Prager Durchblicke

r_2100x1400_radio_praha.png

Abschließend bringen wir eine Prager Impression von unserem freien Mitarbeiter Alexander Schneller.

Prag verändert und entwickelt sich, wie sich das für eine lebendige Weltstadt gehört, in mancherlei Hinsicht. Seit der Samtenen Revolution sind z.B. immer mehr Farbe, Helligkeit und Licht in die altehrwürdige Stadt eingezogen. Nicht zur Begeisterung aller. Die eine oder andere Farbgebung ist in der Tat eher kühn, manche meinen auch kitschig: Muss neben dem in luftiges Mint gekleideten Barockpalast ein zartrosa Wohnhaus aus den Dreißiger Jahren stehen? Aber was solls, über Geschmäcker soll man bekanntlich nicht streiten, und schließlich gibt es in unserer Stadt durchaus genügend in Ehren ergraute, schwarz-braun-russige Bauten, die noch etwas vom Charme der sozialistischen Öde ausstrahlen. Alles in allem aber wird die Wendung hin zur Buntheit doch eher zustimmend zur Kenntnis genommen. Und da fällt mir seit geraumer Zeit als aufmerksamem Spaziergänger etwas auf, eine weitere wundersame Verwandlung. Und jede Woche, ja jeden Tag, wie von einem Zauberstab berührt, wird es mehr und mehr. Und wahre Entdeckungsreisen sind jetzt möglich, neue Erkenntnisse, lauter Aha-Erlebnisse stellen sich ein, ganze Teile Prags erfinden sich neu. Und vor allem: Jede Menge neuer Durchblicke tun sich auf, Vorhänge werden gelüftet, ungewohnte, ja überraschende Szenarien werden sichtbar. Wovon ich rede? Von all den Kneipen, Restaurants und Geschäften, deren Fenster und Schaufenster Einblick gewähren ins Innere. Und das nicht nur im touristischen Zentrum. Nein, auch die Quartierkneipe um die Ecke erstrahlt plötzlich in neuem Glanze, nicht weil die Fassade neu gestrichen wurde, sondern weil glasklare, durchsichtige Fenster die alten, getönten, mit Verschlägen versehenen ersetzen. Und weil wir deshalb plötzlich sehen können: Da drin lebts ja, da sind Menschen, die miteinander reden, essen, trinken und das Leben genießen. Oder etwas kaufen. Oder miteinander lachen oder streiten oder was auch immer. Und o Wunder, sogar die Banken, ansonsten Gralshüter der Diskretion, lassen Durch- und Einblicke zu. Das ist im wahrsten Sinn des Wortes ein neues Lebensgefühl, ein Ausdruck neu gewonnener Souveränität, Freiheit und Lebensqualität. Bleibt am Schluss noch die bescheidene Hoffnung, dass die neuen Durchblicke, die neue Transparenz und die neuen Einsichten sich möglichst bald auch in Bürokratie und Politik einstellen mögen.