„Wir müssen suchen, was uns verbindet“ – neuer Prager Erzbischof Stanislav Přibyl im Interview
Generationenwechsel in der Kirchenführung in Tschechien: Am 25. April wird der neue Prager Erzbischof Stanislav Přibyl, der bisherige Bischof von Litoměřice / Leitmeritz, im Rahmen einer feierlichen Messe im Veitsdom offiziell in sein Amt eingeführt. Der 54-jährige Přibyl übernimmt damit die Leitung eines der wichtigsten kirchlichen Zentren des Landes. Er folgt auf den 77-jährigen Erzbischof Jan Graubner, der das Amt seit 2022 innehatte. Im Vorfeld des Osterfestes hat Radio Prag International mit dem neuen Oberhaupt der tschechischen Katholiken gesprochen. Dabei ging es unter anderem um die künftige Rolle der Kirche in einer zunehmend säkularen Welt und seine ersten Pläne im neuen Amt.
Er habe es erst nicht glauben können, als ihm Papst Leo XIV. durch Erzbischof Jude Thaddeus Okolo, den Apostolischen Nuntius in Tschechien, ausrichten ließ, dass er Erzbischof von Prag werden solle, erinnert sich Stanislav Přibyl im Gespräch mit Radio Prag International. Sein erster Gedanke sei gewesen, dass er doch ein ganz normaler Junge aus Prag sei, aufgewachsen im beschaulichen Stadtteil Strašnice. Die Ernennung zum Erzbischof sei für ihn völlig überraschend gekommen:
„Eigentlich darf man über dieses Amt nicht einmal nachdenken. Es bedeutet so viel mehr, als sich jemand wie ich oder irgendein Priester, der theoretisch dafür geeignet wäre, vorstellen kann.“
Noch heute verwundere es ihn, wenn sein Name in der Öffentlichkeit genannt werde, gesteht Přibyl.
Kurz nach seiner Ernennung zum Erzbischof sei er dann nach Rom gereist und habe Papst Leo XIV. einen persönlichen Besuch abgestattet. Der Pontifex habe ihm einen weisen Rat mit auf den Weg gegeben: Er solle sein Amt damit beginnen, mehr zuzuhören und weniger zu sprechen, erinnert sich Přibyl. Bei dem Gedanken daran, dass er während der Papstaudienz selbst doch recht viel gesprochen habe, muss er schmunzeln: „Da muss ich noch etwas lernen.“
Vorbehalte gegenüber der Kirche als Institution
Tatsächlich liegt vor dem neuen Erzbischof keine leichte Aufgabe. Tschechien gilt als eines der säkularsten Länder in der Europäischen Union. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2021 identifizierten sich nur noch rund 10,4 Prozent der Bevölkerung als römisch-katholisch. Fast 80 Prozent bezeichneten sich als konfessionslos oder machten keine Angaben.
Přibyl ist trotzdem fest davon überzeugt, dass viele Tschechen an eine transzendente Kraft glauben, die über ihnen stehe, zum Beispiel an Gott. Die Menschen hätten aber ein Problem mit der Institution Kirche.
„Es ist sehr wichtig, dass wir eine Atmosphäre schaffen, die frei ist von scharfen Ecken, frei von Streit. Wir müssen das suchen, was uns verbindet, und nicht nur das sehen, was zwischen uns steht. Staatspräsident Petr Pavel hat darüber in seiner Neujahrsansprache gesprochen, und das wird auch meine erste Aufgabe sein – nämlich die Menschen zusammenzubringen“, so der angehende Prager Erzbischof.
Dazu passt, dass Přibyl noch in seiner Funktion als Bischof von Leitmeritz das Jahr 2026 zum „Jahr der Versöhnung“ ausgerufen hatte und an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung in den Jahren 1945 und 1946 erinnerte. Seine ehemalige Diözese Litoměřice organisiert aus diesem Anlass in diesem Jahr eine Reihe von ökumenischen Gottesdiensten an Orten, an denen Menschen bei der Vertreibung zu Tode kamen. Stanislav Přibyl:
„Erst hatte ich Angst, dass die Menschen sagen würden, das sei eine alte Geschichte, und wir sollten sie besser ruhen lassen. Doch die Resonanz war sehr positiv. Da habe ich gemerkt, dass Versöhnung noch immer ein sehr aktuelles Thema ist. Damit meine ich nicht nur Vergebung, sondern auch Versöhnung. Dieser Prozess ist immer zweiseitig. Er bedeutet nicht nur, dass ich vergebe und mir im Zuge auch jemand vergibt; sondern wir sprechen zusätzlich über Versöhnung: Versöhnung zwischen mir und mir, also die innere Versöhnung, das heißt, das Annehmen aller Beschränkungen, aller Grenzen in meinem eigenen Leben. Und dann die Versöhnung zwischen uns, also zwischen den Nachbarn im Dorf, in der Pfarrei, in der Gesellschaft. Hinzu kommt die historische Dimension, also die Versöhnung mit Menschen, welche in unseren Häusern gewohnt und in unserem Land gelebt haben.“
Dialog mit den Opfern von Missbrauch
ZUM THEMA
Gleich zu Beginn seiner Amtszeit will sich der Erzbischof außerdem dem schwierigen Thema Missbrauch in der katholischen Kirche in Tschechien widmen. Zuletzt hatten die Opfer von Missbrauch die Berufung einer unabhängigen Expertenkommission und die Öffnung der Kirchenarchive für die Experten gefordert. Im Gespräch mit Radio Prag International bedauert Přibyl, dass der Dialog mit den Betroffenen bislang nicht im Vordergrund gestanden habe, und verspricht, dass er dies nun ändern wolle. Er plane, sich wöchentlich mit mindestens einem Missbrauchsopfer persönlich zu treffen und ihm zuhören zu wollen. Auch werde er mit Staatspräsident Pavel über das Thema sprechen:
„Der erste wichtigste Schritt werden die Treffen mit den Opfern sein. Dann müssen wir helfen – finanziell und auch auf andere Art. Gleichzeitig sollten wir Maßnahmen zur Prävention vor Missbrauch ergreifen. Dafür werden wir mit verschiedenen Organisationen zusammenarbeiten, die sich mit dem Thema beschäftigen.“
Seine Vision für die Kirche der Zukunft ist allerdings eher realistischer Natur:
„In der heutigen Gesellschaft stellt die katholische Kirche eine Minderheit dar. Wir können das Salz der Erde oder das Licht der Welt sein, wirken aber eher als kreative Minderheit denn als politische Kraft.“
Mit diesem Selbstverständnis könne die tschechische Kirche möglicherweise Vorbild sein für die Kirche in ganz Europa, resümiert er. Priorität habe für ihn die Wiederherstellung der guten Beziehungen zwischen den Menschen, ganz gemäß seinem Wahlspruch als Bischof: „Pax Vobis“, was übersetzt heißt: „Der Friede sei mit Euch“.
Ein Highlight in den ersten Wochen seiner Amtszeit sei für ihn die Weihe der neuen Pfeifenorgel im Prager Veitsdom am 15. Juni, freut sich Přibyl, der schon seit seiner Kindheit Orgel spielt. Am Tag des Interviews mit Radio Prag International war er schon vormittags in der Kathedrale, um das neue Instrument in Augenschein zu nehmen, das zur Zeit noch gestimmt wird.
„Diese Orgel wird wirklich etwas ganz Tolles – etwas, das wir in der ganzen Tschechischen Republik so noch nicht haben. Sie ist herrlich. Es wird mir eine ganz besondere Freude sein, diese Orgel hören und weihen zu können“, schwärmt er.










