„Radio Prag International ist zuverlässig“: Ex-Chefredakteur Vaughan zum 90-Jährigen unseres Senders

David Vaughan

Seit 1936 gibt es die Auslandssendungen des Tschechischen und früher Tschechoslowakischen Rundfunks. Am Montag jährt sich ihre Gründung zum 90. Mal. Aus diesem Anlass haben wir eine Reihe von ehemaligen Mitarbeitern und langjährigen Partnern um Grußworte oder Interviews gebeten. Unter ihnen der frühere Chefredakteur David Vaughan. Im Folgenden eine Zusammenfassung seiner Gedanken zu unserem Jubiläum.

David Vaughan war von 1998 bis 2006 Chefredakteur von Radio Prag, heute Radio Prag International. Als freier Mitarbeiter der englischen Redaktion ist er immer noch eng mit uns verbunden. Vaughan ist Experte für Rundfunkgeschichte. Daher beginnt sein Grußwort auch mit dem Hinweis darauf, dass der Tschechoslowakische Rundfunk seine Auslandssendungen einst als Gegengewicht zur nationalsozialistischen Propaganda aus Hitler-Deutschland ins Leben rief:

„Der Sender ist 1936 entstanden, als die freien Medien in Europa unter einem großen Druck standen. Das ist die Warnung, und deshalb gibt es die Auslandssendungen überhaupt. Heute ist es immer noch so, dass man freie Medien nicht als selbstverständlich betrachten kann.“

Wichtige Rolle im Jahr 1968

Radio Prag International habe also eine starke Tradition und gehöre zum Tafelsilber der Tschechischen Republik, betont David Vaughan. Er verweist auf die Berichterstattung nach der Besetzung der Tschechoslowakei vor 58 Jahren. Damals hatte die Sowjetunion behauptet, die Truppen des Warschauer Paktes seien zur Hilfe gerufen worden, um eine Konterrevolution im Land niederzuschlagen…

„Schon 1968 hat sich gezeigt, welche Bedeutung es hat, ins Ausland senden zu können. Das Land war besetzt, aber Radio Prag hat eine Rolle gespielt, indem der Sender versucht hat, möglichst die Wahrheit zu berichten. Und das war unheimlich wichtig damals, weil die Sowjets sagten, sie seien eingeladen worden. Doch das stimmte nicht. Das sind Beweise dafür, dass Radio Prag International wichtig sein kann“, so der Journalist.

Aufbruch in die Moderne

David Vaughan | Foto: Markéta Jirovská

Zugleich leugnet David Vaughan auch nicht, dass Radio Prag vor allem in den 1970er und 1980er Jahren viel kommunistische Propaganda verbreitet hat. Nach der Samtenen Revolution von 1989 habe man im Funkhaus indes wieder an die positiven Aspekte der Tradition angeknüpft, sagt er. Und der Sender habe auch die Herausforderungen moderner Technologien gemeistert und sich in Richtung einer multimedialen Plattform entwickelt:

„Heute ist Radio Prag International, wie man ohne Übertreibung sagen kann, immer noch die Stimme der Tschechischen Republik im Ausland. Wenn man im Ausland ist und fragt, welche Medien aus Tschechien die Menschen kennen, sagt jeder: Radio Prag. Und das ist kein Zufall. Es gibt zwar auch andere Quellen, sie sind aber unzuverlässig. Radio Prag International ist zuverlässig und erreicht die Hörer und Leser einfach jeden Tag. Das ist wichtig in der heutigen Welt, in der es so viele verschiedene Stimmen gibt, an denen man sich aber nicht orientieren kann. Radio Prag International funktioniert hingegen nach Regeln, die klar sind. Der Sitz ist im Gebäude des Tschechischen Rundfunks. Hier haben nicht wenige Menschen ihr Leben dafür geopfert, dass wir frei senden können. Und das hat eine Bedeutung.“

Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

Nicht zu ersetzen

Radio Prag International baut auf die Prinzipien öffentlich-rechtlicher Medien. Dazu gehören eine ausgewogene und umfassende Berichterstattung über das, was in Tschechien geschieht. Wie können die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks laut David Vaughan aber fit werden für das nächste und zwar große Jubiläum, also die runden Einhundert?

„Ich glaube, im Grunde ist Radio Prag International fit. Es gibt viele Gründe zu sagen: Ja, so funktioniert es, und so sollte es eben sein. Bestimmt lassen sich auch Punkte finden, die man ein bisschen anders machen könnte. Und natürlich entwickelt sich alles sehr schnell, sodass man darauf reagieren muss, was nicht immer leicht ist in der Zeit der sozialen Medien. Aber das sind Gelegenheiten und nichts, wovor man Angst haben sollte. Am schwierigsten wird aber sein, wie wir jetzt gerade sehen, dass nicht alle Politiker erkannt haben, wie wichtig so etwas wie Radio Prag International ist. Und welche Bedeutung es hat zu zeigen, dass dies eine Stimme aus der Tschechischen Republik ist und ein Zeichen dafür, dass die Medien hierzulande offen, frei und gut sind. In dem Sinne glaube ich, dass es in den nächsten Jahren – und vielleicht auch schon Monaten – sehr wichtig sein wird, alle möglichen Politiker und auch unsere Freunde daran zu erinnern, dass Radio Prag International auf einem sehr fruchtbaren Boden steht. Wenn man aber den Boden entfernt, kann man ihn nicht ersetzen – und das darf nicht passieren“, meint der ehemalige Chefredakteur.

David Vaughan | Foto: Pavla Horáková,  Radio Prague International
Autor: Till Janzer
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