Von der Geschichte zu den Geschichten: Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds auf Frankfurter Buchmesse

Am Messestand des Zukunftsfonds

Tschechische Stimmen in Deutschland hörbarer machen – mit diesem Ziel engagierte sich der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds in diesem Jahr als Hauptpartner des tschechischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse. Wie bringt man Literatur über die Grenze? Welche Trends gibt es zu entdecken? Und warum geht in dieser Branche gar nichts ohne puren Enthusiasmus? Martin Hudec ist beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds für die Förderung von Buchprojekten zuständig. Hören Sie ein Interview, das RPI in Frankfurt mit ihm geführt hat.

Mehr Gehör für tschechische Stimmen

Herr Hudec, wenn Sie das Stichwort tschechische Literatur in Deutschland hören, was fällt Ihnen als erstes ein?

„Dass die tschechische Literatur keine einfache Position hat. Auch deshalb ist der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds Hauptpartner des tschechischen Gastlandauftritts in diesem Jahr in Frankfurt. Wir erhoffen uns von diesem Auftritt und natürlich auch von unserer weiteren Förderung, dass die tschechischen Stimmen in Deutschland dann stärker gehört werden.“

Sie sind beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds eben für Bücher und Publikationen und die Förderung der Editionen zuständig. Der Fonds hat in seinen fast 30 Jahren Existenz bisher rund 1300 Bücher gefördert. Welche Genres stehen dabei im Vordergrund? Lässt sich im Laufe der Jahre eine Entwicklung beobachten?

„Es ist eine sehr breite Palette, die von Belletristik und Poesie über wissenschaftliche Publikationen und Fachbücher bis hin zu Ausstellungskatalogen reicht. Grundsätzlich unterstützen wir Übersetzungen vom Deutschen ins Tschechische und umgekehrt, aber natürlich auch eine Reihe von zweisprachigen, deutsch-tschechischen Publikationen. Bei der Vorbereitung auf unsere Präsentation hier in Frankfurt haben wir nicht nur die von Ihnen erwähnte Statistik von 1300 Büchern erstellt, was eine beachtliche Anzahl ist. Wir haben uns auch Gedanken über aktuelle Trends gemacht. Dabei konnten wir feststellen, dass sich der Fokus von der Erforschung der Geschichte hin zu den Geschichten verschoben hat. Ebenso spielt eine Rolle, was diese historische Forschung für uns heute und für die Zukunft bedeutet.“

Martin Hudec | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

In 30 Jahren ein Buch pro Woche gefördert

Sie sprechen von Übersetzungen aus dem Deutschen ins Tschechische, aus dem Tschechischen ins Deutsche… Ist der Strom in einer der Richtungen massiver?

„Ich glaube, es ist durchaus ausgeglichen. Hier in Frankfurt geht es wie gesagt darum, tschechische Autoren und Autorinnen in Deutschland bekannter zu machen. Für uns, und das ist unser Alleinstellungsmerkmal, sind jedoch beide Richtungen gleichermaßen wichtig. Wir sind daher sehr froh, dass wir auch viele Übersetzungen aktueller Werke deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Tschechische fördern können.“

Hier in Frankfurt geht es vor allem darum, die tschechische Literatur nach Deutschland zu bringen. Sie beobachten diesen Weg und die Arbeit der Menschen, die sich dafür einsetzen, schon länger. Haben diese Verlage, Institutionen und Akteure einen gemeinsamen Nenner? Ist es für sie ein rein persönliches, leidenschaftliches Engagement, oder ist die tschechische Literatur für sie am Ende nur eine unter vielen?

„Das ist recht unterschiedlich. Es gibt Verleger, deren Großeltern beispielsweise aus der Tschechoslowakei stammten, und damit also durchaus persönliche Bezugspunkte. Wenn ich jedoch einen gemeinsamen Nenner nennen müsste, dann ist es auf jeden Fall Enthusiasmus. Hinter jedem der erwähnten 1300 Bücher, die wir als Fonds gefördert haben – was im Schnitt ein Buch pro Woche bedeutet –, steht ein konkreter Mensch. Wir freuen uns sehr, dass die Akteure auf beiden Seiten der Grenze so engagiert sind. Denn ohne diesen Enthusiasmus lässt sich in diesem Bereich nur sehr wenig bewegen.“

Enthusiasmus erforderlich

Gibt es bestimmte Verlage in Deutschland, für die die tschechische Literatur wirklich ein Schwerpunkt ist?

Anna Bolavá | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Ich habe eingangs erwähnt, dass es nicht einfach ist, tschechische Literatur nach Deutschland zu bringen. Es gibt jedoch vier oder fünf Verlage, mit denen wir seit Jahren kontinuierlich zusammenarbeiten und die uns über den gesamten Förderzeitraum hinweg die Treue gehalten haben. Besonders aktiv ist hier der Mitteldeutsche Verlag, der aktuelle tschechische Belletristik auf Deutsch herausgibt. Dabei ist etwas gelungen, das ich für extrem wichtig halte und worüber wir auch auf unserem Stand in Frankfurt bei einer Podiumsdiskussion gesprochen haben: Dem Mitteldeutschen Verlag gelingt es nach und nach, tschechische Autorinnen in Deutschland dauerhaft zu etablieren. Wir haben dort beispielsweise bereits das zweite Buch von Anna Bolavá gefördert. In Deutschland hat sich um sie herum bereits eine Art Fangemeinde gebildet. Das erleichtert natürlich die nächsten Schritte und ebnet den Weg für weitere tschechische Autorinnen und Autoren.“

Sie haben es schon mehrmals wiederholt, es ist nicht einfach für die Verleger. Ist es ein Risiko für sie, oder was sind die Hürden?

„Dieses Risiko müssten die Verleger wohl selbst einschätzen. Ich würde aber sagen: Ohne Risiko geht es in dieser Branche generell nicht. Genau deshalb sind wir mit unserer kontinuierlichen Förderung da. Die Verleger wissen, dass sie sich in dieser Hinsicht voll und ganz auf uns verlassen können.“

Gegenwartsautorinnen

Legt die tschechische Literatur  bestimmte Themen oder Stoffe vor, die für die deutschsprachigen Verleger besonders attraktiv sind?

„Ich glaube, das Wichtigste ist grundsätzlich die Authentizität der jeweiligen Stimme. Im deutschsprachigen Kontext gibt es nach wie vor Themen aus der Vergangenheit, die literarisch aufgearbeitet werden – wie etwa die deutsch-tschechische Geschichte in den Grenzgebirgen, also vom Böhmerwald über das Erz- und Isergebirge bis hin zum Riesengebirge. In diesem Bereich entsteht weiterhin eine breite Palette an unterschiedlichsten Publikationen: von Foto- und Bildbänden bis hin zu Büchern, die die konkreten Lebensgeschichten einzelner Menschen aus diesen Regionen erzählen.“

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds unterstützt die Übersetzung und Herausgabe tschechischer Bücher in Deutschland. Wie läuft das konkret ab? Wenden sich die Verlage direkt an Sie? Und ist diese finanzielle Unterstützung das Einzige, was Sie leisten, oder bieten Sie noch weitere Hilfestellungen an?

„Bei uns können sowohl Verlage als auch Einzelpersonen einen Antrag stellen – also auch Autoren, Autorinnen oder Übersetzer. Bei Einzelpersonen handelt es sich dann allerdings um eine etwas andere Projektart. Während wir bei klassischen Buchprojekten bis zu 50 Prozent der Übersetzungs- und Druckkosten übernehmen, können wir darüber hinaus auch anschließende Aktivitäten fördern. Dazu gehören beispielsweise Lesereisen oder Übersetzer-Workshops. Hier in Frankfurt haben wir wieder sehr deutlich gespürt, dass Literatur Räume für Begegnungen schafft. Genau um diese deutsch-tschechischen Begegnungen geht es uns, da sie maßgeblich zum gegenseitigen Verständnis beitragen.“

Stand des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Wiederaufgetauchte Bücher von Václav Havel und Ivan Klíma

Findet sich auf dem deutschen Buchmarkt einen tschechischen Hit? Ein Buch, das Sie besonders empfehlen möchten?

Ivan Klíma: „Mein Prag“ | Foto: Kosmas

„Einen Hit im rein kommerziellen Sinne könnten und dürften wir gar nicht fördern. Es wäre zudem unfair, jetzt ein einzelnes Buch oder einen bestimmten Verlag herauszugreifen. Ich möchte es lieber etwas breiter betrachten: Ganz frisch wurde hier auf der Messe das Buch ‚Jenseits von Prag‘ präsentiert. Dafür haben wir die Residenzaufenthalte von zwölf deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefördert, die für jeweils drei bis vier Wochen in verschiedenen böhmischen und mährischen Städten zu Gast waren. Aus diesen Aufenthalten sind Erzählungen entstanden, die in diesem Buch jetzt publiziert wurden. Es gibt aber noch viele andere Publikationen, wie das Buch ‚Mitten am Rande‘ von Antikomplex oder die kunsthistorischen Bände von Arbor Vitae, die die deutsch-böhmische Kunst wieder ans Licht bringen. Es freut mich auch, dass in Deutschland namhafte Autoren wie Václav Havel oder Ivan Klíma in einem aktuellen Kontext neu präsentiert werden. Den Verlagen ist es zur Frankfurter Buchmesse gelungen, ein wiederentdecktes Manuskript von Václav Havel unter dem Titel ‚Ich habe es irgendwo versteckt‘ auf Deutsch herauszubringen. Zudem war Ivan Klímas Sohn, Michal Klíma, bei uns am Stand, um das neue, aus dem Nachlass seines Vaters veröffentlichte Buch ‚Mein Prag‘ vorzustellen.“

Václav Havel. Ich habe es irgendwo versteckt | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Wir treffen uns am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse. Wenn Sie zurückblicken, was hat die Teilnahme als Ehrengast hier gebracht?

„Ich glaube, für eine endgültige Bilanz ist es noch ein bisschen zu früh. Aber was mir eine wirklich große Freude bereitet hat: Wir haben den Stand des Zukunftsfonds nicht nur genutzt, um unsere eigene Arbeit und Förderung zu präsentieren. In einer sogenannten ‚Verleger-Ecke‘ haben wir den Raum auch für rund 20 Verlage geöffnet, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten. Das hat zu vielen sehr schönen, freundschaftlichen Begegnungen geführt. Es kamen viele Menschen vorbei, die sich die Publikationen angeschaut und das direkte Gespräch mit den Verlegern gesucht haben. In dieser Hinsicht kann ich schon jetzt sagen, dass wir einfach sehr zufrieden sind.“

schlüsselwörter:
abspielen

Verbunden