„Ein historisches Ereignis“ – Sudetendeutscher Tag in Brünn
In Brno / Brünn hat am Wochenende der Sudetendeutsche Tag stattgefunden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde das Pfingsttreffen in Tschechien ausgerichtet. Martina Schneibergová war dabei.
Auf Einladung der Veranstalter des Festivals Meeting Brno wurde der Sudetendeutsche Tag in diesem Jahr in Brünn veranstaltet. Die Festivalorganisatoren waren jedoch nicht die einzigen, die die Sudetendeutschen zu ihrem Pfingsttreffen nach Südmähren eingeladen hatten. Mit einer „Petition der Brünner Zivilgesellschaft“ wandte sich eine Gruppe tschechischer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an die Vertriebenen und lud sie in die Stadt ein. Zu den Unterzeichnern der Petition gehörten unter anderem der Religionsphilosoph und Priester Tomáš Halík, der tschechische Ex-Premier Petr Pithart, der Philosoph Daniel Kroupa, die Filmregisseurin Olga Sommerová und die tschechische Ex-Ombudsfrau Anna Šabatová. Auch mehrere Schriftstellerinnen und Schriftsteller schlossen sich ihnen an, darunter Dora Kaprálová, Jaroslav Rudiš, Kateřina Tučková sowie der Dramatiker und ehemalige Politiker Milan Uhde.
Das Festival Meeting Brno wurde am Donnerstag mit einem Gedenkakt auf dem Brünner Bahnhof eröffnet, bei dem der Holocaust-Opfer gedacht wurde. Auch die Vertreter der Sudetendeutschen nahmen an der Veranstaltung teil. Der traditionelle Versöhnungsmarsch aus Pohořelice / Pohrlitz nach Brünn fand am Samstag statt. Er begann an jenem Ort, an dem mehrere Opfer des Todesmarsches vom Mai 1945 begraben liegen. Damals wurden rund 27.000 deutschsprachige Bewohner von Brünn – überwiegend Frauen, Kinder und Senioren – aus der Stadt in Richtung österreichische Grenze getrieben. Rund 1700 kamen dabei ums Leben. An der sogenannten „Versöhnungspilgerfahrt“, wie der Marsch in entgegengesetzter Richtung aus Pohořelice nach Brünn auch genannt wird, nahmen diesmal über 2000 Tschechen und Deutsche teil. Unter ihnen waren auch einige tschechische Oppositionspolitiker. Zum Gedenkakt in Pohořelice kam ebenso Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Der CSU-Politiker reiste anschließend direkt zum Brünner Messegelände. Dort eröffnete er gemeinsam mit dem Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe und Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, den 76. Sudetendeutschen Tag. Bei der Eröffnung sagte der Bundesinnenminister unter anderem:
„Das ist ein historisches Ereignis. Es ist ein monumentaler Glücksfall, dass wir gemeinsam den Sudetendeutschen Tag in Brünn begehen dürfen.“
Dobrindt sah sich anschließend die Stände der tschechischen und deutschen Institutionen, Vereine und Initiativen in der Messehalle an. Bei einem kurzen Briefing schilderte der Minister seine Eindrücke von dem Versöhnungsmarsch und den Treffen in Brünn:
„Ich würde das so formulieren, dass wir in diesen Tagen mehr Freunde gewonnen haben. Und diejenigen, die uns nicht wohlgesonnen sind, sind die gleichen geblieben. Das finde ich ein gutes Zeichen dafür, dass die Freundschaft stärker geworden ist. Deswegen war es wichtig, die Einladung von der Initiative Meeting Brno anzunehmen. Es sind junge Leute, die sich auf die Fahne geschrieben haben, ein besseres Europa zu bauen. Ich war sehr beeindruckt, als ich voriges Jahr die Meldung bekommen habe, dass nächstes Jahr der Sudetendeutsche Tag in Brünn stattfinden wird. Das war für mich ein emotionaler Moment. Genauso empfinde ich das heute, wenn man sich hier zusammenfindet und zusammen feiert.“
In der Messehalle wimmelte es von Menschen. Sie gingen von einem der etwa 100 Stände zum anderen, manche schauten sich nur die dort ausgestellten Bücher, Info-Broschüren und Gegenstände an, viele unterhielten sich jedoch mit den Vertretern des jeweiligen Vereins und wollten mehr darüber wissen. Am Stand der Versöhnungsinitiative aus Bruntál – zu Deutsch Freundenthal – gab es Broschüren auf Tschechisch und auf Deutsch, dazu mehrere Fotografien aus der Gegend von Bruntál. Roman Hota war einer der jungen Tschechen, der an dem Stand auf die Fragen der Vorbeigehenden antwortete. Gegenüber Radio Prag International erläuterte Hota:
„Die Versöhnungsinitiative ist vor etwa zehn Jahren in Bruntál entstanden. Damals trafen Vertreter einiger dortiger Kirchen zusammen, die sich stärker für die Geschichte der Stadt interessierten. Sie versuchten, Kontakte zu den früheren deutschsprachigen Bewohnern von Bruntál und ihren Nachfahren zu knüpfen. Dies ist gelungen. Derzeit haben wir in unserer Datei über 1100 Kontaktadressen der Vertriebenen und ihrer Nachkommen.“
Bei der Suche nach den Kontakten stießen die Vertreter der Initiative laut Roman Hota auf die Zeitschrift „Freudenthaler Ländchen“. Dort werde jeden Monat veröffentlicht, wer von den früheren Bewohnern der Region von Bruntál gerade Geburtstag habe, erzählt Hota.
„Wir kamen auf die Idee, ihnen spezielle Geburtstagswünsche zu schicken, die wir drucken ließen. Damit haben wir vor etwa sechs Jahren begonnen. Zuerst schickten wir etwa 80 bis 100 Wünsche monatlich, jetzt sind es etwa 50 Wünsche. Denn inzwischen sind viele gestorben.“
Auf die unerwarteten Glückwünsche aus Bruntál haben Roman Hota zufolge Hunderte von Menschen reagiert.
„Einige von ihnensind sogar nach Bruntál gekommen. Meist waren es die Nachkommen der früheren Bewohner, die begannen, sich für die Geschichte der Stadt zu interessieren, aus der ihre Großeltern stammten.“
Über die Sudetendeutschen habe er, räumt Hota ein, in der Jugend fast nichts gehört. Erst als er mit der Familie nach Bruntál zog, stieß er auf das Thema. Die Initiative sei entstanden, um Kontakte zu knüpfen, betont er.
„Wir wollten die Menschen miteinander verbinden und zum Ausdruck zu bringen, dass die früheren Bewohner und ihre Nachkommen bei uns willkommen sind.“
Am Stand der „Heimatlandschaft Adlergebirge“ begegnete ich Norbert Feichtinger. Er ist aus der Oberlausitz gekommen, seine Vorfahren stammten jedoch aus dem Adlergebirge, wie er erzählt. Er selbst befasst sich intensiv mit der Geschichte seiner Familie. Während des Gesprächs kam ein Tscheche an dem Stand vorbei und wollte unbedingt mit Feichtinger sprechen. Der junge Mann hieß Václav und sagte, es sei kein Zufall, dass er jetzt vorbeigekommen sei.
„Ich bin diesem Herrn gestern im Bus begegnet, habe ihn nicht gekannt, aber hörte, dass er mit einem Bekannten Deutsch sprach. Dann begann ein älterer Tscheche ihn zu beschimpfen, er bezeichnete ihn als Nazi. Ich fand es sehr traurig, dass ein Deutscher hier in Brünn derartige Erlebnisse hat. Da entschied ich mich, zum Messegelände zu gehen und die tschechisch-deutsche Versöhnung zu unterstützen. Ich habe jetzt diesen Herrn gefunden und mit ihm gesprochen. Es freut mich sehr, dass ich da bin.“
Am Samstagabend waren auch viele weitere junge Menschen in die Messehalle gekommen. Es waren die Teilnehmer des sogenannten Versöhnungsmarsches, der aus Pohořelice nach Brünn führte. Unter ihnen war auch Filip Musil. Ist er nicht sehr erschöpft nach dem Marsch?
„Ja schon, denn ich habe 32 Kilometer hinter mir. Aber es war gut organisiert. Da muss ich mich bei Meeting Brno bedanken. Beim Marsch geht es um die Versöhnung. Wir haben Tschechisch, Deutsch und auch Englisch miteinander gesprochen. Es war sehr angenehm. Aber müde bin ich schon.“
Mit einem katholischen und einem evangelischen Gottesdienst wurde der Sudetendeutsche Tag am Sonntagmorgen in Brünn fortgesetzt. Anschließend erreichte das Pfingsttreffen mit der Hauptkundgebung seinen Höhepunkt. Auf dem Podium wurde der Europäische Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft verliehen – er ging diesmal an den tschechischen Schriftsteller und ehemaligen Politiker Milan Uhde. Bernd Posselt erinnerte in seiner Rede daran, dass Uhde als Kind den Holocaust überlebt hat, aber 18 seiner Verwandten von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Posselt betonte weiter, Uhde sei einer der ersten Unterzeichner der Charta 77 gewesen, und er wies darauf hin, dass sich dieser bereits vor Jahrzehnten für eine tschechisch-deutsche Versöhnung eingesetzt habe.
Das Publikum in der Messehalle erhob sich und belohnte Milan Uhde mit lang anhaltendem Beifall. Der Dramatiker, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert, sagte nach der Preisverleihung:
„Liebe Freunde, ich danke Ihnen für diese Ehre. Ich nehme den Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft gern an, und zwar im Namen aller Menschen guten Willens, die dazu beigetragen haben, dass wir hier alle heute zusammen feiern können.“
Das folgende Gespräch mit Milan Uhde entstand kurz vor der Preisverleihung:
Herr Uhde, Sie gehören zu den Persönlichkeiten, die gemeinsam mit dem Festival Meeting Brno die Ausrichtung des Sudetendeutschen Tags in Brünn unterstützt haben. Mit der tschechisch-deutschen Versöhnung haben Sie sich jedoch schon vor Jahrzehnten beschäftigt…
„Meiner Meinung nach ist die Versöhnung unsere persönliche Aufgabe. Hier habe ich eine große Genugtuung erlebt. Ich bin sehr froh, dass ich dabei bin.“
Zum Pfingsttreffen sind diesmal viele Menschen nicht nur aus Deutschland, sondern vor allem auch aus Tschechien gekommen. In den Medien waren jedoch oft die Protestierenden zu sehen, die viel lauter sind…
„Wer schreit, der stellt ein unglückliches Element dar. Hier sind jedoch Leute, die große Freude erleben. Das ist für mich, muss ich zugeben, etwas Fantastisches.“
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bezeichnete in seiner Ansprache anschließend die Tatsache, dass der Sudetendeutsche Tag in Tschechien stattfindet, als historischen Moment. Der südmährische Kreishauptmann Jan Grolich (Christdemokraten) hieß die Teilnehmer des Pfingsttreffens willkommen und bezeichnete sie als Freunde. Grolich erklärte, er habe vor, die Zusammenarbeit des südmährischen Kreises mit Bayern zu vertiefen. Zum Abschluss erklangen die Nationalhymnen Tschechiens, Bayerns und Deutschlands sowie die europäische Hymne.
Am späten Sonntagnachmittag begegnete ich dem Mitbegründer von Festival Meeting Brno, Petr Kalousek. Der Sudetendeutsche Tag näherte sich dem Ende, aber das Festival wird bis 31. Mai fortgesetzt. Petr Kalousek erläuterte:
„Ich würde sagen, dass dieses Wochenende die Erfüllung eines Traums war –zumindest für uns vom Team des Festivals Meeting Brno. Wir glauben aber, dass das auch für viele Menschen gilt, die aus Deutschland zu uns gekommen sind.“
Ein Mann in einer Volkstracht kam gerade vorbei, um Petr Kalousek die Hand zu schütteln. Er stellte sich als Jürgen Ginzel aus Ludwigsburg vor. Gegenüber Radio Prag International merkte er an:
„Ich gratuliere Meeting Brno für die Initiative, den Versöhnungsmarsch zu starten und wirklich ein Zeichen dafür zu setzen, dass Tschechen und Deutsche gut zusammenleben können, wenn die richtigen Leute am richtigen Ort sind. Vielen Dank daher für das schöne Erlebnis.“








