Neue Zukunftsfonds-Leiterin Sehlbach: Starkes Europa wird durch viele kleine Fäden zusammengehalten
Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds hat auf der deutschen Seite eine neue Geschäftsführerin. Die Juristin Susanne Sehlbach hat das Amt übernommen und wird von nun ab ihre Zeit zwischen Berlin und Prag aufteilen. Mit dem Fonds arbeitet sie seit über 25 Jahren zusammen. Als Mitarbeiterin der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) begleitete sie ab 2001 die Auszahlungen des Fonds an ehemalige Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer in Tschechien. Und seit 2022 war sie Mitglied seines Wirtschaftsprüfungsausschusses. RPI hat mit Susanne Sehlbach über ihre Beziehungen zu Tschechien und ihre Prioritäten an der Spitze des Zukunftsfonds gesprochen.
Frau Sehlbach, herzlich willkommen in Prag. Sie haben Anfang des Jahres die Position der deutschen Geschäftsführerin des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds übernommen und stehen jetzt zusammen mit Ihrem tschechischen Kollegen Tomáš Jelínek an dessen Spitze. Dieser Fonds wurde aufgrund der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 gegründet und hat 1998 seine Tätigkeit aufgenommen. Waren die deutsch-tschechischen Beziehungen schon damals für Sie ein Thema?
„Ja, ich kann mich an die Zeit sehr gut erinnern, als die Erklärung verhandelt wurde. Denn ich habe im Frühjahr 1996 ein mehrmonatiges Praktikum in der Kanzlei des Präsidenten der Republik, Václav Havel, gemacht. Ich war dort in der Auslandsabteilung. Ein Teil meiner Tätigkeit war die Pressebeobachtung, und zu der Zeit waren tatsächlich die deutsch-tschechischen Beziehungen fast täglich in der Presse, sodass ich das sehr aufmerksam verfolgt habe. Aber das war auch nur ein Teil, ähnlich ist es mir schon 1991 gegangen. Im Studienjahr 1991–92 war ich für ein ganzes Jahr in Prag, und zu der Zeit wurde der Nachbarschaftsvertrag verhandelt. Da hatte ich das also auch schon ähnlich erlebt und live mitbekommen.“
Können Sie sich an Ihren allerersten Besuch hierzulande erinnern, an Ihre erste Begegnung mit Tschechien?
„Ja, da kann ich mich gut erinnern. Dazu muss man vielleicht wissen, dass ich aus dem Rheinland stamme, das tief im Westen ist und von Tschechien sehr weit weg. Als die Mauer und der eiserne Vorhang fielen, waren wir neugierig auf alles, was dahinter war. Meine Mutter und ich haben 1990 erst einen Besuch in den neuen Bundesländern gemacht, sind aber dann eben auch auf den Spuren meines Vaters gewandert. Er ist 1979 verstorben, aber ist 1919 als Sudetendeutscher in Kadaň (deutscher Name: Kadan, Anm. d. Red.) geboren. Wir haben uns ein bisschen die Gegend angeguckt, aus der mein Vater stammt. Das hat mich fasziniert und uns sehr gut gefallen. Kurz danach habe ich dann meine zweite Reise in die Tschechoslowakei unternommen, auch mit meiner Mutter, wo wir eher die Schreckensorte gesehen haben, die der Nationalsozialismus hier angerichtet hat. Da sind mir Lidice und Terezín am meisten im Gedächtnis geblieben.“
Ihr Leben, sowohl privat als auch beruflich, ist durch einen starken Tschechien-Fokus beziehungsweise einen Ost-Mitteleuropa-Fokus geprägt. Sie sprechen sehr gut Tschechisch und haben schon einige Möglichkeiten genannt, die Sie genutzt haben, um in Tschechien und in den Ländern im Osten tätig zu sein. Können Sie ein bisschen mehr darüber erzählen, über diesen Werdegang und Ihre Arbeit?
„Ich habe jede Möglichkeit genutzt, um eine gewisse Zeit im Land zu verbringen.“
„Nachdem ich ein Jahr in Tschechien verbracht und einen Intensivsprachkurs gemacht habe, war ich von Land, Leuten und auch der Sprache so infiziert, dass ich jede Möglichkeit genutzt habe, um eine gewisse Zeit im Land zu verbringen. In Deutschland habe ich in Passau studiert, weil das sehr nah an der Grenze war, und dann alle möglichen Praktika hier in Tschechien, hauptsächlich in Prag gemacht. Ich habe an einer tschechischen Schule Deutschunterricht gegeben, in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, ich war an der Deutschen Botschaft. Während dieses Sprachkurses habe ich auch viele Menschen kennengelernt, die aus Osteuropa stammten und sich auf Russisch miteinander verständigt haben. Und das hat mich dann veranlasst, auch Russisch zu lernen und in ein anderes Land, noch weiter nach Osteuropa zu gehen. Ich bin zwei Monate in Kaliningrad gewesen. Es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, an einem Ort zu sein, der eine deutsche Vergangenheit hat. Und wie unbefangen die Menschen dort mit dieser Vergangenheit umgehen, wenn eben keine Rückkehransprüche im Raum stehen. Das war eine ganz besondere Zeit für mich.“
Sie haben ein Praktikum in der Präsidialkanzlei bei Präsident Václav Havel erwähnt. Das muss eine ganz besondere Begegnung gewesen sein…
„Václav Havel war der Mensch, der mich veranlasst hat, für längere Zeit nach Tschechien zu gehen.“
„Ich habe ihn natürlich nicht sehr häufig gesehen. Aber ich hatte die Gelegenheit, ihn bei mehreren Anlässen zu treffen. Václav Havel war überhaupt der Mensch, der mich veranlasst hat, für diese längere Zeit nach Tschechien zu gehen – weil ich eine große Bewunderung für die Samtene Revolution und auch für seine Tätigkeit, seine Worte, seine Schriften hatte. Es war mir eine unglaubliche Ehre, in der Präsidentenkanzlei dieses Praktikum machen zu dürfen. Dort waren im Übrigen mehrere ausländische Studenten, also alles sehr offen. Es war seine Politik, dass dort eben auch andere Blickwinkel miteinfließen.“
Und was haben Sie dort gemacht? Was war der Inhalt Ihrer Arbeit in der Präsidialkanzlei?
„Ein großer Teil war das Sammeln der deutschen Presse. Und ansonsten auch ein paar Bürgerschreiben vorbereiten, etwas in dieser Art.“
Kommen wir jetzt zum Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, den Sie seit 25 Jahren begleiten. Sie haben in der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gearbeitet. Dabei ging es um die Entschädigung der NS-Opfer und NS-Zwangsarbeiter…
„In der Stiftung EVZ war ich Leiterin des Prüfteams, das damals für die NS-Opfer in Tschechien zuständig gewesen ist.“
„Die Stiftung EVZ hat die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter praktisch weltweit veranlasst. Sie organisierte die Auszahlungen an die Partnerorganisationen, von denen einer der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds gewesen ist, nach einer stichprobenartigen Prüfung der Bearbeitung von Anträgen von Opfern. Ich war Leiterin des Prüfteams, das damals für die NS-Opfer in Tschechien zuständig gewesen ist. Ich bin deshalb sehr regelmäßig hier in Prag gewesen und habe die Anträge gesehen, habe aber auch NS-Opfer getroffen und natürlich auch die Mitarbeiter des Fonds. Das war schon eine sehr prägende Zeit für mich – eben nicht nur aus Berlin, aus der Ferne, diese Anträge auf Papier zu sehen, sondern hier mit realen Menschen zu tun zu haben und zu sehen, was das für diese Menschen bedeutet. Das hat mich sehr beeindruckt und auch sehr geprägt.“
Diese Auszahlungen wurden nach zwölf Jahre abgeschlossen. Sind Sie in der nachfolgenden Zeit mit dem Zukunftsfonds in Kontakt geblieben?
„Die Stiftung EVZ hat auch weiterhin Projekte mit dem Zukunftsfonds gemacht. Und da ich dort noch längere Zeit als Justiziarin tätig war, habe ich einige von diesen Projekten begleitet. Aber auch persönliche Beziehungen waren in der Zeit entstanden, sodass ich den Zukunftsfonds schon immer im Blick hatte. 2019 habe ich bei dem Nachbarschaftsfest in Pilsen mit einem Verein aus meiner Nachbarschaft teilgenommen und war auch bei diversen Veranstaltungen. Aber es war ein bisschen lockerer in der Zeit.“
Der Zukunftsfonds besteht seit 28 Jahren und ist auf verschiedenen Gebieten tätig. Die Zusammenarbeit mit der Stiftung EVZ stand am Anfang, und man wandte sich damals an die älteste Generation. Es ging um die Überwindung der Lasten der Vergangenheit. Das Thema des Jahres 2026 heißt „Die Generation unseres Jahrhunderts“, und damit ist das 21. Jahrhundert gemeint. Worin sehen Sie heute die größten Aufgaben in den gegenseitigen deutsch-tschechischen Beziehungen?
„Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir ein vereintes, ein starkes gemeinsames Europa haben, das eben durch diese vielen kleinen Fäden, die bestehen, zusammengehalten wird.“
„Ich denke, dass wir weiterhin sehr große Herausforderungen haben, auch wenn sie einer ganz anderen Art sind, als das früher gewesen ist. Ich meine, wir leben ja in einer Zeit von politischen Umbrüchen, von Polarisierung. Die Kriege sind wieder näher gerückt, und das macht vielen Menschen in Deutschland und in Tschechien Angst. Dazu drücken wirtschaftliche Probleme oder die Inflation, und der demografische Wandel verschiebt diese Sorgen. Und das kann natürlich auch dazu führen, dass ehrenamtliches Engagement zurückgeht beziehungsweise die Kapazitäten dafür sinken und die Kraft nicht bleibt. Gerade jetzt ist es aber wichtig, dass wir ein vereintes, ein starkes gemeinsames Europa haben, das eben durch diese vielen kleinen Fäden, die bestehen, zusammengehalten wird. Es ist, denke ich, eine große Herausforderung, dass man dies weiter fördert und unterstützt.“
Um dies fördern und unterstützen zu können, braucht man Fördermittel. Ist die Finanzierung des Fonds gesichert, oder wie steht es aktuell damit?
„Der Zukunftsfonds ist bis zum Jahr 2027 finanziell gesichert. Nun ist die Verlängerung Teil der Haushaltsverhandlungen in beiden Ländern.“
„Gesichert ist der Fonds bis zum Jahr 2027. Bis dahin läuft die jetzige finanzielle Ausstattung. Aber die deutsche Regierung hat sich im Koalitionsvertrag bereits zu einer Verlängerung bekannt. Auch der tschechische Premierminister hat bei seinem Besuch in München bekräftigt, dass der Fonds für eine weitere Zehnjahresperiode finanziert werden soll. Nun ist die Verlängerung Teil der Haushaltsverhandlungen in beiden Ländern.“
Dieses Jahr ist ein großes Thema im deutsch-tschechischen Kulturaustausch die Frankfurter Buchmesse, bei der Tschechien Gastland ist. Der Zukunftsfonds ist ein Partner dieser Veranstaltung und hat sogar ein spezielles Förderprogramm ausgeschrieben. Wie groß ist das Interesse?
„Das Interesse hat unsere Erwartungen durchaus übertroffen. Bisher wurden schon 23 Projekte mit einer Gesamtsumme von ungefähr sechs Millionen Kronen (246.000 Euro, Anm. d. Red.) bewilligt. Und weitere 19 Projekte sind für die folgende Sitzung des Verwaltungsrats beantragt. Es gibt eine große Bandbreite an Projekten, die stattfinden sollen. Das sind zum Teil Übersetzungen von Publikationen, aber auch Ausstellungen und Autorenlesungen. Das zeigt also wirklich ein großes Interesse an diesem Thema. Und ich hoffe, dass es dazu führt, Tschechien in Deutschland noch bekannter zu machen.“
Sie wurden am Anfang des Jahres in den Geschäftsführerposten ernannt. Anfang März haben Sie das Amt in vollem Umfang übernommen. Was waren Ihre ersten Schritte hier in Prag?
„Ganz persönlich war es für mich wundervoll, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen und das Gefühl zu haben, hier nicht mehr nur zu Besuch zu sein, sondern eben teilweise hier zu leben. Das war mir ganz persönlich sehr wichtig. Ansonsten ist es großartig, Teil dieses Teams zu sein, das ich ja auch schon vorher im Wirtschaftsprüfungsausschuss kennengelernt habe. Und ich bin direkt eingestiegen. Jetzt im März findet die erste Verwaltungsratssitzung des Jahres statt, auf der die Projekte bewilligt werden sollen. Ich habe mich also mit den aktuellen Anträgen und Ausschreibungen befasst. Das war wirklich ein toller Einstieg, direkt mitten hinein und gleich sehen, welche große Bandbreite der Fonds eigentlich fördert.“
„Ich habe bei der Durchsicht der Projekte gesehen, dass es auch immer wieder neue Partnerschaften gibt. Das finde ich sehr wichtig in Bezug auf die Herausforderungen, die uns in den kommenden Jahren treffen.“
Wofür möchten Sie sich als Co-Vorsitzende des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds nun einsetzen? Was sind Ihre Prioritäten?
„Ich habe bei der Durchsicht der Projekte gesehen, dass es auch immer wieder neue Partnerschaften gibt. Das finde ich sehr, sehr wichtig in Bezug auf die Herausforderungen, die uns in den kommenden Jahren treffen. Dieses Potenzial möchte ich gerne weiter fördern. Weil ich persönlich aus einer Ecke von Deutschland komme, in der Tschechien sehr weit weg ist, möchte ich Partnerschaften fördern, die in entfernteren Gegenden bestehen. Die Herausforderungen sind ja sehr groß für die Menschen, und diese weiter zu mobilisieren und zu unterstützen, ist sehr wichtig. Und dabei eben eigene Strukturen so zu schaffen, dass wir flexibel bleiben, auf diese Herausforderungen reagieren und den Menschen ein verlässlicher Partner sein können.“
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