Nackt auf Raubzug – Sekte der Adamiten im mittelalterlichen Böhmen

Adamiten

Das Mittelalter war reich an religiösen Reformbewegungen, die nach den Idealen des frühen Christentums suchten. In den Böhmischen Ländern gehörten dazu vor allem die Hussiten, wie sie sich nach dem charismatischen Prediger und Reformator Jan Hus selbst nannten. Nachdem dieser 1415 als Ketzer verbrannt worden war, radikalisierten sich seine Anhänger. Unter ihnen formierte sich auch die bemerkenswerte Gruppe böhmischer Adamiten. Ihr markantestes Wahrzeichen: Sie waren angeblich auch im Alltag völlig unbekleidet.

Verbrennung von Jan Hus
Das 15. Jahrhundert war in Böhmen eine unruhige Epoche. Die Gesellschaft war zwar durch die katholische Kirche geprägt, immer mehr Menschen warfen den Priestern und Bischöfen aber vor, dass diese nicht nach Christus´ Vorbild lebten und ihre Macht missbrauchten. Zu den aktivsten Kritikern gehörte der Prediger Jan Hus: Er verkündete zum Beispiel, man sei nicht verpflichtet, den in Sünde lebenden Würdenträger zu gehorchen. Beim Kirchen-Konzil in Konstanz von 1415 wurden aber seine Aussagen zur Irrlehre erklärt, und er selbst wurde danach auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Hussitenkriege
Dies entfachte nur noch mehr den Widerstand gegenüber der Kirche, der Papst schickte seine Truppen nach Böhmen. Es begannen die Hussitenkriege. Die Gemetzel und die Plünderungen von Städten und Klöstern empfanden viele Gläubige als so schrecklich, dass sie ein baldiges Ende der Welt erwarteten. Vor diesem Hintergrund entsteht eine Bewegung der Adamiten. Eine ähnliche Gruppe hatte es wohl auch schon im zweiten Jahrhundert in Nordafrika gegeben, doch über die böhmische Sekte ist mehr bekannt. Jiří Jukl ist Kirchenhistoriker und Schriftsteller:

„Die Adamiten begannen so zu leben, als ob schon bald das biblische Paradies kommen würde. Da dort ihrer Meinung nach alle Menschen nackt lebten, legten sie die Kleidung ab und praktizierten freie Liebe. Die Zeit war von einer religiösen Hysterie geprägt, die Menschen waren nicht mehr in der Lage, vernünftig zu denken. Zu den Adamiten muss man aber auch anmerken, dass es sich bei ihnen um schlichte und ungebildete Menschen handelte, die keine Ahnung von Theologie hatten. Martin Húska war der einzige Priester bei der Entstehung dieser Sekte gewesen, er trennte sich aber bald von ihr. Die Adamiten blieben daher in ihren naiven Vorstellungen stecken. Sie glaubten, Erlösung erlange man durch Nacktheit und nicht durch Buße und Gebet.“

Adamiten
Die Adamiten werden manchmal auch Pikarden genannt, nach einer Region in Frankreich, in der sich vor 1420 eine religiöse Reformbewegung entwickelte. Diese Bewegung verbreitete sich schnell in zahlreiche Länder Westeuropas, hauptsächlich nach Belgien, Deutschland und Böhmen. Der Begriff Pikarden wurde aber auch als Bezeichnung verschiedener religiöser Richtungen verwendet, die in der Opposition zur katholischen Kirche standen. Sie lehnten vor allem die sogenannte Transsubstantionslehre ab, also die Behauptung, dass sich Brot und Wein während der Messe in Leib und Blut Christi verwandle. Auch die Adamiten waren gegen diese Lehre, obwohl nicht belegt ist, dass sie überhaupt Kontakte zu ausländischen Gruppierungen pflegten. Sicher ist aber, dass ihre Interpretation geistlicher und sexueller Reinheit nicht nur bei Katholiken an moralische Grenzen stieß.

Die Adamiten lebten auf einer Insel im südböhmischen Fluss Nežárka (Quelle: Google Maps)
„Sie lebten dann auf einer Insel im südböhmischen Fluss Nežárka. Wie verschiedene Quellen berichten, praktizierten die Adamiten dort rituelle Tänze am Feuer und deklamierten dabei verschiedene Zaubersprüche. Ihr Anführer Adam Rohan, was wahrscheinlich ein symbolischer Name war, soll jeweils Paare ausgesucht haben, die dann in den Fluss gingen und dort den Beischlaf praktizierten. Ob es dabei zu homosexuellen Handlungen kam, ist unklar, die Berichte erwähnen dies nur in Andeutungen. Angesichts der freien Moral ist aber zu vermuten, dass es auch dazu gekommen sein könnte“, so Jukl.

Jan Vodňanský
Zeugenaussagen über diese Ereignisse bestehen jedoch nur aus zweiter Hand. Jiří Jukl ist der Ansicht, dass man ihnen dennoch Glauben schenken könne. In mehreren Chroniken werden verschiedene Zeitzeugen zitiert, die die Adamiten getroffen oder näher kennengelernt haben. Der mittelalterliche Autor Jan Vodňanský hat zum Beispiel die Erzählung einer älteren Frau aufgezeichnet, deren Schwester sich in ihrer Jungend der Sekte anschloss. Beide Mädchen begegneten sich dann zufällig in einer Nacht wieder, als die Adamiten die Frau überfielen. Die Zeugin habe ihre Schwester dabei nackt gesehen, und diese erzählte ihr angeblich, dass der Mensch, solange er nackt und damit wie von Gott ursprünglich geschaffen sei, die vier Elemente und die Tiere beherrsche.

Petr Chelčický
Auch der Reformator Petr Chelčický sympathisierte am Anfang mit der Sekte. Als er sich aber dann von ihr trennte, schrieb er 1437, dass bei den Adamiten auch kleine Mädchen beischlafen mussten. Laut der Lehre der Sekte kämen nämlich Huren als Erste ins himmlische Königsreich. Außer Frage steht laut Jukl auch die Tatsache, dass die Nackten auf Raubzüge gingen:

„Von ihrer Insel im Fluss Nežárka unternahmen sie Streifzüge in nahegelegene Dörfer und Städte, wo sie mordeten und plünderten. Der Grund war wahrscheinlich simpel: Sie brauchten etwas zu essen. Rund 100 Menschen lebten auf der Insel, und ihre Versorgungsmöglichkeiten waren sehr beschränkt. Vielleicht haben sie ihr Verhalten auch religiös begründet, und zwar dass sie gegen die Feinde von Gottes Reich kämpften. Im Hintergrund stand aber die bloße Notwendigkeit, sich Essen zu besorgen.“

Ferdinand Hetteš: Verbrennung von Adamiten
Eben diese Gefahr für die Umgebung und das öffentliche Ärgernis der Nacktheit bewegten den Hussitenführer Jan Žižka dazu einzugreifen. Seine erste Strafaktion erfolgte im April 1421, als er und seine Truppen etwa 70 Adamiten gefangen nahmen. Der Legende nach forderte Žižka sie dazu auf, auf ihre Irrlehre zu verzichten und Buße für ihre Sünden zu üben. Nachdem sie alle dies ablehnten, wurden sie im Pfarrhaus Klokoty bei Tábor demonstrativ verbrannt.

Beim zweiten Mal griff der Hussitenführer im Oktober desselben Jahres die Adamiten-Insel an. Wie die Quellen berichten, sollen die Sektierer tatsächlich nackt gekämpft haben - und das sehr mutig, als ob die endgültige Schlacht der Weltgeschichte begonnen hätte. Gegen die Überzahl von Žižkas Truppen hatten sie jedoch keine Chance. Wer das Gefecht überlebte, wurde gefangengenommen und verbrannt. Nur einem der Adamiten wurde angeblich das Leben geschenkt, damit er alle Sünden der Sekte schildern konnte.

Foto: Dokořán Verlag
Die Bewegung der Adamiten bestand in Böhmen also nur ein halbes Jahr lang. Schwer zu sagen daher, ob sie auch bereit gewesen wären, im Winter nackt herumzulaufen. Obwohl es sich also nur um eine Episode der Geschichte gehandelt hat, wurde sie allgemein bekannt und interessiert bis heute die Historiker. Zahlreiche Bücher sind zu diesem Thema geschrieben worden, sowohl von tschechischen als auch ausländischen Historikern. Jiří Jukl hat für seine kürzlich erschienene Monographie über die Adamiten ausgiebig in der Literatur recherchiert.

„Im 18. Jahrhundert hat sich beispielsweise Isaac de Beausobre, der als Hugenotte von Frankreich nach Deutschland emigrierte, mit den Adamiten beschäftigt. Er verteidigte sie heftig und behauptete, alle Berichte über ihre Nacktheit und Unzucht seien erdacht. Seine Schrift halte ich aber für tendenziös, als Protestant hielt er die Adamiten für seine Glaubensgenossen und wollte sie einfach in rosarotem Licht sehen. Das war aber früher so üblich, fast alle Autoren haben die Geschichte ihrer eigenen Weltanschauung nacherzählt. Auf der entgegengesetzten Seite zu Beausobre ließe sich der tschechische katholische Historiker Josef Pekař erwähnen, der die Adamiten als Wahnsinnige betrachtete. Eine sehr spezifische Interpretation haben marxistische Historiker geliefert. Sie verstanden den Kampf der Adamiten als Klassenkampf der Unterdrückten gegen die Feudalherren und die sexuelle Moral der Sekte als eine Art Protest. Diese Interpretation war in den 1950er und 1960er Jahren hierzulande relativ weit verbreitet.“

Die Adamiten waren eine wirklich einzigartige Erscheinung in der tschechischen Geschichte. Zwar bestehen einzelne Notizen, dass sich Mitte des 15. Jahrhunderts einige Nackte auf den Feldern bewegt haben sollen, aber zwischen den Nachrichten besteht kein Zusammenhang und anscheinend waren damit nicht Adamiten gemeint. In den böhmischen Ländern entstand später zu keiner Zeit noch einmal eine ähnliche Bewegung. Erst die im 19. Jahrhundert aufkommende Freikörperkultur knüpfte an den Gedanken an, dass die menschliche Nacktheit etwas Natürliches sei. Das ist aber bereits ein ganz anderes Kapitel.