„Bei Chopin und Skrjabin fühle ich mich auf dem Podium wohl“ – Pianistin Anna Vinnitskaya in Prag
In diesen Tagen findet in Prag das Rudolf-Firkušný-Klavierfestival statt. Im Prager Rudolfinum gibt am Samstag die renommierte Pianistin Anna Vinnitskaya ein Konzert. Mit der in Hamburg lebenden Künstlerin und Pädagogin haben die Festivalveranstalter und Radio Prag International vor kurzem telefonisch gesprochen.
Die Pianistin Anna Vinnitskaya lebt in Hamburg und lehrt seit 2009 als Professorin an der dortigen Hochschule für Musik und Theater. Sie ist Preisträgerin vieler Wettbewerbe. Für ihre Musikerkarriere war vor allem der Sieg im Königin-Elisabeth-Wettbewerb im Jahre 2007 wichtig.
Wie war es für Anna Vinnitskaya, in einer Pianisten-Familie aufzuwachsen? Und wann war klar, dass auch sie Pianistin wird, oder kam vielleicht auch ein anderer Beruf in Frage? Hier die Antwort von der Pianistin:
„Diese Frage habe ich schon oft bekommen. Ich antworte immer, dass es ziemlich anstrengend war, in so einer Musikfamilie selbstständig, unabhängig und mit eigenen Ideen für Musik groß zu werden. Da meine beiden Eltern nicht nur Musiker sind, sondern auch Pianisten, bedeutete das, dass diese ganze technische Küche mir vor allem von meiner Mutter beigebracht wurde. Mein Vater war da ein bisschen lockerer, weil er auch oft Jazz spielt und häufig nicht zu Hause war. Ich würde sagen, mit zwölf oder 13 Jahren hatte ich von mir alleine aus schon vieles irgendwie entdeckt oder entdecken wollen. Ich hatte zudem einen hervorragenden Professor in Rostow am Don, bei dem ich Unterricht hatte. Zur Frage nach einem anderen Beruf: Ich würde sagen, dass ich nie rebelliert habe. Ich habe nie gesagt, ab morgen spiele ich kein Klavier mehr und werde Stewardess oder etwas anderes. Aber ich würde auch sagen: Wenn dieser Beruf mir gar nicht gepasst hätte, dann hätte ich rebelliert.“
Anna Vinnitskaya hat früher in einigen Interviews gesagt, dass die Anfänge in Hamburg für sie nicht einfach gewesen seien. Was hält sie für ihren Durchbruch?
„Ich würde sagen, das waren zwei Sachen. Erstens, dass ich meinen hervorragenden Professor Nummer zwei, Jewgeni Koroljow, kennengelernt habe. Und ich würde sagen, meine ganze Sicht auf Musik, auf Kunst wurde geändert. Ich habe immer gedacht, Musiker oder spezifisch Pianist sei ein Beruf. Und dank Koroljow habe ich begriffen, dass es kein Beruf ist. Es ist eher eine Berufung oder etwas, womit man als Musiker zur Kunst, zur Lebensphilosophie beiträgt. Ich war 18 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam. Aber erst mit 19 oder 20 Jahren habe ich das verstanden. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich so einen Menschen traf, der für mich natürlich auch ein Vorbild war – jemand, über den ich denke, ich möchte auch immer so sein wie er: ehrlich zur Musik, ehrlich zu sich selbst und treu. Und die zweite Sache war wahrscheinlich die Tatsache, dass ich angefangen habe, hier in Hamburg viel Kammermusik zu spielen. Ich hatte ein festes Trio. Natürlich habe ich mich in einem fremden Land am Anfang, ohne Deutsch zu sprechen, unwohl gefühlt, das muss ich ehrlich sagen. Ich hatte wirklich Heimweh. Aber dank der Kammermusik, dank meinen Kammermusikpartnern habe ich gefühlt, dass es gar nicht schlecht ist, hier zu sein und zusammen mit anderen talentierten Leuten Musik zu machen. Die beiden Sachen haben mich hier in Deutschland festgehalten.“
Sieg beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb
Anna Vinnitskaya war 2009 die zweite Frau in der Geschichte, die den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewonnen hat. Dies bedeutete viel für ihre weitere Karriere sowie die Zusammenarbeit mit berühmten Orchestern. Im September dieses Jahres habe sie mit einem Schumann-Konzert an der Saisoneröffnung in Brüssel teilgenommen, erzählt die Pianistin gegenüber Radio Prag International. Sie habe mit dem gleichen Orchester wie damals im Finale des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs gespielt, merkt sie an und fährt fort:
„Viele Erinnerungen kamen hoch. Tatsächlich hat sich so viel geändert. Ich würde wortwörtlich sagen: Von einem Tag auf den anderen hat sich enorm viel geändert. Alle Anfragen, das Interesse, das war schon eine Herausforderung. Es war nicht leicht, auf einmal dieses Interesse und gleichzeitig diesen Druck als Mensch, als Pianist zu bewältigen. Aber das hat mir sozusagen einen Schubs gegeben. Ich habe gespürt, mit dieser Herausforderung wachse ich. Allein in den nächsten zwei Monaten hatte ich so viele schöne Angebote mit tollen Dirigenten. Ich durfte auf vielen berühmten Bühnen stehen. Das war natürlich die Chance, die mir der Wettbewerb gegeben hat. Das war einmalig, ganz klar.“
Chopin und Skrjabin
Beim Rudolf-Firkušný-Festival wird Vinnitskaya Werke von vier Komponisten spielen: drei Intermezzi von Brahms, Rachmaninows Variationen über ein Thema von Corelli, Skrjabins Sonate Nr. 3 fis-Moll und Chopins dritte Klaviersonate. Nach welchen Kriterien hat sie das Repertoire zusammengestellt?
„Ich unterrichte an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Meine Studenten – und ich habe viele Studenten – haben sehr unterschiedliches Repertoire. Das heißt, ich kenne mich sehr gut und detailliert darin aus. Aber was mein Repertoire betrifft, habe ich mich entschieden, etwas ganz Besonderes zu spielen oder etwas zu interpretieren, womit ich etwas zu sagen habe und wo ich sozusagen zu Hause bin. Aber zum Beispiel werde ich in Prag Chopin spielen. Mit ihm habe ich ziemlich viel Erfahrung, und ich finde diesen Komponisten so intim. Er hat eigentlich eher für einen Salonrahmen komponiert und nicht für die große Bühne. Und diese späteren Werke von Brahms und Rachmaninow, die ich in Prag spielen werde, sind für mich besondere Stücke, zu ihnen habe ich einen speziellen Zugang. Und so wähle ich jene Kompositionen aus, bei denen ich diesen persönlichen Drang fühle. Skrjabin und Chopin sind für mich ziemlich ähnlich, nicht jedoch stilistisch ähnlich. Die früheren Kompositionen von Skrjabin erinnern noch ein bisschen an Chopin. Später hat Skrjabin seine eigene Sprache entwickelt. Aber am Anfang war er schon von Chopin beeinflusst. Die beiden Komponisten, Chopin und Skrjabin, sind von der Agogik des Spiels her speziell. Ich finde, entweder man hat das an sich als Musiker, sie zu verstehen, oder man hat es nicht. Das hat nichts damit zu tun, ob man ein guter Musiker ist oder nicht. Man braucht das Gespür für diese Musik. Ich muss sagen, ich fühle mich tatsächlich bei Chopin und Skrjabin ziemlich frei. Wenn ich diese beiden Komponisten spiele, dann fühle ich mich wohl und spontan auf der Bühne. Und das empfinde ich als Geschenk.“
Die Pianistin hat einmal gesagt, sie denke in Bildern. Kann sich so etwas auf das Publikum übertragen? Anna Vinnitskaya:
„Da muss man das Publikum fragen, da jeder seine eigene Fantasie hat. Mir persönlich hilft es, in Bildern zu denken oder sich etwas vorzustellen, um diese Bildkraft in der Musik zu spüren. Aber wie das Publikum das empfindet, das ist natürlich jedem selbst überlassen.“
Zusammenarbeit mit Petr Popelka
Die Pianistin spielt in Prag auch Rachmaninows Variationen über ein Thema von Corelli. Hat sie sich für die einzelnen Variationen konkrete Bilder oder Geschichten ausgedacht?
„Das ist natürlich etwas sehr Persönliches. Und generell finde ich, dass es eines der schwärzesten Stücke in der Musikliteratur überhaupt ist. Für mich ist das, was in der letzten Variation passiert, eine Agonie im Tod. Es ist einfach wie ein Tier, das im Sterben liegt. Und die letzte Seite ist für mich wie die Seele, die nach oben steigt. Dieses Stück ist wirklich purer Horror – und sehr untypisch für Rachmaninow. Seitdem Rachmaninow in Amerika lebte, änderte sich sein Stil sehr. Er wurde viel dunkler in der Sprache, aber auch von der Harmonie und der Orchestrierung her.“
Vor etwa einem Jahr absolvierte Anna Vinnitskaya eine Tournee mit den Wiener Symphonikern und deren tschechischen Dirigenten Petr Popelka. Wie findet die Pianistin die Zusammenarbeit mit ihm?
„Wunderbar. Es passiert mir selten, dass diese musikalische Ebene wie bei Petr sowie die menschliche Ebene mir so angenehm und so nah sind. Es ist unglaublich. Nicht immer sind Dirigenten, die große Persönlichkeiten und großartige Musiker sind, auch wunderbare Menschen. Aber es gilt für Petr Popelka, und das macht die Arbeit mit ihm wirklich einzigartig.“
Das Rudolf-Firkušný-Klavierfestival läuft in Prag bis 9. November. Mehr erfahren Sie unter www.firkusny.cz.
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