Oscar-Nominierung: Kritiker entsetzt über Menzels Film „Donšajni“

Foto: Mediapro Pictures

„Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen“ - diese Weisheit der antiken Philosophie hat auch heute noch in einigen Bereichen ihre Gültigkeit. Dieser Tage scheint sie auf den tschechischen Filmregisseur Jiří Menzel zuzutreffen. Der Grund ist die Nominierung seines Spielfilms „Donšajni“ für den Oscar 2013, sie hat hierzulande kontroverse Reaktionen ausgelöst. Der 75-jährige, international anerkannte Film- und Theaterregisseur geht insgesamt zum dritten Mal ins Oscar-Rennen. Einmal hat er ihn schon gewonnen, doch diesmal stehen die Zeichen nicht gut: „Donšajni“ wurde von tschechischen Filmkritikern regelrecht in der Luft zerfetzt.

„Der Brennende Busch“ (Foto: Kristýna Maková)
Ursprünglich sollte Tschechien durch einen anderen Spielfilm im Oscar-Wettbewerb repräsentiert werden. Die Wahl der Tschechischen Film- und Fernsehakademie (ČFTA) fiel zunächst auf den Streifen „Der Brennende Busch“, dieser ist unter der Regie der namhaften polnischen Regisseurin Agnieszka Holland entstanden. Im Mittelpunkt des Films stehen die Begebenheiten um die Selbstverbrennung des Hochschulstudenten Jan Palach im Jahr 1969. Die Weltpremiere wurde von HBO ausgestrahlt, der US-amerikanische Fernsehsender hat den Film auch produziert. Gerade das erwies sich für Tschechien als Stolperstein. Der amerikanische Oscars-Veranstalter, die „Academy of Motion Picture Arts & Sciences“ (AMPAS) erkannte den Film deswegen nicht als Bewerbung an. Als Ersatz haben die tschechischen „Filmakademiker“ die Komödie „Donšajni“ (englischer Titel „The Don Juans“) von Jiří Menzel in die USA geschickt. Die Handlung entspinnt sich in einer Kleinstadt im Lauf von Proben zu Mozarts Oper Don Giovanni.

Jiří Menzel (Foto: Martin Špelda, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Seine Weltpremiere erlebte Menzels Streifen im August beim Filmfestival von Montreal, wo der Regisseur in der Jury saß. Gezeigt wurde er allerdings außerhalb des Festivalwettbewerbs. In die tschechischen Kinos kam der Film am 26. September. Menzel bezeichnet ihn als ein Possenspiel. Für den namhaften und mehrfach preisgekrönten Filmregisseur ist es das erste Werk nach längerer Pause. Menzel prägte in den 1960er Jahren die so genannte Neue Welle im tschechoslowakischen Film, erstmals hat er nun aber auch das Drehbuch geschrieben. Die Hauptrollen besetzte er mit Spitzenschauspielern. Deswegen waren die Erwartungen sehr hoch gewesen. Nach der Erstaufführung hagelte es aber Kritik. Karel Filla ist Filmpublizist der Wochenzeitschrift „Respekt“:

„Donšajni“ (Foto: Mediapro Pictures)
„Meine Eindrücke, und nicht nur meine, schwanken zwischen Ekel und Reue. Der Film erweckt das Gefühl, als hätte Jiří Menzel die Fähigkeit verloren, Filme zu drehen. Vielleicht ist es auf sein Alter oder auf die lange Schaffenspause zurückzuführen, jedenfalls scheint es ein bisschen, als hätte er vergessen, wie man einen Film macht. Der Film hat eine außerordentlich flache Handlung und er wurde sehr ungeschickt gedreht. Man schämt sich für alle, die sich daran beteiligt haben. Das ist leider mein Haupteindruck.“

Darina Křivánková (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Ähnlich unbarmherzig schrieb zum Beispiel auch die Redakteurin der Wochenzeitschrift „Týden“ (Die Woche), Darina Křivánková. Sie zeigte sich daher wie mehrere ihrer Branchenkollegen davon überzeugt, dass „Donšajni“ nicht die Landesgrenzen verlassen sollte.

„Es ist recht heikel, über den neuen Film von Jiří Menzel zu schreiben. Der Film ist schlecht, augenfällig so schlecht, dass man darüber nicht einmal schreiben muss.“

Die Bekanntgabe, dass sich Menzels Film um den Academy Award bewerben wird, hat die Kritiker noch befeuert. Viele stellten die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Tschechische Filmakademie ausgerechnet diese Entscheidung getroffen hat. Die Filmkritikerin Alice Aronová hat dafür eine Erklärung: Die Mitglieder der Filmakademie seien zwar renommierte, in der Mehrheit jedoch ältere Filmemacher, die es nicht schaffen würden, sich mit der gesamten Jahresproduktion des tschechischen Kinos vertraut zu machen. Einige von ihnen hätten Menzels Film wohl gar nicht gesehen, mutmaßt Aronová. Sie hätten aber dem klangvollen Namen des Regisseurs vertraut. Und die Filmkritikerin fügt hinzu:

„Zwei Leben“ (Foto: bt-film)
„Umso mehr tut es mir leid, dass ´Der brennende Busch´ nicht aufgenommen wurde. Es ist bestimmt der beste Film des Jahres hierzulande. Jede Verzweiflung ist aber fehl am Platz. Ich weiß, welche internationalen Filme in den Oscar-Wettbewerb geschickt wurden. Aus Deutschland ist es zum Beispiel der Streifen ´Zwei Leben´, der sich mit dem Thema der norwegischen Lebensborn-Kinder befasst. Vor dem Hintergrund der Begebenheiten nach dem Mauerfall beleuchtet der hinreißende Film einen bisher weniger bekannten Teil der deutschen Geschichte. Das ist meiner Meinung nach ein Film, der einen Oscar verdienen würde. Damit will ich sagen, dass es Menzels ´Donšajni´ garantiert nicht einmal auf die Liste der fünf besten Oscar-Kandidaten schafft.“

Foto: Mediapro Pictures
Über die Chancen auf einen Erfolg im Oscar-Rennen macht sich aber nicht einmal Jiří Menzel Illusionen. Gegenüber dem Tschechischen Rundfunk gab er unumwunden zu:

„In den Wettbewerb sollte kein Film entsandt werden, der chancenlos ist. Für die Oscar-Nominierung sind rund 70 Streifen angemeldet und unter ihnen hat ‚Donšajni‘ meiner Meinung nach keine Chancen. Die Tschechische Filmakademie sollte ihre Wahl im Interesse unserer Kinematographie nicht aufgrund von Sympathien treffen. Es ist sehr schade, dass der Film ´Der brennende Busch´ in den USA nicht akzeptiert wurde. Er wäre bestimmt nicht ohne Chancen. Die Meinung der Rezensenten teile ich zwar nicht, aber ´Donšajni´ ist kein Streifen für einen großen Wettbewerb, sondern nur für tschechische Kinos. Der brennende Busch behandelt ein gewichtiges Thema. Von der tschechischen Filmakademie war es sehr ungeschickt, dass sie sich nicht im Vorhinein entsprechend mit den Regeln für die Oscar-Nominierung vertraut gemacht hat. Darüber hinaus sollte sie sich im Allgemeinen nicht danach richten, einen Film auszuwählen, der hierzulande gefällt, sondern einen, der in Amerika gut ankommen kann.“

Foto: Mediapro Pictures
Auf die scharfzüngigen Kritiker reagiert der Regisseur eher gelassen:

„Das ist halt ihre Wahrheit. Ihre Behauptungen haben die Kritiker aber nicht mit Argumenten untermauert. Es geht vielmehr nur um ihre Eindrücke. Mich freut aber, dass die Kritik mehr Zuschauer ins Kino lockte. Andererseits lese ich selbstverständlich nicht gerne, ich sei senil und alles andere, was man über mich geschrieben hat. Doch so ist ihr Metier. Die Kritiker haben das Recht, so zu schreiben. Was kann ich dagegen machen?“

Libuše Šafránková (Foto: Mediapro Pictures)
Nach der erwähnten Donšajni-Weltpremiere in Montreal klang die erste Kritik eher positiv. Jeff Heinrich von der Tageszeitung „The Gazette“ schrieb unter anderem, Zitat:

„´Donšajni´ ist eine 102 Minuten dauernde Ode an glamouröse Verführer und Frauen, die lieben und Fehler begehen.“

Der Kritiker hob vor allem die Leistungen der Hauptdarsteller heraus, darunter auch von Libuše Šafránková - sie bezauberte früher auch die Deutschen in ihrer Hauptrolle in „Drei Nüsse für Aschenbrödel“. In Donšajni spielt die 60-Jährige eine Opernsängerin eines Kleinstadtlaientheaters. Bei einem anderen Regisseur als Menzel, schreibt Kritiker Heinrich, hätte dies eine Tragödie sein können oder ein Film über die Geschlechterpolitik. Hier handle es sich um eine trockene Komödie, eine Fabel, die niemanden beleidigt, nicht einmal alleinerziehende Mütter.

Film „Ich habe den englischen König bedient“
Den unterschiedlichen Ton der Kritiken im In-und Ausland kommentierte der Regisseur mit leichter Ironie: Es sei nicht auszuschließen, dass die Kritiker aus seiner Heimat klüger seien als die in Montreal. In diesem Zusammenhang verweist Menzel auf eine Erfahrung nach der Premiere seines Films „Ich habe den englischen König bedient“. Trotz negativer Kritiken hierzulande sei dieser in die ganze Welt verkauft worden.

Jiří Menzel hat in den zurückliegenden 40 Jahren im In- und Ausland viele bedeutende Preise für seine Filme geerntet. Diese Sammlung dürfte sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um die Oscar-Statue 2013 erweitern. Es gibt aber genug Titel aus seinem Schaffen, die immer noch weltweit bei verschiedenen Gelegenheiten gefragt sind ebenso wie die Anwesenheit ihres Schöpfers. Seine Filmpräsentationen werden nach wie vor oft von einer Auszeichnung begleitet. So war es auch Mitte Oktober im spanischen Girona, dort übernahm der tschechische Regisseur einen Preis vom Rat der Stadt und der Agentur Liberpress. In der Begründung hieß es, Menzel verstehe die Kunst, sich mit filmischen Mitteln einfühlsam und humorvoll auszudrücken, aber auch sarkastisch und spielerisch, unabhängig von politischer Druckausübung und totalitärem Regime.

Aufführung des Films „Donšajni“ (Foto: ČTK)
Als ihm im Mai dieses Jahres das Kulturministerium in Prag den Preis für seine „Verdienste um die Verbreitung guten Rufes der tschechischen Kultur in der Welt“ verlieh, war der Regisseur gerührt. Doch auf die Frage, was ihm die Auszeichnungen bedeuten, antwortete er:

„Die Preise sind wie Schaum. Es ist schön, sie zu bekommen. Doch für mich ist es wichtiger, wenn mir jemand auf der Straße einfach sagt: ´Herr Menzel, Sie machen gute Filme.´ Filme werden ja schließlich für Menschen gemacht und nicht der Auszeichnungen wegen. Wenn ich solche Lobesworte höre, bekomme ich ein bisschen Angst, dass mein nächster Film nicht mehr gefallen könnte. Das Lob empfinde ich als eine Verpflichtung. Meine größte Angst ist die vor einem Fiasko.“

Film „Liebe nach Fahrplan“
1968 gewann Menzel aber den Oscar – sein Film „Liebe nach Fahrplan“ (Ostře sledované vlaky) erhielt den begehrten Academy Award für den „besten fremdsprachigen Spielfilm“. 1987 gelangte dann „Heimat, süße Heimat“ (Vesničko má středisková) auf die Shortlist der Oscar-Kandidaten.

Am 16. Januar kommenden Jahres wird bekanntgegeben, welche Filme in die engere Auswahl für den Oscar 2013 kommen. Die feierliche Preisverleihung ist für den 2. März vorgesehen. Sollte der Name Jiří Menzel nicht erklingen in Verbindung mit den Worten „And the Oscar goes to…“, dann dürfte dies jedoch keine Tragödie sein.