Hauptrednerin, Autorin, Dokumentarfilm-Heldin: Mit Radka Denemarková auf der Frankfurter Buchmesse
Sie ist das Gesicht und die Stimme des diesjährigen tschechischen Gastlandauftritts auf der Buchmesse in Frankfurt: die preisgekrönte Schriftstellerin Radka Denemarková. Zur Eröffnung hielt sie eine flammende Festrede gegen das Ersticken der Freiheit. Doch sie ist in Frankfurt auch als Autorin neuer deutscher Übersetzungen und als Protagonistin eines Dokumentarfilms. Ein Treffen mit der Schriftstellerin vor Ort.
Die Freiheit des Wortes
Frau Denemarková, Sie haben die Festrede zur Eröffnung der diesjährigen Frankfurter Buchmesse gehalten, bei der Tschechien als Ehrengast im Mittelpunkt steht. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie gefragt wurden, diese Rede zu halten? Wussten Sie sofort, was Sie dem internationalen Publikum sagen möchten?
„Nein, absolut nicht. Aber ich wusste, dass es eine wirklich große Ehre ist. Ich habe dann mit dem Messedirektor Juergen Boos gesprochen, und das hat mir – das muss ich wirklich sagen – großen Mut gemacht. Er sagte mir, dass es auch für ihn eine Ehre sei. Er hatte eine meiner Diskussionen in Heidelberg besucht und mir versichert, man wolle, dass man auf dieser Bühne in Frankfurt frei reden könne. Und er sagte, man wünsche sich eine europäische Autorin als Rednerin, also mich. Das war für mich eine riesige Ehre, aber eben auch eine riesige Verantwortung.“
In Ihrer Rede haben Sie sich mit der Frage befasst, was die Rolle der Literatur oder eher die Aufgabe der Literatur ist sowie der Literaten, der Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Was ist das Wesentliche für Sie?
„Ja, ich brauche Hoffnung. In dieser Welt ist die Sprache so wichtig, weil viele Menschen nicht verstehen, dass die Meinungsfreiheit die Freiheit der wahren Wörter und der Fakten bedeutet. Meinungsfreiheit darf nicht das Kultivieren von Lügen bedeuten. In dieser Zeit, in der wir Künstliche Intelligenz als eine neue Totalität erleben, sind die von Menschen geschriebene Literatur und die Kunst allgemein unsere eigentliche Hoffnung. Das ist Humanismus. Nicht, dass viele Menschen uns eine Welt vorbereiten, in der man den Menschen nicht mehr braucht. So war es schon immer in der Geschichte der Menschheit, und so wird es bleiben: Die von Menschen geschriebene Literatur ist das Wichtigste, was wir haben. Und genau diese Aufgabe hat die Literatur auch heute. Sie muss da sein und das benennen, was andere nicht sehen wollen.“
Die von Menschen geschriebene Literatur als letzte Hoffnung
Und was ist es genau, das die Literatur benennen muss?
„Nur die Literatur ist in der Lage, Dinge im Kontext zu zeigen. Sie spürt, woher die Gefahr droht – eine Gefahr, die andere noch gar nicht wahrnehmen. Als Schreibende gehen wir Wege, auf die sich sonst niemand wagt. Dabei riskieren wir viel, manchmal sogar unser Leben. Aber genau das ist in der heutigen Zeit so wichtig: Wir müssen unsere Stimme den Opfern leihen, die selbst keine Stimme haben.“
Sie haben auch von einer engen Verbindung zwischen der Literatur und der Politik gesprochen. Wie kann man das verstehen?
„Jede gute Literatur ist von Natur aus politisch – weil sie menschlich ist und Humanismus bringt. Selbst wenn ich ein Gedicht über den Frühling und die Schwalben schreibe, ist es politisch, weil ich den Menschen damit das Bild einer ganz anderen Welt zeige. Aber selbstverständlich reagiere ich auf meine Epoche, denn auch ich bin ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt. Ich sehe doch, was wir heute – beispielsweise in Europa – leichtfertig aufs Spiel setzen, und wie sich diese neuen Formen von Totalitarismus und autoritären Strukturen ausbreiten. Genau deshalb muss die unabhängige Stimme der Literatur um jeden Preis erhalten bleiben.“
Warum jedes Frühlingsgedicht zutiefst politisch ist
Und wer sind die Adressaten dieser Stimme? Sind das nicht ohnehin meist Menschen, die von den gefährlichen Entwicklungen hin zum Totalitarismus kaum bedroht sind? Wer liest, gehört vermutlich nicht zur am meisten gefährdeten Gruppe, oder?“
„Es ist genau umgekehrt! Das war schon immer so in der Geschichte der Menschheit: Wenn Krisen eskalieren und Totalitarismen die Macht übernehmen – ganz egal, ob während der NS-Zeit oder im kommunistischen Totalitarismus des 20. Jahrhunderts –, brauchen sensible Menschen die Kunst. Denn Kunst ist von Natur aus bereits Widerstand gegen die Brutalität. Ich erlebe das in allen Ländern: Auf einmal suchen die Menschen Zuflucht in dieser Parallelwelt, in der sie diesen tiefen Humanismus spüren können. Und genau das leistet die Literatur. Wissen Sie, selbst im Ghetto Theresienstadt haben die Menschen Gedichte geschrieben und gelesen, obwohl sie wussten, was sie erwartete. Genau das meine ich, wenn ich davon spreche, politisch zu sein. Das hat nichts mit Parteipolitik oder dem öffentlichen Diskurs politischer Parteien zu tun. Es bedeutet, sich für den anderen Menschen zu engagieren.“
Universelle Solidarität gegen die Verrohung der Welt
Sie sprechen von vielen verschiedenen Ländern und haben selbst einen Großteil der Welt bereist. Ihre Bücher sind ja in fast 30 Sprachen übersetzt worden. Wie unterscheiden sich die Reaktionen in Kulturen, die sich vielleicht stark von jener der europäischen oder tschechischen Prägung unterscheiden?
„Meine Bücher werden am besten verstanden, wo die Situation schwierig wird. Am Ende sind die Menschen nämlich überall gleich. Ich betrachte die Geschichte zwar oft durch die Brille Mitteleuropas, aber auf der emotionalen Ebene – dem eigentlichen Wesen der Literatur – fühlen Menschen weltweit absolut identisch. Natürlich liest jeder meine komplexen Romane anders. Was mich jedoch über Grenzen hinweg trägt, ist die Solidarität von Leserinnen und Lesern, die angesichts der Brutalität und Vulgarität des heutigen öffentlichen Raums wie gelähmt sind. In dieser Verbundenheit liegt unsere Hoffnung.“
Wie viele Länder haben Sie besucht, um Ihre Bücher vorzustellen und mit den Lesern zu sprechen?
„Das waren bestimmt schon über 50 Länder. Ich sage immer: Ich begleite meine Bücher hinaus in die Welt. Und meine Bücher geben mir die Informationen über diese Welt. Genau darin liegt auch meine Stärke. Denn die Politik und die Gesellschaft in den einzelnen Ländern betrachten Probleme meist nur im engen Rahmen ihrer eigenen Staatsgrenzen. Aber ich sehe das im Kontext.“
Haben Sie auf diesen Reisen vielleicht ein Land besucht, das eine Ausnahme bildet? Sie warnen ja eindringlich vor den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa und im Westen – vor dieser schleichenden Tendenz zum Totalitarismus, zum Faschismus, davor, dass Europa wieder ‚braun‘ wird. Gibt es ein Land, in dem Sie diese Entwicklung nicht erlebt haben?
„Das ist eine schwierige Frage. Für mich war es extrem hart, zwei Jahre in China zu verbringen. Inzwischen habe ich dort ein lebenslanges Einreiseverbot. Die ständigen Wohnungsdurchsuchungen und die Beschlagnahmung meines Handys waren alles andere als einfach. Doch in diesem Kontext habe ich Taiwan besucht – auf dieser Insel existiert eine schöne Form der Demokratie. Natürlich wissen wir nicht, wie lange sie standhalten kann, aber es gibt sie. Aber etwas Positives: Ich war im vergangenen Frühling in Kanada, vor den dortigen Wahlen. In den Umfragen führten bereits die Rechtsextremen. Doch als Donald Trump laut darüber nachdachte, Kanada als 51. Bundesstaat der USA zu schlucken, löste das im Land eine Welle der Solidarität aus. Sogar die Spannungen zwischen dem englisch- und französischsprachigen Teil waren vergessen. Und am Ende gewannen die demokratischen Parteien.“
Böhmen liegt am Meer: Ein Aufbrechen aller Grenzen
Kommen wir noch zur Buchmesse. Tschechien präsentiert sich hier unter dem Motto „Ein Land an der Küste“. Was sagen Sie dazu? Gefällt Ihnen dieses Bild?
„Mir gefällt es sehr. Das liegt keineswegs nur an der Verbindung zu Shakespeare. Ich schätze beispielsweise auch das Gedicht ‚Böhmen liegt am Meer‘ von Ingeborg Bachmann sehr. Für mich persönlich ist dieses Bild jedoch vor allem ein Symbol dafür, dass wir tatsächlich ein Land an der Küste sind – eben weil wir Europäer und ein Teil der gesamten Menschheit sind. Und es bedeutet auch: Die Literatur – die unabhängige, von Menschen geschriebene Literatur – kennt keine Grenzen.“
Was sagen Sie zu der Gestaltung der tschechischen Präsentation hier? Ist die gelungen?
„Ich bin absolut zufrieden. Es ist einfach wichtig, dass Tschechien so auf der Frankfurter Buchmesse präsent ist. Ich bin nun schon zum 18. Mal hier. Jedes Mal, wenn ein anderes Land Ehrengast war – sei es Georgien oder auch Norwegen –, war ich sehr dankbar dafür, diese Bücher auf Deutsch lesen zu können, deren Originalsprache ich selbst gar nicht beherrsche. Ich bin sehr froh, dass die Welt nun sieht, welche Perspektiven die Tschechische Republik zu bieten hat und wie reich unsere Tradition im europäischen Humanismus ist. Es bedeutet mir viel, dass hier Namen wie Jan Amos Komenský oder Václav Havel fallen. Genau das ist es, was wir brauchen: diese künstlerische Solidarität quer durch Europa.“
„Schokoladenblut“ und „Kobold“
Sie spielen hier bei der Buchmesse gleich mehrere Rollen. Wir haben über die feierliche Eröffnung gesprochen, aber Sie sind vor allem Autorin und präsentieren hier auch Ihre Bücher. Welche sind es? Welche sind jetzt auf Deutsch erschienen?
„Das freut mich wirklich sehr! Zum einen präsentiere ich meinen Roman ‚Schokoladenblut‘. Er hat im deutschsprachigen Raum tolle Rezensionen erhalten und wurde sogar zum Buch des Monats gekürt. Zum anderen präsentiere ich den Roman ‚Kobold‘, der aktueller denn je ist. Zudem gibt es eine Auswahl meiner essayistischen Texte aus den vergangenen zehn Jahren, die bisher nur auf Chinesisch und Englisch erschienen waren und un unter dem Titel ‚Odradek und die Prager Schwalbe‘ erstmals gesammelt auf Deutsch vorliegen. Und zudem gibt es noch ein Projekt auf Französisch. Während meiner intensiven Vorbereitung auf die Eröffnungsrede hatte ich so viele Themen im Kopf. Ein französischer Kollege riet mir schließlich, diese Gedanken in einem eigenständigen Essay festzuhalten, so entstand ein Buch unter dem Titel ‚La Fascination pour le diable‘.“
„Schokoladenblut“ ist der bisher letzte Roman von Ihnen, den Sie auf Tschechisch geschrieben haben. Worum geht es darin?
„Ich wollte ergründen, wo unsere heutigen Probleme begonnen haben – und stieß unweigerlich auf das 19. Jahrhundert mit seinem Nationalismus und brutalen Kapitalismus. Gleichzeitig sollte der Roman zeigen, was Freiheit bedeutet. Als Schauplätze habe ich die Habsburgermonarchie, Frankreich mit den ersten großen Gedanken der Aufklärung und der Menschenrechte sowie die Vereinigten Staaten von Amerika, in denen damals bereits unsere heutige Zukunft geschrieben wurde, gewählt. Deshalb stehen Božena Němcová, George Sand und John D. Rockefeller im Zentrum. Ich habe das Buch wie ein antikes Drama konzipiert. Doch während der Chor dort traditionell namenlos bleibt, hat meiner unendlich viele Namen. Ich wollte Božena Němcová endlich in die bestmögliche Gesellschaft holen – an die Seite der größten Künstler ihrer Epoche.“
Zwei Jahre unter Beobachtung: Ein Filmprojekt
Außerdem wird hier auch ein Film präsentiert, in dem Sie nicht die Autorin sind, sondern das Objekt. Sie stehen da im Fokus. Wie ist diese Dokumentation entstanden?
„Als ich vor drei Jahren wegen der Dokumentation angefragt wurde, habe ich mir drei Monate Bedenkzeit genommen. Ich wollte keinen Film über mein Privatleben. Spannend wurde es erst dadurch, dass mich das Team fast zwei Jahre lang weltweit begleitete – unter anderem nach Israel, Palästina und Taiwan. Der Film zeigt nun ungeschminkt die Krankheiten unserer Zeit und warum Literatur überlebenswichtig ist. Es war ein ungeheuer mutiges, unkonventionelles Projekt. Trotz des enormen Stresses, den ein 24-Stunden-Dreh mit sich bringt, bin ich den Filmemachern für diesen Mut sehr dankbar.“
Wenn Sie eigentlich immer auf Reisen sind, Ihre Bücher begleiten und sich mit Menschen in vielen Ländern treffen, haben Sie überhaupt Ruhe und Gedanken für ein neues Buch?
„Nach ‚Stunden aus Blei‘ meinten viele, dieses Buch müsse mich doch unendlich viel Energie gekostet haben. Und direkt im Anschluss habe ich ‚Schokoladenblut‘ geschrieben! Ich arbeite im Grunde immer parallel an zwei Romanen gleichzeitig. Mein nächster Roman wird wieder ein spannendes Panorama – eine Parallelgeschichte, die sich zwischen Mitteleuropa und Taiwan aufspannt. Es wird also wieder ein frecher Roman.“
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