Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde das Befreite Theater gegründet
Vor 100 Jahren wurde in Prag das Befreite Theater (Ozvobozené divadlo) gegründet. Dieses Avantgarde-Ensemble legte den Grundstein für die moderne Politiksatire in der Tschechoslowakei.
Das Befreite Theater entstand aus der Kunstbewegung Devětsil (Pestwurz) heraus. Diese orientierte sich mit ihrem Futurismus, Dadaismus und Poetismus an der europäischen Avantgarde. Das neue Theaterensemble sollte Humor, Musik, Schauspiel und Gesellschaftskritik miteinander verbinden. Die allererste Vorstellung fand am 8. Februar 1926 auf der Prager Bühne Na Slupi statt.
Zunächst handelte es sich um rein experimentelle Stücke. Aber bald wurde die Gruppe zum Zentrum des kulturellen Lebens in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit. Wegweisend war 1927 der Zuwachs durch die zwei Studenten Jan Werich und Jiří Voskovec. Ihr erstes Stück „Vest Pocket Revue“ war eine Mischung aus Goteske und Improvisation. Bald darauf schloss sich den beiden der Komponist Jaroslav Ježek an. Das Schaffen des Trios gehört bis heute zu den bedeutendsten Kapiteln des tschechischen Theaters.
Kritik am Nationalsozialismus
In den 1930er Jahren war das Befreite Theater eines der ersten Ensembles in Europa, die den Nationalsozialismus kristisierten. Stücke wie „Caesar“ (1932) oder „Osel a stín“ (Der Esel und der Schatten, 1933) warnten vor einem totalitären Regime und gewannen internationale Aufmerksamkeit. Dies blieb jedoch nicht ohne Folgen. Die deutsche Botschaft in Prag beschwerte sich wiederholt, und 1938 wurde der Bühne die Lizenz entzogen. Das Befreite Theater war de facto verboten.
Werich, Voskovec und Ježek emigrierten in die USA. Der Komponist starb dort 1942. Die beiden Schauspieler fanden nach ihrer Rückkehr in die befreite Tschechoslowakei keine guten Bedingungen mehr für ihr satirisches Schaffen vor. Voskovec ging nach 1948 für immer in die USA zurück, während Werich auch unter dem kommunistischen Regime neue Erfolge als „Nationaler Künstler“ (národní umělec) feierte.







