Mit dem Cousin von Haaland: Tschechische Fußballliga in neue Saison gestartet

Lucky Ezeh von Zbrojovka Brünn feiert sein Tor gegen Sparta Prag.

Die höchste Fußballliga Tschechiens ist traditionell eine der ersten in Europa, die nach der Sommerpause in die neue Saison starten. Am vergangenen Wochenende fand bereits der erste Spieltag statt. Meister Slavia Prag begann erfolgreich, wenn auch vor leeren Tribünen wegen einer Strafe. Doch wer sind die größten Verfolger? War der enttäuschende Auftritt der Nationalmannschaft bei der WM etwa ein Abbild der Liga? Und welches sind vereinsübergreifend die interessantesten Neuzugänge?

Großer Andrang im Stadion von Zbrojovka Brünn – und großer Jubel. Vor fast ausverkauftem Haus gelang dem Aufsteiger am Samstag ein 3:1-Sieg gegen Rekordmeister Sparta Prag. Dies war eine der beiden großen Überraschungen am ersten Spieltag der neuen Saison im tschechischen Fußballoberhaus, der Chance Liga.

Zbrojovka Brünn besiegte Sparta Prag mit 3:1. | Foto: Michael Cabal,  ČTK,  Profimedia

Mirko Vasić ist Redakteur beim Sportsender des Tschechischen Rundfunks und sagt:

„Der erste Spieltag ist immer speziell, da gibt es nicht selten solche Ergebnisse. Zwar ist Zbrojovka Brünn ein Neuling in der Liga, aber die Vorfreude darüber, dass der Traditionsverein zurückkehrt, war dort enorm. Der Trainer Martin Svědík ist hervorragend, er war sogar schon als Nationaltrainer im Gespräch. Svědík ist sehr konsequent in seiner Arbeit. Er weiß genau, was er will, und fordert Disziplin von den Spielern.“

Das andere unerwartete Ergebnis des Spieltags war die 1:3-Heimniederlage von Viktoria Pilsen gegen Slovan Liberec. Und diese sieht auch Vasić als echte Überraschung…

Martin Hyský,  Trainer von Viktoria Pilsen  | Foto: Matteo Ciambelli,  DeFodi Images / Profimedia

„Bei Pilsen ist das eigenartig. Der dortige Trainer Martin Hyský hatte eigentlich gute Voraussetzungen mitgebracht, als er vergangenes Jahr kam. Beim Erstligaklub Karviná hatte er Erfolg, zuvor auch bei seinen Stationen in der zweiten Liga. Und an sich selbst hat er auch große Erwartungen. Aber im Team klappt es irgendwie nicht, schon zu Ende der vergangenen Saison hatte Viktoria Pilsen einige Aussetzer“, so der Sportjournalist.

Großes Verfolgerfeld hinter Slavia

Mindestens sechs oder sieben Teams könnten in der neuen Saison um die höchsten Plätze mitkämpfen. Das sind natürlich Meister Slavia Prag, Sparta Prag, Viktoria Pilsen, aber eben auch Slovan Liberec sowie Sigma Olmütz, der FC Hradec Králové und eventuell Baník Ostrau.

Adolf Šádek | Foto: Michal Sváček,  MAFRA / Mf Dnes + LN / Profimedia

Nur zwei der Verfolger von Slavia haben aber den Titelkampf als Ziel ausgegeben. Erstmals auch Plzeň / Pilsen. Das hatte man im vergangenen Jahr noch vermieden, obwohl der Verein aus Westböhmen schon länger als die dritte Kraft hinter den beiden „großen S“ aus Prag gilt. Auf der Pressekonferenz vor Saisonstart sagte der Generaldirektor des Vereins, Adolf Šádek:

„Uns ist es gelungen, das Team aus der Vorsaison beieinander zu halten und keinen der Schlüsselspieler zu verkaufen. Deswegen können unsere Ambitionen nicht anders sein, als in der Saison 2026/27 zu versuchen, den Meistertitel nach Pilsen zu holen. Und ich bin mir auch des Drucks bewusst, den ich mir selbst, dem Trainer und den Spielern auferlege. Doch meiner Meinung nach lässt sich hier nichts Anderes sagen. Wir haben eben die höchsten Ziele.“

Die Fußballer aus Pilsen haben in Liberec überraschend verloren | Foto: Miroslav Chaloupka,  Profimedia

Pilsen hat bereits sieben Mal den tschechischen Meistertitel gewonnen – erstmals 2011 und zuletzt 2022. So viele hat im Übrigen kein anderer Verein in den vergangenen 15 Jahren eingeheimst. Auch nicht der tschechische und tschechoslowakische Rekordmeister Sparta Prag. Dabei kommt für den Verein von der Letná-Anhöhe nie etwas Anderes in Frage, als dem Erzrivalen Slavia aus dem Stadtteil Vršovice Contra zu geben. Oder wie es der dänische Trainer Brian Priske vor Saisonstart formulierte:

„Wir sind hungriger als je zuvor. Zwei Spielzeiten lang haben wir keinen Titel geholt, das ist nicht gut genug. Wir wollen definitiv die Meisterschaft. Und unsere Ambitionen sind genauso wie jedes Jahr. Neben dem Meistertitel ist es der Einzug ins Pokalfinale, und dann wollen wir auf hohem Niveau in Europa spielen. Das ist sehr klar.“

Brian Priske,  Trainer von Sparta Prag | Foto: Profimedia

Nur zur Erinnerung: Sparta Prag hält sowohl den Rekord für die meisten Landesmeistertitel zu tschechoslowakischen wie zu tschechischen Zeiten, als auch für die meisten Pokalsiege in der Ära vor und nach der Staatstrennung.

Der Kader für die begonnene Saison ist indes noch im Aufbau, die Transferperiode endet erst im September. Sparta ließ den finnischen Mittelfeldspieler Kasper Kaan Kairinen ziehen, der nun bei AEK Athen unter Vertrag steht. Und es droht noch der Weggang des wichtigen Innenverteidigers Asger Sörensen, der einst vom 1. FC Nürnberg kam. Der Däne wird vom FC Kopenhagen aus seiner Heimat umworben.

Auf der Habenseite steht für den tschechischen Rekordmeister jedoch eine vom Namen her spektakuläre Neuverpflichtung, die erst am Freitag verkündet wurde: der norwegische Stürmer Jonatan Braut Brunes. Sportredakteur Vasić hilft den Ahnungslosen auf die Sprünge:

Sparta-Neuzugung Jonatan Braut Brunes | Foto: Profimedia

„Er ist der Cousin von Erling Haaland, einem der derzeit weltbesten Torjäger. Die Erwartungen sind wohl hoch. Brunes hat erfolgreich in der polnischen Liga gespielt. Jetzt muss sich zeigen, wie er Sparta helfen kann. Denn der Ligaauftakt hat offenbart, dass ein Problem bei Sparta derzeit die Toreffizienz ist. Brunes ist einer der interessantesten Neuzugänge in der tschechischen Liga.“

Ex-HSVer Adam Karabec | Foto: Bahho Kara/Kirchner-Media / Profimedia

Trainer Priske zumindest setzt große Hoffnungen in Brunes, genauso wie in einen Rückkehrer: den torgefährlichen Mittelfeldmotor Adam Karabec. Der 23-Jährige war vor einem Jahr beim Hamburger SV einer der Aufstiegshelden zur Bundesliga gewesen. Weil aber dem deutschen Verein der Preis für eine feste Verpflichtung zu hoch war, lieh Sparta das Eigengewächs in der vergangenen Saison an Olympique Lyon. Karabec begann dort auch gut, in der Rückrunde lief es indes nicht mehr, und die Franzosen nahmen Abstand von der Kaufoption. So ist er zurück bei seinem Jugendverein. Bei der Niederlage am Samstag gegen Brno / Brünn deutete Adam Karabec übrigens sein Potenzial an, als er gleich zweimal mit einem Schuss nur die Latte traf.

Trainer und Spieler der Saison

Das Nonplusultra in den beiden vergangenen Spielzeiten in der höchsten tschechischen Fußballliga war indes Slavia Prag. Noch vor dem Ligastart wurde dies durch die Vergabe zweier individueller Auszeichnungen unterstrichen. So wurde Slavia-Coach Jindřich Trpišovský zum Trainer der vergangenen Saison gewählt und Lukáš Provod zum besten Spieler. Der offensive Mittelfeldmann ist seit 2019 im Verein und avancierte dort zum tschechischen Nationalspieler. Selbstverständlich gilt auch für ihn nur eines: der Gewinn des dritten Meistertitels in Folge. Allerdings sieht er die Konkurrenz näherkommen:

Lukáš Provod,  bester Spieler der vergangenen Saison | Foto: Michal Kamaryt,  ČTK

„Es sind nicht mehr nur drei Teams, die um den Titel kämpfen, sondern die Kader werden allgemein immer besser. In allen Begegnungen der vergangenen Saison haben wir gespürt, dass es nicht mehr so wie in den Jahren zuvor war und wir leichte drei Punkte einfahren konnten. Das wird sich auch jetzt wieder in jedem Spiel zeigen, da die Mannschaften ihre Qualitäten haben. Für die Fans ist das sicher interessanter. Und ich denke, dass diese Saison für uns schwerer wird als die vergangene.“

Trainer Trpišovský betonte bei der Pressekonferenz vor dem Saisonstart, dass immer mehr tschechische Erstligavereine reiche Eigentümer hätten – und dementsprechend auch hohe Ziele.

Fußballexperte Vasić glaubt indes, dass Slavia Prag in dieser Saison erneut das Maß aller Dinge sein dürfte…

Jindřich Trpišovský,  Trainer von Meister Slavia Prag | Foto: YouTube

„Auch Slavia hat sich verstärkt, und es scheint, als könnte das Team weiter ganz vorne bleiben. Eher ist die Frage, wer alles die Verfolger sein werden – ob sich Pilsen und Sparta aufraffen und ob Liberec aufschließen kann. Ebenso im Gespräch ist Sigma Olmütz, auch dieser Verein hat eine Menge Geld. Es sind auf einmal mehr Teams, über die als mögliche Anwärter auf die Plätze eins bis sechs gesprochen wird. Schwer ist aber zu sagen, ob das bereits für die Attacke auf Slavia reichen wird“, so der Sportredakteur.

Slavia baut beispielsweise weiter auf Tomáš Chorý, der mit 17 Treffern zum Torschützenkönig der vergangenen Saison wurde. Dabei hatte der Sturmtank im Derby gegen Sparta im Mai für einen Eklat gesorgt, als er Gegenspieler Sörensen mit dem Ellbogen schlug. Danach wurde Chorý suspendiert und sollte sich eigentlich einen anderen Klub suchen. Doch Vereinseigner Pavel Tykač legte vergangenen Donnerstag sein Veto dagegen ein.

Slavia-Torjäger Tomáš Chorý | Foto: Michal Růžička,  MAFRA / Profimedia

Unter den Neuverpflichtungen von Slavia sticht laut Vasić vor allem eine heraus – der slowenische Flügelflitzer Danijel Šturm:

„Es handelt sich nicht um eine Verpflichtung aus dem Ausland, sondern er ist nach einer gelungenen Saison bei Olmütz zu Slavia gewechselt. Ihn im Blick zu haben, dürfte interessant sein. Denn nun muss sich Šturm auch gegen eine stärkere Konkurrenz im eigenen Team durchsetzen.“

Außerdem spielt bei Slavia einer der Shootingstars der vergangenen Saison: der Mittelfeldankurbler David Moses. Sportjournalist Vasić glaubt, dass der 22-jährige Nigerianer in nicht allzu langer Zeit reif sein dürfte für einen Wechsel in eine der stärkeren Ligen Europas.

Rennen und Kämpfen

Trotz seines starken Kaders konnte Meister Slavia spielerisch zuletzt nicht sonderlich überzeugen. Um die Konkurrenz in der tschechischen Liga auf Abstand zu halten, reichte es zwar. Doch in der Champions League gelang vergangene Saison kein einziger Sieg, was die Fans des Vereins enttäuscht hat. Mirko Vasić erläutert, dass Jindřich Trpišovský eigentlich auf einen überkommenen Spielstil setze:

Mirko Vasić | Foto: Tschechischer Rundfunk

„Es ist so ein Kraftfußball. Man verlässt sich auf lange Bälle, eine hervorragende Fitness der Spieler und die Widerstandsfähigkeit im Zweikampf. Vielen Fans hat das aber nicht gefallen. Und es wurde auch darüber gesprochen, dass dieser Stil in die Nationalmannschaft hineingetragen wurde, zu der viele Slavia-Spieler gehören.“

Mit eben diesem Stil scheiterte die tschechische Nationalelf vor kurzem bei der WM und schied bereits in der Vorrunde aus.

Um in der tschechischen Liga konkurrenzfähig zu bleiben, legen neben Slavia auch andere Teams ihren Schwerpunkt auf Rennen und Kämpfen. Zumindest in Olomouc / Olmütz möchte man das allerdings ändern, indem man in der eigenen Fußballakademie andere Anreize setzt. Zudem vertraut der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Ondřej Navrátil, auf Trainer Pavel Hapal…

Pavel Hapal,  Trainer von Sigma Olmütz | Foto: David Jahoda,  Tschechischer Rundfunk

„Ich glaube, dass wir mit dem aktuellen Trainerstab und seiner Sicht auf den Fußball einen Weg eingeschlagen haben, mit dem wir uns vom Rest der Liga unterscheiden. Wir wissen, dass sich in der tschechischen Liga die Mannschaften am besten darauf verstehen, sich physisch vorzubereiten und dann über die Zweikämpfe die Ergebnisse einzufahren. Es wird also eine große Herausforderung für den Trainerstab. Aber ich bin mir sicher, dass er damit zurechtkommt“, so Navrátil.

Zudem betont der Vereinschef, dass gerade die Zugänge aus dem Ausland die fußballerische Qualität im Kader anheben sollen. Dabei nennt er die beiden kroatischen Mittelfeldspieler Fabijan Krivak und Marko Soldo, die Olmütz für diese Saison von Dinamo Zagreb verpflichtet hat.

Neben den vielen Anwärtern auf die oberen Plätze gibt es auch einige Vereine, die wohl eher gegen den Abstieg kämpfen werden. Mirko Vasić nennt vor allem Artis Brünn. Das Team stieg erst auf, nachdem der FK Karviná wegen der Verwicklung in Spielmanipulationen zum Zwangsabstieg verdonnert wurde und Tábor als zweitplatzierte Mannschaft der zweiten Liga für die höchste Spielklasse abgesagt hatte. Mitaufsteiger Zbrojovka Brünn traut der Fußballexperte hingegen zu, dem Abstiegskampf zu entgehen. Stattdessen sieht Vasić noch den FC Slovácko und den FC Zlín in den unteren Gefilden der Tabelle.

Artis Brünn bestritt sein historisch erstes Spiel in der höchsten Spielklasse. | Foto: Václav Šálek,  ČTK
Autor: Till Janzer | Quellen: Český rozhlas , ČTK
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