Deutsch-Tschechisches Gesprächsforum will sich öffnen und stärker zum Dialog beitragen
Am Samstag fand im Prager Außenministerium die Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums statt. Die Plattform wurde 1997 auf Grundlage der Deutsch-Tschechischen Erklärung gegründet. Seit Jahresbeginn gibt es ein neues Führungsduo an der Spitze des Forums. Für Deutschland leitet der ehemalige Bundestagsabgeordnete Jörg Nürnberger (SPD) das Gremium. Auf der tschechischen Seite hat der Diplomat Rudolf Jindrák die Leitung übernommen, der aktuell tschechischer Botschafter in der Slowakei ist.
Herr Nürnberger, Herr Jindrák, wir sprechen am Rande der Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. Welche Themen werden hier diskutiert?
Nürnberger: „Gerade sind wir dabei, eine Brücke zu bauen in der Bewertung der Vergangenheit anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs hin zur Gegenwart. Denn es gibt viele Herausforderung im deutsch-tschechischen Verhältnis, die die Menschen in ihren gegenwärtigen Lebenssituationen betreffen. Wir diskutieren deshalb etwa über Sicherheit, über Geschichtsvermittlung und Wirtschaft.“
Jindrák: „Die Themenbreite ist wirklich sehr groß. Ich bin froh, dass wir nicht nur über die Vergangenheit diskutieren, das war auch unsere Absicht. Das zentrale Thema bildet natürlich dieses Jubiläum – 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber wir haben eben auch Themen gefunden, die zukunftsorientiert sind.“
Das Gesprächsforum gibt es bereits seit Dezember 1997. Worin sehen Sie heute seine Aufgaben?
Jindrák: „Vor allem ist das die Diskussion. Ich denke, wir diskutieren ganz allgemein in unseren zwischenmenschlichen Kontakten zu wenig – sowohl zuhause, als auch in der Politik und in der Außenpolitik. Deswegen hat dieses Forum eine Bedeutung. Denn hier können Ansichten ausgetauscht werden.“
Was ist das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum?
Das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum wurde auf Grundlage der Deutsch-Tschechischen Erklärung vom 21. Januar 1997 gegründet. Ziel ist es, den Dialog von Deutschen und Tschechen zu stärken. Der Beirat besteht aus 30 Mitgliedern, von denen jeweils die Hälfte aus einem der beiden Länder stammt. Die beiden Ko-Vorsitzenden leiten das Forum. Bis Ende 2024 hatten dieses Amt Christian Schmidt auf deutscher und Libor Rouček auf tschechischer Seite inne. Die Grundlage für die Tätigkeit des Forums bildet aktuell ein Memorandum aus dem Jahr 2013. Finanziert wird die Plattforum aus Mitteln des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.
Sie sind seit Jahresbeginn die beiden Ko-Vorsitzenden des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. Gibt es Impulse, die Sie setzen wollen, Dinge, die Sie ändern oder reformieren möchten? Was sind Ihre Pläne für Ihre Zeit als Vorsitzende?
Jindrák: „Wissen Sie, ich bin ein bisschen konservativ. Ich bin kein Freund schneller Wechsel in solch traditionellen Kontexten. Im Übrigen sehe ich hier im Saal viele neue und junge Gesichter. Seit mehr als 30 Jahren bin ich im Geschäft in den deutsch-tschechischen und deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen. Und die Leute haben gewechselt. Das ist ein gutes Zeichen. Aber was die Ziele angeht: Für mich ist das der Dialog mit der jungen Generation, nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über neue Themen. Und wir sollten die Leute vor allem in den Grenzregionen näher zueinanderbringen.“
Nürnberger: „Wir möchten natürlich gern auch ein bisschen an den Möglichkeiten der Darstellung arbeiten. Wir haben hier diese große Jahreskonferenz, die sehr wichtig ist und die Grundlage für unsere Arbeit bietet. Aber wir möchten auch gern in die Breite gehen – in die Länder hinein. Wir wollen in den nächsten Jahren kleinere Veranstaltungen zu einzelnen Themen anbieten, damit die Menschen regelmäßig vom Deutsch-Tschechischen Gesprächsforum hören und uns besser wahrnehmen. Denn alles hat wenig Sinn, wenn wir nicht die mediale Beachtung finden und den Menschen über unsere Arbeit berichten und sie von unserer Notwendigkeit überzeugen können. Ich glaube, in den gegenwärtigen deutsch-tschechischen Beziehungen gibt es das Problem, dass vieles als selbstverständlich wahrgenommen wird. Und Selbstverständlichkeit führt manchmal im zweiten Schritt zu Gleichgültigkeit. Diesen Zustand dürfen wir nicht herbeiführen, und deshalb müssen wir jedes Mal wieder neue Impulse setzen.“
Das ist interessant, dass Sie sagen, Sie wollen das Forum öffnen und auch andere Veranstaltungen anbieten. Denn die Jahreskonferenz ist gewissermaßen ein abgeschlossenes Format. Die Mitglieder des Beirats werden von den beiden Außenministerien bestimmt. Vielleicht ist das nie der Sinn des Gesprächsforums gewesen – aber ein niedrigschwelliger Dialog zwischen den Bürgern findet nicht statt…
ZUM THEMA
Nürnberger: „Das ist genau der Punkt. Ich glaube, diese Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern und Gesellschaften kann nur dann getragen werden, wenn wir möglichst weite Kreise der Bevölkerung – nicht nur in den Grenzregionen – davon überzeugen und im besten Fall dafür begeistern. Denn die Potentiale sind derart hoch, dass wir sie noch lange nicht ausschöpfen. Deshalb müssen wir Methoden finden, die Menschen zu erreichen und auf sie zuzugehen. Wir sollten uns eben nicht nur in den Hauptstädten zu diesen Jahreskonferenzen treffen.“
Jindrák: „Da bin ich ganz Jörgs Meinung. Wir müssen uns ein bisschen mehr öffnen. Wir haben drei Arbeitsgruppen gegründet und setzen große Hoffnungen in diese. Wir hoffen, dass sie unsere Arbeit auch über den Rahmen der Jahreskonferenz hinaus fortsetzen.“








