Tschechisch-deutsche Erinnerungskultur: Der Zukunftsfonds und sein Sonderförderprogramm
Vergangene Woche hat der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds eine Bilanz gezogen seines dreijährigen Förderprogramms für Organisationen der Erinnerungskultur. Was wurde alles erreicht? Radio Prag International war bei der Veranstaltung, die anlässlich der Konferenz der Memory Science Association in Prag stattfand, und hat mit Beteiligten gesprochen.
Es sind elf Organisationen aus Tschechien und Deutschland. Sie arbeiten an neuen Formen der Erinnerungskultur. Und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds hat sie drei Jahre lang in dieser Tätigkeit gefördert.
Eine der Initiativen nennt sich Time Machine Česko. Sie gehöre zur International Time Machine Organisation, sagt der Historiker Jindřich Kolda von der Universität in Hradec Králové:
„Das ist ein Konsortium von Archiven, Museen und weiteren Gedenkinstitutionen, die sich in Europa vor allem durch die Initiative von Kollegen aus Österreich, der Schweiz und Frankreich zusammengeschlossen haben. Wir haben die Ehre, einer der Botschafter für die Tschechische Republik zu sein.“
Kolda leitet Time Machine Česko. Das entsprechende Projekt, das vom Zukunftsfonds gefördert wurde, sei eher zufällig entstanden, gesteht der Geschichtswissenschaftler...
„Von der Universität her fahren wir schon seit längerem immer wieder in die Gegend von Broumov. Und dort sprach uns eine Bürgermeisterin an, ob wir uns nicht mit der Geschichte ihrer Gemeinde und der Umgebung befassen wollten. Es ging darum, historische Erkenntnisse für ein breites Publikum zugänglich zu machen und dafür Interviews mit Zeitzeugen zu führen, in Chroniken zu forschen und Ähnliches“, so Kolda.
Die Gemeinde heißt Křinice – oder auf Deutsch Weckersdorf – und hat eine von der Vertreibung geprägte Geschichte. Wie der Historiker weiter schildert, suchten er und sein Team nach einer Finanzierung für das Projekt. Und dieses entsprach in wichtigen Parametern den Vorgaben des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds für eine spezielle dreijährige Förderung.
Tomáś Jelínek ist Co-Geschäftsführer des Fonds und erläutert, wie man bei der Ausschreibung vorgegangen ist und was von den Bewerbern verlangt wurde:
„Es war zwar nicht notwendig, einen deutschen oder tschechischen Partner zu haben, aber die Tätigkeit der Organisationen sollte einen starken Bezug auch zum Nachbarland haben. Es sollte sich um Organisationen handeln, die Zukunftsvisionen haben und von denen wir uns dann versprechen konnten, dass sie nachhaltig sind und selbst nach der Förderung noch die deutsch-tschechische Erinnerungslandschaft bereichern.“
Auch eine Verteilung der Projekte auf unterschiedliche Regionen wurde berücksichtigt – und ebenso eine Bandbreite an Themen.
„Wir haben etwa Organisationen gefördert, die sich mit der NS-Zeit auseinandersetzen. Weitere beschäftigen sich mit der Zeit der Vertreibung. Und einige pflegen auch das regionale deutsch-tschechische Kulturerbe“, erläutert Jelínek.
Die letzten beiden Punkte repräsentiert auch Time Machine Česko. Wie Jindřich Kolda ausführt, habe seine Organisation unter anderem Zeitzeugen aufgesucht:
„Wir haben in Deutschland wichtige Erinnerungen von ehemaligen Bewohnern des Ortes aufzeichnen können. Dazu gehört auch einer der letzten lebenden Deutschen, die noch in der Gemeinde selbst geboren wurden. Er heißt Siegfried Scholz. Zudem haben wir eine Sammlung historischer Fotografien erstellt, die über die österreichische App ‚Topoteka‘ eingesehen werden können.“
Die Aufzeichnung der Erinnerungen war ein Wettlauf mit der Zeit. Denn während der Arbeit an dem Vorhaben seien sowohl auf tschechischer als auch auf deutscher Seite die ältesten der Zeitzeugen gestorben, so der Historiker.
Präsentiert wurde die Arbeit der Initiative dann jeweils in einer Ausstellung auf beiden Seiten der Grenze. Zudem soll eine Broschüre herausgegeben werden. Und nicht zuletzt gibt es auch noch eine Präsentation, wenn Křinice respektive Weckersdorf in disem Herbst sein 770. Gründungsjubiläum feiern wird.
Gedenken grenzübergreifend erradeln
Tatsächlich hat der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds erst zum zweiten Mal in seiner 27-jährigen Geschichte eine Förderung angeboten, die über die üblichen kurzfristigen Projekte hinausgeht. Erstmals geschah dies 2019, um jenen Engagierten in der tschechisch-deutschen Verständigung zu helfen, die von Anfang an mit dabei waren. Doch es habe sich noch mehr Bedarf offenbart, sagt Jelínek:
„Damals haben wir festgestellt, dass es auch in weiteren Teilen der Zivilgesellschaft wichtige Player gibt, die für gute deutsch-tschechische Beziehungen unersetzlich sind. Es geht um die gemeinsame Erinnerung, die der Schlüssel zur Verständigung ist. Gleichzeitig war zu erkennen, dass die entsprechenden NGOs keine ganz sichere Zukunft und auch Gegenwart haben. Die Organisationen müssen oft von Projekten leben, nach Ausschreibungen umschauen und sich dann teilweise durch diese Projekten organisatorisch stärken.“
Und so wurde das zweite dreijährige Förderprogramm aufgelegt. Wie genau die Gelder dann eingesetzt wurden, diese Entscheidung überließ der Zukunftsfonds den Organisationen selbst...
„Das heißt, einige haben dadurch Personalstellen finanziert, andere haben zum Beispiel neue Technologien eingekauft. Es war ihnen überlassen. Von der Förderung haben wir uns versprochen, auch strukturell die Zivilgesellschaft in der Erinnerungskultur zu stärken“, sagt der Co-Geschäftsführer.
Personalstelle, das ist das Stichwort etwa bei der Hillerschen Villa in Zittau. Felix Pankonin leitet dort die Netzwerkstatt Zeitgeschichte und Zivilgesellschaft und stellt die Einrichtung vor:
„Die Geschichte der Hillerschen Villa geht auf die Zeit der friedlichen Revolution zurück. In deren Kontext fand sich in Zittau eine kleine Gruppe von aktiven Menschen, die einen Beitrag leisten wollten zur demokratischen Kultur und zum demokratischen Aufbau. Sie gründeten Anfang der 1990er Jahre das Multikulturelle Zentrum, das dann später in die Hillersche Villa übergegangen ist.“
Laut Pankonin handelt es ich um ein klassisches soziokulturelles Zentrum mit zehn bis 15 Projektbereichen. Diese reichten von Jugendgerichtshilfe über Frauenschutz bis zu kultureller Arbeit wie Kino, Konzerte und Lesungen. Ebenso gehöre der Bereich politischer und historischer Bildung hinzu, den er leite, fügt Felix Pankonin an.
Die Villa selbst steht mitten in Zittau und nur wenige Meter von der Grenze zu Tschechien und Polen entfernt. Lange Jahre sei aber die Einrichtung immer nur aus Bundesmitteln oder von sächsischer Seite gefördert worden, sagt der studierte Historiker und Philosoph...
„Und die sind von ihrer Förderlogik her oft auf Teilnehmende aus Deutschland und aus Sachsen begrenzt. Die Nähe zur Grenze und zu den anderen beiden europäischen Ländern motiviert – wenn man sich mit regionaler Zeitgeschichte beschäftigt – aber auch zum Blick über die Grenze, dass man also die Menschen dort miteinbeziehen will, dass man auch über ihre Geschichte sprechen möchte. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds hat uns die Möglichkeit gegeben, genau das zu tun“, schildert Pankonin.
So wurde Petra Zahradníčková als Projektkoordinatorin eingestellt. Sie öffnete die Angebote der historisch-politischen Bildung für ein tschechisches Publikum, stellte ein Netzwerk mit dem Nachbarland auf die Beine und brachte die Menschen von beiden Seiten der Grenze zusammen.
Man sei vor allem in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit aktiv, führt Pankonin aus und nennt ein Beispiel für eine der neuen Veranstaltungen:
„Meine Kollegin Petra Zahradníčková hat in den letzten drei Jahren zum Beispiel eine Radtour zum 8. Mai organisiert. Bei dieser erinnern wir entlang der heutigen Grenze an die Ereignisse kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei kommen wir mit Teilnehmenden aus Tschechien, Polen und Deutschland ins Gespräch. Dahinter steht auch immer der Gedanke, uns über die Gegenwart, also die heutigen Grenzen, ihre Bedeutung und die Freizügigkeit auszutauschen sowie über die Art und Weise, wie wir diese Zeit erinnern und was sie für uns bedeutet.“
ZUM THEMA
Des Weiteren gehe es um das Verständnis für die Erinnerungskultur des anderen Landes, so Pankonin – etwa das Gedenken an den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei am 21. August 1968. Zudem wurde etwa eine Ausstellung bewusst auf beiden Seiten der Grenze gezeigt: Es war jene über die verschwundenen Synagogen der heutigen tschechischen Grenzgebiete zu Deutschland.
Vernetzung fördern
Drei Jahre Förderung, die hat auch Romea bekommen. Die Organisation hat mithilfe der Gelder eine virtuelle Präsentation des früheren Roma-Konzentrationslagers im südböhmischen Lety erstellt. Diese soll vor allem Jugendliche ansprechen. Oder es wurde das provisorische Jüdische Museum Mehrin in Brno / Brünn geschaffen. Und die Organisation DoKrajin konnte sich auf die deutschen Spuren im tschechischen Teil des Erzgebirges machen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Doch was bleibt danach? Bei Time Machine Česko hofft man darauf, inspirierend zu wirken...
„Aus administrativer Sicht hat das Projekt alles erfüllt. Aber es wird sicher nicht enden. Denn es wurde mit Interesse auch von Menschen aus anderen Orten im Braunauer Ländchen verfolgt, die bei sich in ähnlicher Weise aktiv werden könnten“, sagt Kolda.
Wie der Historiker ergänzt, seien drei Studierende an dem Projekt beteiligt gewesen – aus den Bereichen Archivwesen, Geschichtswissenschaften und IT. Und diese würden nun ihre wissenschaftliche Beschäftigung in dem Bereich weiterführen:
ZUM THEMA
„So plant einer unserer Studenten, 3D-Modelle ausgewählter Bauten aus Křinice zu erstellen. Das könnte auch für andere Gemeinden interessant sein, weil sich bei ihnen vielleicht ähnliche bauliche Elemente finden. Außerdem ist unser Plan, den tschechischen Blick auf die Geschichte des Braunauer Ländchens zusammenzufassen.“
Und in der Hillerschen Villa, wie könnte es dort weitergehen?
„Es wäre jetzt tatsächlich so, dass wir aufgrund fehlender anderer Möglichkeiten – abseits des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds – gar keine richtige Gelegenheit hätten, diese in den letzten drei Jahren aufgebaute Struktur fortzuführen. Aber wir haben das große Glück, dass der Zukunftsfonds ein Nachfolgeprogramm aufgelegt hat. Es heißt ‚Starke Akteure, starke Netzwerke‘. Und wir wurden mit einem Folgeantrag in dieses Programm aufgenommen. Damit können wir erst einmal für ein Jahr sicher weitermachen, aber auch mit einer Perspektive für drei Jahre“, sagt Felix Pankonin.
Tomáš Jelínek erläutert, was es mit diesem dritten Programm auf sich hat. Die Satzung des Fonds erlaubt eigentlich keine institutionelle Förderung. Deswegen seien die dreijährigen Zeiträume geschaffen worden:
„Und zwar haben wir für die nächsten drei Jahre nach Schlüsselakteuren in den deutsch-tschechischen zivilgesellschaftlichen Netzwerken gesucht. Also nicht Organisationen, die sich um die Erinnerungskultur kümmern, sondern solche, die eine wichtige Rolle für feste deutsch-tschechische Netzwerke haben.“
Insgesamt zwölf Akteure sind es diesmal, die gefördert werden.
„Mit ihnen gemeinsam wollen wir dann aber auch weitere NGOs in ihrem Umkreis und Netzwerk unterstützen, indem wir vielleicht Weiterqualifizierungsseminare oder Vernetzungstreffen anbieten und zur Professionalisierung beitragen“, so Jelínek.
Im Fall der Hillerschen Villa könnte das dann so aussehen. Felix Pankonin:
„Es soll jetzt vor allem darum gehen, die überaus positiven Erfahrungen mit der eigenen Bildungsarbeit in ein weiteres grenzüberschreitendes Netzwerk von Akteurinnen und Akteuren in der Erinnerungs- und Gedenkarbeit zu multiplizieren. Wir wollen diese also dazu motivieren oder inspirieren, ähnlich wie wir Angebote zu schaffen, die für Deutsche und Tschech:innen und vielleicht auch für Pol:innen und alle anderen Europäer:innen ein gemeinsames Erinnern und ein gemeinsames Gedenken ermöglichen.“
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