menschen guten Willens zusammenführen. Wir müssen gemeinsam gegen den Nationalismus kämpfen. Das ist die politische Aussage dieses Sudetendeutschen Tages.“

Das Motto des Pfingsttreffens wurde dann auch treffend gewählt und wird erstmals in beiden Sprachen sein. Es lautet „Alles Leben ist Begegnung – Život je setkávání“.

Eine neue Tradition?

Könnte nun eine Tradition daraus erwachsen und auch der übernächste oder weitere Sudetendeutsche Tage nach Tschechien kommen? Petr Kalousek sagt dazu:

„Warum nicht? Aber diese Entscheidung liegt natürlich bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Was uns auf jeden Fall freut: Es gibt immer nur ein erstes Mal. Und unser gemeinsames erstes Mal wird bei Meeting Brno in unserer Stadt sein – in der alten Heimat unserer sudetendeutschen Landsleute.“

Laut den Worten von Bernd Posselt sind regelmäßige Treffen in Tschechien aber vorerst nicht geplant:

„So wie wir früher auch schon ab und zu in Wien einen Sudetendeutschen Tag hatten, kann ich mir vorstellen, dass man natürlich auch ab und zu einen in der Tschechischen Republik hat. Aber es gibt auf beiden Seiten Befürchtungen, dass es nun immer in Tschechien sein wird. Und das ist nicht geplant. Wir werden je nach Situation hin- und herwechseln.“

So hätten die Vorbereitungen für das Pfingsttreffen 2027 bereits begonnen, sagt Posselt. Und dieses werde erneut in Bayern stattfinden, so der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft.