Wiederaufbaukonferenz in Danzig: Tschechien plant Beteiligung am Jahrhundertprojekt
Die Ukraine-Wiederaufbaukonferenz im polnischen Danzig bringt knapp 5000 Teilnehmer aus über 60 Ländern und mehr als 30 internationale Organisationen zusammen. Auch Tschechien ist vor Ort vertreten.
Zum Auftakt der Konferenz gab EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Donnerstag bekannt, dass die ersten 3,2 Milliarden Euro des insgesamt 90 Milliarden Euro schweren Darlehens an Kiew überwiesen werden. Tschechien lehnt es – ebenso wie Ungarn und die Slowakei – jedoch ab, für dieses Darlehen zu bürgen. Die tschechische Delegation in Danzig wird von Premier Andrej Babiš (Partei Ano) geleitet. Er kündigte vor seiner Abreise an, dass die Regierung eine Wirtschaftsdelegation vorbereite, um die Beteiligung tschechischer Unternehmen am Wiederaufbau der Ukraine nach Kriegsende konkret zu planen.
Tschechische Exporteure können ihre Lieferungen in die Ukraine seit Mitte 2023 bei der staatlichen Exportgarantie- und Versicherungsgesellschaft EGAP gegen Kriegs- und Geschäftsrisiken absichern. Dafür wurde der spezialisierte Fonds „Ukraine“ eingerichtet, sagte David Michálek, Vorstandsvorsitzender von EGAP, am Freitag in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Wir führen derzeit die letzten Verhandlungen mit der Regierung in Prag, um den Fonds aufzustocken. Dadurch können wir der stetig wachsenden Nachfrage gerecht werden. Der Fonds umfasst aktuell eine halbe Milliarde Kronen (rund 2,61 Milliarden Euro), und Andrej Babiš gab gestern bekannt, dass das Kapital auf eine Milliarde Kronen (4,12 Milliarden Euro) erhöht wird.“
Trotz des kriegerischen Konflikts ist die Ukraine ein attraktiver Standort für tschechische Investoren. Die Exporte erreichten 2025 einen Wert von 52 Milliarden Kronen (2,14 Milliarden Euro). Nach Angaben von David Havlíček, einem Vorstandsmitglied von EGAP, hat das Unternehmen in den letzten drei Jahren bereits 100 Aufträge mit einem Gesamtwert von rund 2 Milliarden Kronen (82,48 Millionen Euro) versichert. Bisher sei aber kein Versicherungsfall eingetreten:
„Den Fonds nutzen hauptsächlich Exporteure von Landmaschinen, die bereits vor dem Krieg in der Ukraine aktiv waren. Daneben gibt es Interesse im Energiesektor, aber auch bei der Chemie- und Keramikindustrie. Die Branchenvielfalt ist recht groß.“
Michaela Macharik, Vertreterin der Tschechisch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer, sieht das Potenzial der bilateralen Handelsbeziehungen noch längst nicht ausgeschöpft. Im Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk betonte sie die Standortvorteile für ausländische Investoren:
„Die Ukraine ist für Investoren äußerst attraktiv, da sie als einziges Land auf dem europäischen Kontinent ein derart enormes Wachstumspotenzial bietet. Sie verfügt über gut qualifizierte Arbeitskräfte und vor allem über großflächige Areale für den Bau neuer Fabriken – ein entscheidender Vorteil, da freie Industrieflächen mittlerweile sowohl in Tschechien als auch in vielen anderen europäischen Ländern Mangelware sind.“
Laut David Havlíček wird der Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg das globale Investitionsprojekt des Jahrhunderts sein. Umso wichtiger sei die aktuelle staatliche Schützenhilfe:
„Aus diesem Grund ist es entscheidend, dass die tschechische Regierung ein Instrument wie die EGAP nutzt, um Exporteure bereits jetzt aktiv zu unterstützen. Nur so können wir sicherstellen, dass bestehende Handelsbeziehungen nicht abreißen und unsere Unternehmen sie beim späteren Wiederaufbau der Ukraine als Fundament nutzen können. Das verschafft ihnen eine hervorragende Ausgangsposition. Tatsächlich versichern wir das Ukraine-Geschäft derzeit sogar in einem größeren Umfang als in der Vorkriegszeit.“







