Vom Verlust der Heimat zur Aussöhnung: 75 Jahre Seliger-Gemeinde
Ein Dreivierteljahrhundert schon gibt es die Seliger-Gemeinde. Selbst wenn ihr Name ein bisschen wie eine kirchliche Vereinigung klingt, handelt es sich um einen Zusammenschluss auf politischer Basis. In diesem vereinigten sich die sudetendeutschen Sozialdemokraten in der Bundesrepublik Deutschland. Heute ist die Seliger-Gemeinde vor allem in den tschechisch-deutschen Beziehungen aktiv und anerkannt.
Ende August traf sich die Seliger-Gemeinde in Prag, um auch dort an ihren 75. Geburtstag zu erinnern. Schließlich hat sie sich die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf die Fahnen geschrieben. Und ihr gehören sowohl Mitglieder in Deutschland als auch in Tschechien an.
1951 wurde die Seliger-Gemeinde ins Leben gerufen – und zwar als Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten. Ihre Partei, die DSAP (Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik), hatte sich im Februar 1939 aufgelöst. Denn nach der Einverleibung der Sudetengebiete durch Hitlerdeutschland im Oktober des Vorjahres wurden die Sozialdemokraten verfolgt. Der Journalist Ulrich Miksch sitzt im Vorstand der Seliger-Gemeinde und hat sich intensiv mit ihrer Geschichte beschäftigt:
„Von den über 90.000 Mitgliedern der DSAP sind 20.000 in die KZs gesteckt worden und kamen nicht mehr zurück – das heißt, sie wurden getötet. Und jene, die ins Exil gelangten, es waren etwa 10.000, gründeten die Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten. Dadurch hielten sie die DSAP am Leben. Nach 1945 kamen sie dann vor allem nach Westdeutschland und integrierten sich erst einmal in die SPD.“
Gemeinsame Flucht- und Exilgeschichte mit SPD
Denn man kannte sich. So waren Teile der SPD nach Hitlers Machtergreifung in die Tschechoslowakei geflohen. Bis 1938 blieben sie hierzulande im Exil. Zudem bestanden gemeinsame Fluchtziele während des Zweiten Weltkriegs. Dennoch wollten die sudetendeutschen Sozialdemokraten in der Bundesrepublik aber ihre Herkunft betonen.
„Und das war der Grund, warum man dann die Seliger-Gemeinde gegründet hat. Im Juni 1951 wurde sie erst einmal registriert. Und am 10. und 11. November hielt man eine konstituierende Sitzung im Postgewerkschaftsheim in Brannenburg ab, von der es auch ein imposantes Foto gibt. Auf ihm sind diese Menschen zu sehen, die zum Teil aus dem Exil in Schweden und England zur Gründung gekommen waren“, so Miksch.
Aber wie kam es eigentlich zur Namensgebung?
„Wir heißen nach Josef Seliger. Er war einst der große Mann der böhmischen deutschen Sozialdemokratie. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts begriff er, dass man eine böhmische Landesorganisation gründen muss.“
Es war die Landesorganisation innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie. Darauf konnte Seliger dann 1918 nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik aufbauen und rief ein Jahr später die DSAP ins Leben. Dabei wandte er sich dezidiert gegen die revolutionäre Richtung, die vor allem von den Kommunisten vertreten wurde.
„Da hat er ganz klar Kante gezeigt und an den demokratischen Traditionen festhalten wollen. Und er hat auf dem letzten Parteitag, den er 1920 in Karlsbad noch wesentlich gestaltet hat, obwohl er schon krank war, durch sein Auftreten die Spaltung der Sozialdemokratie verhindert“, weiß Miksch.
In der DSAP wurde deswegen immer positiv an Seliger erinnert. Er starb bereits im Oktober 1920. Vier Jahre später sei sein Grab auf dem Alten Schönauer Friedhof in Bystřany / Wisterschan bei Teplice / Teplitz an den Parteivorstand übergeben worden, sagt der Journalist:
„Bei dieser Übergabe wurden einige Reden gehalten. Und dabei sagte jemand: ‚Ja eigentlich sind wir hier – die Funktionäre der Partei, Freunde und Bekannte – doch alle eine Seliger-Gemeinde.‘ Das muss wohl der Grund gewesen sein, warum man sich 1951 so genannt hat – in Erinnerung an Josef Seliger, der 1870 in der Nähe von Reichenberg geboren wurde und eben früh, mit nur 50 Jahren, an einer Blutvergiftung starb.“
Brücken schlagen
In der Bundesrepublik setzten sich die sudetendeutschen Sozialdemokraten laut Miksch auf produktive Weise mit ihrer neuen Heimat auseinander. Dazu gehörte auch, das Mitteilungsblatt der Seliger-Gemeinde auf den Namen „Brücke“ zu taufen. So heißt es auch heute noch. Dazu merkt Ulrich Miksch an:
„Das erste Mitteilungsblatt, das noch unter der Ägide der SPD in Bayern erschien, war aber keine Brücke zwischen Deutschen und Tschechen, wie wir das heute auffassen und was auch sinnvoll ist. Sondern es war damals eine Brücke zwischen neuen und alten Bürgern, also denen vor Ort. Es ging um die Integration und darum, eine Verbindung herzustellen.“
Auch der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Nürnberger war bei der 75-Jahresfeier in Prag. Er ist Mitglied des Bundesvorstandes der Seliger-Gemeinde und Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. Der Politiker merkte an, dass es längst nicht nur um eine Integration der sudetendeutschen Sozialdemokraten gegangen sei, sondern auch…
„…dass es ohne die sudetendeutschen Sozialdemokraten in der neuen Heimat Bayern viele Ortsvereine der SPD gar nie gegeben hätte. Gerade in den ländlichen und südlichen Regionen Bayerns waren mit ihnen erstmals Sozialdemokraten in einer solchen Stärke vertreten, dass es eigene Organisationen der SPD geben konnte – dank der sudetendeutschen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“, führt Nürnberger aus.
Und die Entwicklung sei weitergegangen, sagt Rita Hagl-Kehl. Sie ist Bezirksvorsitzende der SPD Niederbayern, ebenfalls ehemalige Bundestagsabgeordnete und heutiges Vorstandsmitglied der Seliger-Gemeinde. Seit diesem Jahr unterrichtet sie wieder als Gymnasiallehrerin in Freyung:
„Wir haben gerade in unserer Region auch viele, die dann Bürgermeister und Landräte gestellt haben. Ich komme aus einem Landkreis, in dem ein ehemaliger Sudetendeutscher lange Landrat war. Und er hat als SPDler dann auch soziale Politik gemacht. Das merken wir noch heute. Das Schulzentrum, an dem ich unterrichte, ist unter seiner Ägide gebaut worden. Er hat auch Hallenbäder initiiert, damit Sport getrieben werden kann. So hatten wir plötzlich Schwimmhallen und Turnhallen. Es sind alles Dinge, die die sudetendeutschen Sozialdemokraten in Böhmen damals auch ganz oben auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Man merkt noch die Prägung, die von dort mit hinübergeschwappt ist.“
Denn die Sudetendeutschen seien aus einer wirtschaftlich starken Region Europas in ein eher rückständiges Gebiet gekommen, wie Jörg Nürnberger ergänzt…
„Es war ja tatsächlich so, dass viele der sudetendeutschen Gebiete vor und bis zum Zweiten Weltkrieg wesentlich weiterentwickelt waren als mancher Landstrich in Bayern. Ohne da jemandem nahetreten zu wollen, aber im Bayerischen Wald und in Niederbayern, vielleicht auch im ländlichen Schwaben, waren weder die sozialen noch die wirtschaftlichen Strukturen derart ausgeprägt wie in West- oder Nordböhmen mit der Industrialisierung, die schon Jahrzehnte oder sogar 100 Jahre zuvor begonnen hatte. Sie hat eben erst das Arbeitermilieu, dieses sozialdemokratische Milieu hervorgebracht“, so der SPD-Politiker.
Schmerz des Verlustes
Dass die Seliger-Gemeinde die Tradition der SDAP aus der Tschechoslowakei fortsetzen wollte, zeigte sich auch personell. Ulrich Miksch:
„Der letzte Vorsitzende der DSAP war im März 1938 gewählt worden, es war Wenzel Jaksch. Er kam aus dem Exil zurück und wurde 1951 bei der Gründung der Seliger-Gemeinde zum Vorsitzenden gewählt.“
Und Jörg Nürnberger betont, dass die DSAP mehrfach an der tschechoslowakischen Regierung in der Zwischenkriegszeit beteiligt gewesen sei und diesen demokratischen Staat in der Mitte Europas ausdrücklich unterstützt habe:
„Es waren eben nicht die Leute wie später Henlein, die versucht haben, diesen Staat zu zerstören. Sondern sie sind bis zum Ende loyal zur Tschechoslowakei gestanden und haben dann unter der Hitler-Diktatur genauso gelitten wie die Menschen in den restlichen Landesteilen, die erst 1939 eingegliedert wurden.“
Umso bitterer sei die Tatsache gewesen, dass auch sie zusammen mit der restlichen deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, so Nürnberger…
„Dieser Schmerz spielte natürlich bei den Fragen in den Anfangszeiten der Seliger-Gemeinde eine ganz große Rolle. Ihn zu überwinden, sich zu öffnen und diese Brückenbauerfunktion im Geiste der 1970er und 1980er Jahre sowie jetzt in der Nachwendezeit zu übernehmen, war eine ganz große Leistung dieser Leute, auf deren Schultern wir die Arbeit fortführen dürfen.“
Jörg Nürnberger spielt dabei auf die Ostpolitik des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers, Willy Brandt, an. Denn offiziell stellte sich die Seliger-Gemeinde laut Ulrich Miksch nicht gegen die Idee, im Ostblock einen Wandel durch Annäherung zu erreichen. Allerdings muss es seinen Ausführungen nach intern große Auseinandersetzungen um den Kurs Brandts gegeben haben.
Und er deutet zudem an, dass sich wohl die Positionen der Seliger-Gemeinde in den ersten beiden Jahrzehnten ihres Bestehens nicht so sehr von den politischen Forderungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft und weiterer Vertriebenenorganisationen unterschieden. Dazu gehörten der Anspruch auf die Rückkehr in die frühere Heimat und die Rückgabe des Eigentums.
„Man hatte ja nicht nur eine politische Heimat verloren, sondern auch Nachbarn und soziale Zusammenhänge. Und da gab es sicher immer dieses Momentum, dass man zurück will und es Unrecht war. Das spielte sicher eine große Rolle“, sagt Ulrich Miksch.
Gegengewicht zur CSU
Im Bundestag waren die sudetendeutschen Sozialdemokraten durch drei SPD-Abgeordnete vertreten: Wenzel Jaksch, der letzte DSAP-Vorsitzende, Richard Reitzner und Ernst Paul. Sie sind schon längst tot – wie mittlerweile praktisch alle früheren DSAP-Mitglieder in den Reihen der Seliger-Gemeinde. Wer sind also heute die Mitglieder? Rita Hagl-Kehl verweist darauf, dass einige aus Familien sudetendeutscher Sozialdemokraten stammen würden, aber längst nicht alle:
„Es sind auch ganz viele dabei, die überhaupt keine solche Familiengeschichte haben, sondern die sagen, dass man gute Beziehungen zum Nachbarland Tschechien pflegen muss. Gerade in der Sozialdemokratie heißt es, dass man Frieden mit den Nachbarn will. Es ist ja immer auch die Idee der Sozialistischen Internationale gewesen, sich nicht zu bekämpfen, sondern zusammenzuhalten.“
Für Hagl-Kehl, die eine Uroma aus Böhmen hatte, war es den eigenen Worten nach wichtig, die deutsch-tschechischen Beziehungen weiterzuführen.
„Wir sind friedliebende Menschen und wollen nicht, dass der Nationalismus siegt. Sondern dass Brücken gebaut werden, dass man zusammenhält und den sozialdemokratischen Gedanken gemeinsam weiterträgt“, so die SPD-Politikerin.
Und Jörg Nürnberger verweist darauf, dass es selbst in der Nachwendezeit in Bayern nicht so einfach gewesen sei mit der Öffnung gegenüber dem Nachbarn im Osten:
„Es gab ja bayerische Staatsregierungen, die haben den Beitritt der Tschechischen Republik zur EU verhindern wollen – etwa mit Entscheidungen im Europaparlament. Es gab Widerstand der bayerischen Staatsregierung gegen die Arbeitnehmerfreizügigkeit, für die wir uns aber immer eingesetzt haben. Und es gab wegen angeblicher Sicherheitsbedenken den Widerstand aus der CSU gegen den tschechischen Beitritt zum Schengenraum.“
Da sei die SPD auch auf Bundesebene ein Gegengewicht gewesen, betont Nürnberger. Denn sie habe gesagt, dass man sich nicht über seine Nachbarn erhöhen dürfe, sondern zusammenarbeiten und ihre Empfindlichkeiten verstehen müsse…
„Das gelingt in einer Organisation wie der Seliger-Gemeinde, in der auch viele Menschen von der tschechischen Seite Mitglied sind, durchaus hervorragend. Und zwar weil gleichgesinnte Menschen guten Willens miteinander an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Deswegen kann es die Seliger-Gemeinde auch in Zukunft weitergeben. Das ist die Basis, auf der wir aufbauen – egal ob du Deutscher bist oder Tscheche, ob du ein Nachgeborener ehemaliger Sudetendeutscher bist oder nicht“, schließt Jörg Nürnberger.
Verbunden
-
Auf den Spuren der Vorfahren im Adlergebirge – Norbert Feichtinger erzählt
Während des Sudetendeutschen Tags vergangenes Wochenende begegnete ich auf dem Messegelände in Brno / Brünn Norbert Feichtinger.
-
„Ein historisches Ereignis“ – Sudetendeutscher Tag in Brünn
In Brno / Brünn hat am Wochenende der Sudetendeutsche Tag stattgefunden. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde das Pfingsttreffen in Tschechien ausgerichtet.








