Erinnern in Broumov: Schriftstellerin Myriam Klatt macht Orte und ihre Geschichten ausfindig
Am diesjährigen Tag der Arbeit soll es bei uns um ein Berufsfeld gehen, in dem prekäre Arbeitsbedingungen gang und gäbe sind: die Kunst. Für kreative Menschen, die freiberuflich tätig sind, stellen Stipendien und Arbeitsresidenzen eine wichtige Einkommensquelle dar. Das Prager Goethe-Institut etwa vermittelt jedes Jahr zwei Schriftstellern oder auch Übersetzern aus Deutschland einen einmonatigen Aufenthalt im Kloster Broumov. Dieses Jahr hat die Autorin Myriam Klatt aus Berlin den gesamten April in der ostböhmischen Kleinstadt nahe der polnischen Grenze verbracht. Daniela Honigmann hat sie vor Ort besucht und dabei auch die Projektkoordinatorin des Goethe-Instituts, Markéta Pščolková, getroffen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang mit den beiden Frauen ist das folgende Gespräch entstanden.
Wir sind im wunderschönen Kloster Broumov, weil das Goethe-Institut Prag schon seit mehreren Jahren Schriftstellern oder Übersetzern hier kreative Aufenthalte ermöglicht. Warum gerade im Kloster Broumov?
Markéta Pščolková: „Ich bin selbst nicht ganz sicher, wie die Idee eigentlich entstand. Aber mittlerweile weiß ich, warum wir damit weitermachen. Die Kooperation mit dem Kulturzentrum Broumov ist nämlich sehr erfolgreich, einfach und freundlich. Für das Goethe-Institut war es zudem wichtig, etwas in anderen Regionen zu machen. Denn Tschechien ist sehr auf Prag orientiert, und viele Sachen passieren in den großen Städten. Das ist ein bisschen schade. Ich glaube, es gibt auch viel in der Natur und generell in den Regionen Tschechiens zu erleben.“
Myriam, wie wirkt dieser Ort auf dich?
Myriam Klatt: „Spannend. Ich hatte das Glück, mich mit vielen Leuten aller Altersstrukturen und aus unterschiedlichen Communities zu unterhalten und sehr viel über die Historie der Stadt zu erfahren. Ich verstehe auch, dass große Städte sehr viel Kunst und Kultur anziehen. Aber es gibt außerhalb davon viel zu entdecken, und das ist auch hier so. Außerhalb des Klosters, was der eigentliche Anziehungspunkt ist, sind ebenfalls noch ganz viele Geschichten zu finden.“
Du bist für einen ganzen Monat hier. Hast du sowas wie einen Tagesrhythmus?
Myriam Klatt: „Der ändert sich von Woche zu Woche. Ich mache hier ein Projekt, das Foto und Text vereint. Ganz am Anfang bin ich jeden Tag 12 oder 13 Kilometer gelaufen und habe mir einfach erst einmal alles angeschaut. Da hatte ich die Kamera schon dabei und habe ein paar Testfotos gemacht. Ich war erst einmal damit beschäftigt, Eindrücke zu sammeln. Und dann habe ich sehr viel mit Leuten gesprochen über diese Orte, die ich entdeckt habe. Das war also die vergangene Woche. Und diese Woche ist die Schreibwoche, mehr Auseinandersetzung mit dem Text also.“
Das heißt, dass am Ende dieser Residenz ein Produkt stehen wird?
Myriam Klatt: „Ehrlicherweise glaube ich nicht, dass das Produkt ganz fertig sein wird. Denn Textarbeit heißt für mich auch immer, den Text ruhen zu lassen. Aber das Projekt hat ein Ende und soll auch fertig sein. Es ist für mich wichtig, dass dabei etwas entsteht, weil ich mich ja mit vielen Leuten ausgetauscht habe und es für sie auch toll ist, wenn etwas an Kunst dabei herauskommt.“
Markéta, das Jahresthema ist Erinnern. Welches Erinnern ist damit gemeint?
Markéta Pščolková: „Alles Mögliche. Es ist wirklich in einem breiteren Sinne gedacht – kulturell, politisch und anthropologisch. Aber auch intime und ganz persönliche Themen sind damit gemeint.“
Myriam, welche Rolle hat Erinnern in deiner bisherigen Arbeit gespielt?
Myriam Klatt: „Erinnern spielt indirekt immer eine Rolle. Man schreibt ja einen Teil aus der Erinnerung, selbst wenn man sie verfremdet oder ändert. Ich glaube, dass Erinnerung ein großer Teil unserer Identität ist und dass ich in meiner Identität als Schriftstellerin ohne Erinnerung gar nichts wäre. Selbst wenn ich kein Buch mit dem Thema geschrieben habe oder es nur in einzelnen Gedichten auftaucht, würde ich schon sagen, dass es als Gesamtkomplex einfach wahnsinnig wichtig ist für jemanden, der kreativ arbeitet.“
Ist das in den Gesprächen mit den Menschen hier in Broumov zur Sprache gekommen?
Myriam Klatt: „Ja. Meine Idee war, mit den Leuten darüber zu reden, an was sie sich erinnern in Bezug auf bestimmte Orte. Das war auf jeden Fall wahnsinnig spannend. Die Erinnerungen an denselben Ort haben sich oft unterschieden, wegen der Generation oder wegen der Haltung. Es ist ja auch meine Idee, dass Erinnerung nie ganz verlässlich ist.“
Das vollständige Interview hören Sie in der Audioversion dieses Beitrags. Darin trägt Myriam Klatt auch eine Textprobe vor, die während ihrer Residenz im Kloster Broumov entstanden ist.











