Böhmerland: Das längste Motorrad der Welt im Nationalen Technikmuseum in Prag
„Böhmerland“ oder auch „Čechie“ – so heißt das Motorrad, das schon auf den ersten Blick mit seiner ungewöhnlichen Länge für Aufmerksamkeit sorgt. Im Nationalen Technikmuseum in Prag ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, in der mehrere der imposanten Motorräder aus Nordböhmen zu sehen sind. Martina Schneibergová hat die Schau besucht.
Eine bunte Auswahl von Motorrädern, die von Sammlern sehr geschätzt werden, wird derzeit im Erdgeschoss des Nationalen Technikmuseums in Prag gezeigt. Die Ausstellung wurde anlässlich des 100. Jubiläums der Böhmerland-Maschinen zusammengestellt. Tschechischen Kunden wurden diese Zweiräder einst unter dem Markennamen Čechie verkauft. Jan Němec leitet das staatliche Bezirksarchiv im nordböhmischen Děčín. Er hat sich an der Zusammenstellung der Ausstellung über die Böhmerland-Motorräder beteiligt. 1999 sei der Verein Čechie Böhmerland entstanden, erzählt Jan Němec gegenüber Radio Prag International und fügt hinzu:
„Seitdem veranstaltet der Verein in der Regel am letzten Augustsonntag ein internationales Treffen von Besitzern der Motorräder Čechie Böhmerland. Dies ist jedoch nicht nur irgendein Treffen, sondern es werden dabei auch Kenntnisse über das Leben von Albin Hugo Liebisch ausgetauscht. Jedes Jahr wird zudem ein Seminar zur Geschichte der Marke organisiert. Das Treffen hat inzwischen einen festen Platz im Veranstaltungskalender in der Gegend von Šluknov. Die Städte Krásná Lípa, Rumburk und Varnsdorf unterstützen den Verein bei seinen Zusammenkünften.“
Laut Němec hat der Verein etwa 50 bis 60 Mitglieder. Jedes Jahr unternehmen sie, wie er erzählt, eine Rundfahrt durch die Gegend von Šluknov und besuchen dabei Orte, die mit der Produktion der Motorräder und ihrem Konstrukteur Albin Hugo Liebisch verbunden sind.
„Herr Liebisch war ein Automobil- und Motorrad-Enthusiast. Mit Motorrädern kam er während seiner Lehrjahre in Kontakt. Er wurde 1888 in Rumburk geboren. Als Kind zog er mit den Eltern nach Krásná Lípa (Schönlinde). In der Stadt gab es schon um das Jahr 1900 die ersten Automobile. In die Lehre ging Liebisch bei Reinhold Mai in Varnsdorf. Mai stellte unter anderem die Fahrräder der Marke Fortuna her. Und in Mais Betrieb wurden auch verschiedene Fahrzeuge repariert. Liebisch zog nach dem Abschluss der Ausbildung nach Deutschland, wo er als Chauffeur zu arbeiten begann. Und damals musste ein Chauffeur noch imstande sein, das Auto zu reparieren.“
Liebisch wurde im Ersten Weltkrieg verletzt. Nach dem Kriegsende arbeitete er in der Automobilfabrik in Kopřivnice, wo Lkw hergestellt wurden. Anfang der 1920er Jahre kehrte er laut Jan Němec nach Krásná Lípa zurück und begann dort, für Alfred Hielle zu arbeiten.
„Hielle war ein reicher Industrieller, der schon immer Auto fuhr. Er war ein persönlicher Freund von Ettore Bugatti. Hielle hatte Bugatti auch Gelder für den Start seiner Automobilproduktion in Molsheim gewährt. Genauso bot Hielle auch Albin Liebisch einen zinslosen Kredit an. Und dies war die Grundlage für Liebischs Unternehmen. Der Konstrukteur baute in den Jahren 1922 bis 1924 den Prototyp seines ersten Motorrads. Für eine Serienproduktion war dieser jedoch noch nicht geeignet. Bald konstruierte Liebisch aber einen anderen Prototyp, den er jahrelang mit kleinen Änderungen bis 1939 nutzte. Und 1930 kaufte er eine Fabrik in Kunratice bei Šluknov. Dort wurden die Motorräder bis 1939 hergestellt.“
Wie der Archivleiter erzählt, war Liebisch ein Mensch, der sich sehr oft schriftlich an die Behörden wandte. Darum sind laut dem Experten einige Gerichtsakten erhalten, in denen sich Liebischs Angestellte über Lohnkürzungen beschwerten.
„Zwischen den Zeilen erfahren wir aus diesen Dokumenten viele interessante Informationen über die Motorradproduktion. In den Jahren 1932 bis 1934 arbeiteten etwa zehn bis zwölf Menschen bei Liebisch. Das war damals nicht viel. In der Zeit der Konjunktur stieg die Zahl der Mitarbeiter auf rund 20 bis 25. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg erzählte, dass bei ihm Hunderte von Menschen arbeiteten, war das stark übertrieben.“
Nicht alle Komponenten der Motorräder konnten bei Liebisch produziert werden. In Jiříkov und in Rumburk gab es laut Jan Němec Gießereien, die sich auf die Produktion von Textilmaschinen spezialisierten. Und dort ließ Liebisch einzelne Motorteile bauen.
„Er hatte im ganzen Schluckenauer Zipfel eine Reihe von kleinen Lieferanten. Dadurch ist jedoch die Motorradproduktion teurer geworden, sodass er bemüht war, möglichst viele Komponenten selbst zu produzieren. Er stellte etwa eigene Getriebe und eigene Räder her, die er zuvor von der Firma Winkler aus Varnsdorf bezogen hatte. Auf diese Weise gelang es Liebisch, den Preis seiner Maschinen zu senken. Und der Preis war entscheidend.“
Jan Němec weist darauf hin, dass die Wirtschaft zu der Zeit allmählich von der Politik und einem wirtschaftlichen Nationalismus beeinflusst wurde.
„Im Grunde genommen kauften die Tschechen eher tschechische Produkte und die Deutschen deutsche Produkte. Viele der Sudetendeutschen erwarben die Motorräder von Liebisch, denn sie waren wirklich ein sudetendeutsches Erzeugnis. Damals gab es die Premier-Werke in Cheb nicht mehr, wo zuvor auch Motorräder hergestellt wurden. Ursprünglich war das ein englisches Unternehmen, das später aber in deutsche Hände überging. Wenn sich der Kunde für ein Motorrad entschied, das nicht aus dem Ausland stammte, dann kaufte er sich eine Čechie Böhmerland.“
Heutzutage spielt das Design bei Automobilen sowie Motorrädern eine bedeutende Rolle. Wie war es um das Design bei Liebisch bestellt?
„Ich denke, dass die lange Form des Motorrads und eigentlich auch die etwas kürzere Gestaltung eine Invention von Albin Liebisch waren. Bevor er mit der Konstruktion eigener Motorräder begann, hatte er die Möglichkeit gehabt, verschiedene Maschinen auszuprobieren. Er besaß beispielsweise das US-amerikanische Motorrad Ner-a-Car, das ,Beinahe-Auto‘ genannt wurde. Das war ein sehr spezielles Motorrad. Einige kleine Ähnlichkeiten mit dieser Maschine lassen sich wohl auch an Liebischs Böhmerland finden. Auf den tschechoslowakischen Straßen sorgte das Ner-a-Car auf jeden Fall für Aufmerksamkeit.“
Laut Jan Němec haben die Böhmerland-Motorräder vielleicht ungewollt auch einige Konstrukteure im Ausland beeinflusst, was die Zahl der Sitze auf einem Motorrad betrifft.
„Zu der Zeit hatten die Motorräder in der Regel einen Sitz hinter dem Tank und einen weiteren hinten über dem Kotflügel. Die Böhmerland hatte jedoch eine Genehmigung für die Beförderung von drei Personen – als das einzige Motorrad in der Tschechoslowakei. Liebisch, der sehr hartnäckig war, war es als einzigem gelungen, die Erlaubnis dafür zu bekommen.“
Vor allem in den Kurven sei es dabei nicht einfach gewesen, ein so langes Motorrad wie die Böhmerland zu fahren, sagt der Experte:
„Es gibt eine Filmaufnahme von einem Motorradtreffen im Jahr 1978. Darin ist zu sehen, wie man damit in die Kurven fahren musste. Es handelt sich dabei jedoch um den längsten Prototyp mit zwei Getrieben. Ich hatte die Möglichkeit, auf dem Motorrad zu fahren, und es ist überraschend beweglich. Die Besitzer von anderen Marken würden vermutlich anderer Meinung sein. Liebisch wünschte sich aber, dass das Motorrad auch für längere Reisen benutzt werden konnte. Die Motorradproduzenten demonstrierten die Fähigkeiten der Maschine oft damit, dass sie die Alpen überwinden konnte. Liebisch gab illustrierte Broschüren heraus, in denen er Fotos von seinen Reisen veröffentlichte. Zu sehen ist darin auch er selbst, wie er mit dem Motorrad durch das Engadin fährt oder auf St. Gotthard klettert.“
Albin Hugo Liebisch musste 1939 die Produktion seiner Motorräder einstellen. Das Unternehmen wurde damals Teil der Kriegsproduktion. Nach dem Krieg wurde er mit seinem Sohn in einem Lager nahe Česká Kamenice interniert. Wie der Archivar erzählt, waren die beiden Männer sehr gute Mechaniker und konnten ausgezeichnet Autos reparieren. Sie zogen später zu ihren Verwandten nach Passau. Jan Němec:
„Liebisch träumte weiterhin davon, die Motorradproduktion wieder zu beleben. Damals waren gerade Motorroller und kleinere Fahrzeuge in Mode. Er konstruierte darum einen Motorroller, der seinen Vorstellungen entsprach. Es war der längste Motorroller aller Zeiten. Der Antrieb war jedoch zu schwach, und eine Serienproduktion kam nicht in Frage. Liebisch vervollkommnete nach dem Krieg aber auch die Schaltung von Motorrädern. Die Firma Magura kaufte ihm sein Patent ab und veräußerte es schließlich weiter. Die Schaltung wurde für die ersten Motorroller der Marke Stadion genutzt, die seit den 1950er Jahren in Rakovník hergestellt wurden.“
Albin Hugo Liebisch starb 1965 in Passau. Die längsten Motorräder der Welt, die er konstruiert hatte, sind laut Jan Němec während der Zeit zu einem begehrten Artikel für die Sammler geworden.
„In den 1960er Jahren wurden viele der Motorräder nach Deutschland ausgeführt. Da die Böhmerland eigentlich ein tschechisch-deutsches Motorrad war, interessierten sich die Motorradfans aus Deutschland dafür und kauften die Maschinen von Tschechen, die sie noch in der Garage stehen hatten. Da die Ausfuhr damals genehmigt werden musste, gibt es Dokumente dazu, aus denen folgt, dass etwa 20 Motorräder auf diese Weise verkauft worden sind.“
Die Ausstellung mit dem Titel „Böhmerland oder Čechie – das längste Motorrad der Welt“ ist bis 22. März im Nationalen Technikmuseum in Prag zu sehen. Das Museum ist täglich außer Montag von 9 bis 18 Uhr geöffnet.














