Pardubice bietet alljährlich zwei Events im Pferde-und Motorsport

Foto: ČTK

Sport ist populär, hat ein positives Image und wird entsprechend vermarktet. In Deutschland buhlen deshalb ziemlich viele Städte darum, als Sportstadt Nummer eins betitelt zu werden. Aufgrund ihrer infrastrukturellen Voraussetzungen haben aber oft nur die größten unter ihnen wie Berlin, Hamburg oder München die Chance auf diesen Titel. In Tschechien dürfte zwangsläufig die einzige Millionenmetropole, die Hauptstadt Prag, der uneingeschränkte Primus für alle Sportbegeisterten sein. Doch das gilt nicht immer. Am vergangenen Wochenende zum Beispiel machte eine andere Stadt auch über die Ländergrenzen hinaus im Sport von sich reden: Pardubice.

Goldener Helm  (Foto: ČTK)
In der Elbestadt Pardubice sind der sechsfache und derzeit amtierende tschechische Eishockeymeister sowie weitere Vereinsmannschaften im Fußball, Basketball, Volleyball, Florball und Hockeyball zu Hause. Im Tennis wird alljährlich seit 1926 auf der Anlage des LTC Pardubice die nationale Junioren-Meisterschaft ausgetragen. Und jedes Jahr im Herbst ist die ostböhmische Kreisstadt zudem Gastgeber für zwei internationale Highlights, die bezüglich ihrer Tradition sogar weltweit kaum zu toppen sind: die Große Pardubitzer Steeplechase und die Motorsport-Veranstaltung „Zlatá přilba“ (Goldener Helm) im Speedway. Das Querfeldein-Pferderennen findet stets am zweiten Oktobersonntag statt, der Speedwaywettbewerb entweder davor oder danach. In diesem Jahr allerdings waren beide Events auf den 14. Oktober terminiert. Der Vorsitzende des tschechischen Speedway-Verbandes und Chef des Motorsportclubs in Pardubice, Petr Moravec, erklärt:

Petr Moravec  (Foto: Milan Kosina,  Tschechischer Rundfunk)
„Unser Wettbewerb ist an den Veranstaltungskalender des Internationalen Motorsport-Verbandes FIM gekoppelt, deshalb kam es diesmal zu dieser Terminkollision in Pardubice.“

Die Sportveranstalter in Pardubice sind jedoch längst schon keine heurigen Hasen mehr, von daher wussten sie sich schnell zu helfen. Die Steeplechase wurde einfach um einen Tag vorverlegt, und so gab es erstmals an einem Samstag wieder dieses Signal:

„Wenden – und Start“, dieser Ruf ertönte auf der großen Querfeldein-Pferderennbahn schon zum 122. Mal. Mit dieser langen Tradition gehört die Große Pardubitzer Steeplechase nicht nur zu den ältesten Wettbewerben ihrer Art, sondern gilt gleichzeitig als das schwerste Pferde-Hindernisrennen auf dem europäischen Kontinent.

Große Pardubitzer Steeplechase  (Foto: ČTK)
Am Start der diesjährigen Steeplechase waren 23 Pferde, darunter auch ein Quartett aus dem Ausland. Neben je einem Vollblüter aus Großbritannien und Schweden kamen zwei Pferde aus Irland, die vom siebenfachen Rennteilnehmer Kenneth Whelan begleitet wurden. Vor dem Rennen hegte Whelan noch eine stille Hoffnung:

„Es ist sehr, sehr schwer, das Rennen zu bestehen und dann noch die Tschechen zu schlagen. Sie haben wirklich gute Pferde, und auch ihre Reiter sind eine Klasse für sich. Aber wir werden alles geben, auch wenn es eine echte Schinderei wird.“

Jan Faltejsek auf Orphee des Blins  (Foto: ČTK)
Das Rennen verlief dann aber wie fast immer: Die tschechischen Pferde bestimmten die Szenerie. Zur Überraschung der rund 30.000 Zuschauer war es jedoch nicht der achtfache Sieger des Rennens, Volksheld Josef Váňa, der mit seinem elfjährigen Hengst Tiumen dem Feld davoneilte, sondern ein krasser Außenseiter: Jan Faltejsek auf Orphee des Blins. Die zehnjährige Stute vom Rennstall Pegas in Zhoř bei Jihlava / Iglau war einfach nicht zu bremsen, sie und Faltejsek überquerten mit klarem Vorsprung als Erste nach 6900 Metern die Ziellinie. Im Ziel ließ Faltejsek, dessen Siegquote nur bei 55:1 zu lag, dann auch seiner Freude freien Lauf.

„Ein Sieg bei der Großen Pardubitzer Steeplechase ist für uns Tschechen etwas Unvergleichliches. Da können selbst alle Gold-Cup-Wettbewerbe und Pferderennen, die ich bestritten oder auch gewonnen habe, nicht mithalten. Das Rennen in Pardubice ist etwas Einzigartiges.“

Jan Faltejsek mit seinem Pferd  (in der Mitte). Foto: ČTK
Bei all seinen Glücksgefühlen vergaß Faltejsek aber nicht, auch die große Leistung seines Pferdes hervorzuheben:

„Ich weiß nicht, wann ich das alles begreifen werde. Vielleicht in einem Monat, jetzt bin ich einfach überwältigt. Meine Stute galoppiert immer etwas vor dem Feld, ich habe jedoch versucht, sie zu zügeln. Das habe ich das ganze Rennen über getan, doch ich konnte sie kaum bändigen. Also habe ich nur im Sattel gesessen und gehofft, dass sie das Tempo durchhält. Sie lief aber wie aufgedreht, wie eine Maschine.“

Grzegorz Wróblewski  (Foto: Archiv des Jockey Clubs der Tschechischen Republik)
Große Freude herrschte nach dem Rennen auch bei Grzegorz Wróblewski, dem polnischen Trainer des Siegerpferdes.

„Ganz im Ernst, ich bin sehr glücklich, denn ich hatte noch nie ein Pferd bei der Steeplechase in Pardubice am Start.“

Und für den Sensationssieg seiner Stute Orphee des Blins hielt Wróblewski zudem noch eine witzige, weniger ernst gemeinte Begründung parat:

„Ich hatte fast keine Wahl, denn heute hat meine Frau Geburtstag. Sie sagte mir, ich solle ihr entweder eine Torte für 500 Kronen kaufen, oder ich soll die Steeplechase gewinnen. Da habe ich geantwortet, es ist einfacher das Rennen zu gewinnen…“

Scheinbar mühelos hat in den vergangenen drei Jahren auch Josef Váňa die Steeplechase gewonnen. Diesmal kam er mit seinem dreifachen Siegerpferd Tiumen „nur“ auf den dritten Platz. Dennoch zeigte sich der fast 60-Jährige nicht enttäuscht, sondern gab sich kämpferisch:

Josef Váňa  (Foto: ČTK)
„Ich denke, dass wir kaum Fehler gemacht haben, andere waren heute einfach besser. Aber ich will alle, die wie ich auch auf die 60 zugehen, ermuntern, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. Denn auch so kurz vor diesem Jubiläum kann man noch etwas erreichen. Ich habe heute zwar nicht gewonnen, aber ich habe das Rennen sehr genossen.“

Schon in drei Tagen feiert der unverwüstliche Váňa seinen 60. Geburtstag. Wäre er am vergangenen Samstag als Erster angekommen, hätte er sich als ältester Sieger der Steeplechase in die Annalen des Traditionsrennens eingetragen. Bleibt also abschließend nur die Frage: Wird Váňa auch noch im kommenden Jahr starten? Der hierzulande hoch geschätzte Jockey ließ diese Frage noch unbeantwortet:

„Ich werde da schon 60 sein, also hängt alles davon ab, wie ich mich fühlen werde. In diesem Moment sind alle Spekulationen darüber fehl am Platz. Ich weiß es noch nicht, Ende, aus.“


Jiří Štancl  (Foto: Archiv AMK Zlatá přilba Pardubice)
Der Motorsportwettbewerb „Zlatá přilba“ ist das älteste Speedwayrennen der Welt überhaupt. Am vergangenen Sonntag wurde die 1929 ins Leben gerufene Veranstaltung bereits zum 64. Male ausgetragen. Für das große internationale Prestige des Rennens in Pardubice spricht, dass es erst 14 Mal von einheimischen Fahrern gewonnen wurde. Davon allein fünfmal durch Jiří Štancl, der den Wettbewerb zwischen 1974 und 1982 dominierte. Von daher hoffte Veranstaltungschef Petr Moravec vor dem Rennen auf einen Heimerfolg, als er die prominentesten Teilnehmer vorstellte:

„Beim Rennen am Start sind der dreifache Weltmeister und diesjährige WM-Zweite Nicky Pedersen, sein dänischer Landsmann und Goldhelm-Gewinner Hans Andersen oder der starke Schwede Fredrik Lindgren. Ich glaube dennoch, dass sich diesmal endlich wieder ein tschechischer Fahrer in die Siegerliste einträgt, zumal das in diesem Jahrhundert noch keinem Tschechen gelungen ist.“

Grzegorz Walasek  (Foto: ČTK)
Doch es klappte wieder nicht. Hinter dem Überraschungssieger, dem Polen Grzegorz Walasek, dem Schweden Lindgren und dem Dänen Andersen landete Aleš Dryml als bester Tscheche nur auf dem undankbaren vierten Platz. Die Enttäuschung darüber war Dryml dann auch anzumerken:

„Ich wollte das Rennen unbedingt gewinnen. Vor dem Start des Finallaufs fühlte ich mich gut und war überzeugt, es auch zu packen. Aber leider kam es anders: Das Startband schnellte nach oben und ich kam nicht weg. Ich weiß nicht, was los war.“

Aleš Dryml  (Foto: ČTK)
Dryml erklärte lediglich, dass sich seine Maschine im Finallauf ganz anders angefühlt habe als in den Läufen davor. Tatsache aber ist, dass die tschechischen Speedwayfahrer nun schon 16 Jahre auf einen Sieg bei ihrem heimischen Top-Event warten. 1996 durfte sich mit Tomáš Topinka letztmalig ein Tscheche den Goldenen Helm aufsetzen. Aber der 65. Wettbewerb „Zlatá přilba“ kommt bestimmt. Er ist für den letzten Septembersonntag des Jahres 2013 terminiert.

Autor: Lothar Martin
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