Petr Chelčický - mittelalterlicher Pazifist inmitten der Hussitenkriege

Petr Chelčický

Bedeutende Denker werden auch nach Jahrhunderten immer noch zitiert, und fast jeder kennt sie mindestens dem Namen nach. Es gibt aber auch solche, die in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie berühmte Nachfolger inspiriert haben. Zu diesen gehörte Petr Chelčický, ein böhmischer Denker aus der hussitischen Zeit. Seine Verehrer waren unter anderem Johann Comenius, Lew Nikolajewitsch Tolstoi und Albert Schweitzer. Im Folgenden nun mehr zum Leben und Werk von Chelčický.

Foto: Archiv Radio Prag
Böhmen, die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Nach der Verbrennung des hierzulande beliebten Reformators Jan Hus durch die katholischen Kirchenoberen kommt es ab 1419 zu Unruhen. Einige Städte und Klöster werden geplündert. Dies alles mündet in kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Hussiten. Für die Bevölkerung in Böhmen bedeutet dies Angst und Not. In dieser Zeit erscheint in Prag ein Mann aus Südböhmen. Er will studieren, sich engagieren und dem Guten dienen. Dabei knüpft er Kontakte mit Vertretern beider feindlichen Seiten und versucht, wie er sagt, „der Wahrheit auf den Grund zu gehen“. Die Widersprüche zwischen den kirchlichen Würdenträger und ihren Kritikern scheinen jedoch unüberwindlich zu sein. Enttäuscht verlässt der Mann die Hauptstadt, und in Abgeschiedenheit formuliert er seine Gedanken in Schrift und Wort. Sein Name bleibt bis zum 19. Jahrhundert nur eingeweihten Kreisen bekannt: Petr Chelčický.

Petr Chelčický
Über sein Leben wissen wir fast nichts: Wo und wann er geboren wurde und gestorben ist, ob er eine Ehefrau und Kinder hatte, das alles ist verborgen geblieben. Vermutlich lebte er im Zeitraum zwischen 1390 und 1450. Er gehörte wohl zum niedrigen Adel im Dorf Chelčice – daher auch sein Name. Chelčice liegt zwischen den Städten České Budějovice / Budweis und Strakonice.

Deutlich interessanter als die wenigen Informationen über sein Leben ist jedoch sein Werk: In vielen Gedanken war Petr Chelčický seiner Zeit weit voraus. Er unterschrieb seine Bücher nicht, wie es damals üblich war. Und er verfasste ausschließlich auf Tschechisch. Josef Válka ist Historiker an der Masaryk-Universität im mährischen Brno / Brünn.

Bethlehem-Kapelle (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Zu damaliger Zeit galt die Universität als die höchste Ausbildungsstufe. Wir wissen, dass Chelčický die Prager Uni aber nicht abgeschlossen hat, vielleicht besuchte er freiwillig einzelne Vorträge. Man kann auch davon ausgehen, dass er oft in der Bethlehem-Kapelle war, also im Zentrum der hussitischen Bewegung in Prag. Inwieweit er Latein konnte, das ist eine Streitfrage. Latein war damals die Sprache der Gelehrten, aber in Böhmen wurde ab dem 15. Jahrhundert begonnen, auch das Tschechische als Wissenschaftssprache zu nutzen. Das war gerade Jan Hus zu verdanken – er wollte den Menschen die christliche Lehre in ihrer Muttersprache näher bringen. Chelčický hat sich daher also durchaus auch auf Tschechisch weiterbilden können. Sicher kannte er sowohl tschechische, als auch lateinische Schriften.“

Aus bestimmten Bemerkungen in seinen Büchern lässt sich ableiten, dass Chelčický viele Prager Intellektuelle kannte, einschließlich Jan Hus persönlich. Später hing er vermutlich den millenaristischen Ideen seiner Zeit an, er schloss sich jenen an, die wegen der tiefen Krise von Kirche und Gesellschaft das herannahende Ende der Welt erwarteten. Dieses war von einer bestimmten Gruppe der Hussiten für 1420 angekündigt. Anstatt Gottes Königsreich begannen jedoch die Kreuzzüge gegen die böhmischen „Ketzer“. Die radikalen Hussiten griffen zu den Waffen, um für die göttliche Ordnung zu kämpfen. Davon hat sich Chelčický aber eindeutig distanziert. In einer Schrift „Über den geistlichen Kampf“ lehnte er jede Gewalt im Namen Gottes ab. Frei übersetzt behauptete er:

Foto: Štěpánka Budková
„Der wichtigste Kampf der Menschengeschichte wurde nicht durch das Schwert, sondern durch die Demut und das Leiden von Jesus Christus gewonnen. Sein Vorbild leitet alle, die ihm folgen wollen: Sie sind nicht nur wohltätig zu ihren Nächsten, sondern auch bereit, Unrecht ohne dem Sehnen nach Rache und Vergeltung zu ertragen. Selbst wenn wir die Anwendung von Gewalt zulassen würden, würde sie nicht funktionieren, denn niemand kann auf diese Weise zu Christus geführt werden. Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch die andere hin, sagt Christus. Das Böse nicht mit dem Bösen zu vergelten – das ist die Grundvoraussetzung christlichen Lebens.“

Der Historiker Jaroslav Boubín ist Autor einer großen Monographie über Petr Chelčický. Den Akzent auf Gewaltfreiheit hält er für den markantesten Zug im Denken des Reformators. Zur damaligen Zeit war dies eine ungewöhnliche Weltanschauung, sie war zudem gründlich durchdacht. Den Begriff „Pazifismus“ muss man jedoch bei Chelčický richtig interpretieren, sagt Boubín:

Jan Žižka (Foto: Archiv Radio Prag)
„Es geht bei Chelčický nicht um die Ablehnung von Gewalt immer und überall. Er gibt zu, dass sie kurzfristig in bestimmten Situationen eine positive Rolle spielen kann. Zugleich behauptet er aber kompromisslos, Gewalt sei mit christlicher Lehre nicht vereinbar. Da Christus seine Hand zur eigenen Verteidigung nicht erhob, solle das auch kein Christ tun, so Chelčický. Er ist nicht entrüstet über die Tatsache, dass Kriege und andere Gewalttaten vollbracht werden, sondern dass diese theologisch verteidigt werden. Das hält er für eine skandalöse Verfälschung der Gesetze Gottes und der Lehre Christus – egal ob durch den römischen Papst oder den Hussitenführer Jan Žižka. Es gab damals natürlich auch weitere Stimmen für den Frieden, vor allen von den Waldensern, bei ihnen hat sich Chelčický auch inspiriert. Aber auch unter ihnen gab es niemanden, der das Thema so ausführlich behandelt hätte.“

Mit der Verbindung der geistlichen und materiellen Sphäre trat der Teufel in die Kirche ein und begann, sein Gift zu verbreiten.

Aufgrund seiner pazifistischen Gesinnung stellt sich Petr Chelčický auch gegen die damals allgemein akzeptierte Lehre von der Dreiteilung der Gesellschaft. Dieser Lehre nach waren alle Menschen einer von drei Gruppen zuzuordnen: die erste sollte predigen, die zweite regieren und die dritte arbeiten. Chelčický war der Meinung, diese Teilung diene allein den Machtansprüchen der Kirche:

„Mit der Verbindung der geistlichen und materiellen Sphäre trat der Teufel in die Kirche ein und begann, sein Gift zu verbreiten. Daran ist schon der Kaiser Konstantin schuld, er erhob mit seinem Edikt das Christentum zur Staatsreligion. Viele Priester und Bischöfe sind seitdem an dieser Seuche erkrankt. Sie sind durch Vermögen und Macht verdorben und umgeben sich mit weltlichen Herrschern, nur um ihre Posten festigen zu können. Darauf ersannen sie auch eine theologische Begründung ihres sündigen Verhaltens: die Teilung des Volkes in Auserwählte, die Macht und Vermögen straflos missbrauchen dürfen, und in die anderen, die schamlos unterdrückt und ausgebeutet werden dürfen.“

Apostel Peter (Foto: Gordito1869, Wikimedia CC BY 3.0)
Die Kirche steckte laut Chelčický damals so sehr in der Krise, dass eine bloße Reform nicht geholfen hätte, man hätte sie nach dem Vorbild der Urchristen völlig neu aufbauen müssen. Papst und Kaiser beschrieb er als zwei Walfische, die das Fischernetz von Apostel Peter zerrissen haben. Chelčický wandte sich auch gegen die Existenz von Städten und gegen den Handel, das alles hielt er für den Keim der Sünde, bei der einige Wenige über die Anderen herrschen. Der Kirchenkritiker akzeptierte als Lebensstil nur kleine autarke Kommunen auf dem Lande, wo die Prediger gewählt werden und den anderen gleichwertig sind. In diesem Punkt war Chelčický radikaler als Jan Hus. Dieser hielt die Lage zwar auch für ernst, glaubte jedoch, die Kirche habe noch eine Chance, sich zu reformieren. Bei jeglicher Kritik an den Zuständen, verstand sich Hus immer als treuer Sohn der Kirche.

Viele Jahrhunderte lang wurde der Name Petr Chelčický praktisch verschwiegen, die herrschende katholische Kirche hatte kein Interesse daran, dass über seine Lehren gesprochen wurde. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Werk des böhmischen Denkers wiederentdeckt. Der russische Schriftsteller Lew Nikolajewitsch Tolstoi fühlte sich von seinen Ideen angesprochen, im Buch „Das Himmelreich in Euch“ bezeichnet er ihn als Vorläufer seines pazifistischen Konzepts. Eine ähnliche Weltanschauung hatte auch Albert Schweizer mit seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. In Böhmen fand Chelčický seinen Nachfolger vor allem im Philosophen und ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš G. Masaryk. Seine eigene Vorstellung vom Verhältnis zwischen Macht und Religion fasste Masaryk in die Losung: Jesus, nicht Cäsar.