Revolution im Klassenzimmer – Schüler erwirken ihre Mitbestimmung

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Sie wollen die Schülerselbstverwaltung gesetzlich verankern, Lehrer sollen besser qualifiziert sein und die Klassen kleiner werden. All das fordern die Schülerinnen und Schüler selbst – und zwar über die sogenannte Mittelschulunion. Diese Initiative wurde zunächst nicht sonderlich ernst genommen, mittlerweile ist sie aber Partner des tschechischen Schulministeriums und der zuständigen Behörden.

Gymnasium Na Vítězné pláni  (Foto: Hynek Moravec,  CC BY 3.0)
Lautes Stimmengewirr auf dem Korridor im Gymnasium „Na vítězné Pláni“ in Prag. So klingt es auch an anderen Schulen, aber die Jugendlichen haben etwas Besonderes erreicht. Vor vier Jahren gründeten sie die Mittelschulunion. Dazu muss man wissen, dass die tschechische Mittelschule sowohl Gymnasien als auch andere Schulen auf derselben Stufe umfasst, sie entspricht also der deutschen weiterführenden Schule. Der Verband jedenfalls versuchte als erster, die eigenen Interessen der Schüler durchzusetzen. Das Echo war groß, aus ganz Tschechien meldeten sich engagierte Mitstreiter. Die Union verfasste ein Manifest unter dem Schlagwort „Revolution an der Mittelschule“, verabschiedet von Delegierten auf einer landesweiten Versammlung. Mittlerweile sind der Union mehr als 25.000 Schülerinnen und Schüler angeschlossen. Sie wollen mehr Einfluss auf den Bildungsprozess. Eine Revolution sei in diesem Bereich wirklich notwendig, erläutert Štěpán Kment. Der Abiturient ist Vorsitzender der Union.

Štěpán Kment  (Foto: Archiv der Tschechischen Mittelschulunion)
„An den Mittelschulen hat sich in den vergangenen 30 oder 40 Jahren nur sehr wenig verändert, es gab keine Revolution. Es überwiegt das alte Modell, bei dem der Lehrer in einer Stunde Informationen liefert und in der nächsten überprüft, ob die Schüler sich alles gemerkt haben. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Skandinavien geht es vorrangig jedoch darum, wie aktiv die Schüler sind, ob sie argumentieren oder kritisch nachdenken können. Auf enzyklopädisches Wissen wird hingegen deutlich weniger Wert gelegt. Uns geht es zudem um eine Demokratisierung an den Schulen, die Schüler sollen als Partner anerkannt und ihre Stimmen gehört werden. Die Schule darf kein Schlachtfeld sein zwischen Schülern und Lehrern, sondern sollte zur Demokratie erziehen. In dieser Hinsicht versuchen wir Schülerparlamente und Schülerräte zu verändern“, so Kment.

Dürfen Schüler die Lehrer bewerten?

Die „Revolution an der Mittelschule“ umfasst neun Forderungen, die die größten Probleme aus Sicht der Jugendlichen benennen. Sie sind auf einer ausführlichen und zugleich übersichtlichen Webseite aufgelistet. Genannt wird zum Beispiel, dass die Selbstverwaltung von Schülern gesetzlich definiert werden sollte, samt der Rechte und Pflichten. Selbstverwaltungsorgane gibt es zwar schon, es liegt aber an den Schulleitungen, ob und wie intensiv sie mit ihnen kommunizieren. Ein weiterer Punkt nennt die Qualifikation der Pädagogen. Laut der Union ist diese oft mangelhaft. Daher fordern die Schüler mehr Geld für gute Lehrer, im Schulwesen lägen die Belohnungen zu niedrig. Damit hängt auch eine umstrittene Idee zusammen: das Recht der Schüler, sich zur Qualität des Unterrichts zu äußern. Die Union wollte, dass dieses Element in die Gesetznovelle zu den Karrierestufen von Lehrern aufgenommen wird. Štěpán Kment:

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„Wir haben vorgeschlagen, an Schulen regelmäßige Bewertungen durch Schüler einzuführen. Sie sollen mit gut vorbereiteten Fragebögen verschiedene Aspekte des Unterrichts bewerten. Dazu gehört zum Beispiel, wie verständlich der Lehrer sich ausdrückt, ob er über das Thema diskutieren lässt, und wie objektiv die Klassenarbeiten gestaltet sind. Es ist auch wichtig, dass die Schüler lernen zu bewerten, ihnen muss das ganze Vorgehen erklärt werden. Die Ergebnisse würden dann als eines der Kriterien bei einer möglichen Beförderung der Lehrer berücksichtigt. Unserer Meinung nach sollten darüber nicht nur die Dienstjahre und die Weiterbildungskurse entscheiden, sondern auch die Rückmeldung der Schüler. Damit meinen wir nicht, dass die Schüler direkt die Lohnhöhe der Lehrer beeinflussen, darüber müssen andere entscheiden. Die Schüler sind aber diejenigen, für die der Lehrer eigentlich da ist und mit denen er täglich zusammenarbeitet.“

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Am Gymnasium „Na vítězné Pláni“ gibt es solcherart Bewertungen schon seit einigen Jahren. Die Schüler können mittels anonymer Fragebögen im Internet sowohl die einzelnen Lehrer, als auch die Schule im Ganzen beurteilen. Gefragt wird beispielsweise danach, ob die Lehrer so etwas wie Sprechstunden anbieten, ob die Schulräume auch außerhalb des Unterrichts zugänglich sind, wie das Essen in der Mensa schmeckt oder ob die Schulbibliothek gut ausgestattet ist. Lehrer Matěj Král hält viel von dieser Art von Rückmeldung. Manche Kollegen hätten aber Probleme mit der Kritik von Schülern:

„Ich unterrichte auch Fachdidaktik an einer Hochschule und bilde künftige Lehrer aus. Zusammen mit einer Kollegin fordere ich unsere Studenten dazu auf, von Anfang an die Schüler selbst um Rückmeldung zu bitten und den Unterricht dem anzupassen. Wenn man sich dies bereits als Referendar aneignet, kann man viele spätere Probleme vermeiden. Für diejenigen von uns, die vielleicht schon seit 20 Jahren auf eine bestimmte Weise unterrichten und dann erfahren, dass die Schüler dies schrecklich finden, ist es natürlich schwierig. Insgesamt aber bin ich dafür, Rückmeldungen seitens der Schüler einzuführen.“

Kampf gegen große Klassen

Illustrationsfoto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
Das Manifest der Mittelschulunion ruft nach der Lösung von Problemen, über die bereits seit vielen Jahren in den Medien und der tschechischen Öffentlichkeit diskutiert werden. Eins von ihnen sind die viel zu großen Klassen. Václav Hvízdal ist Schüler am Gymnasium „Na vítězné Pláni“:

„Es hat sich gezeigt, dass die tschechischen Mittelschüler zu den schlechtesten in Europa gehören. Ich denke, die Resultate könnten besser sein. Wir lernen Mathe in Klassen mit 30 Schülern, und der Unterricht dauert nur 45 Minuten. Das ist nicht genug. Würde man diese Klassen in Gruppen teilen, wären auch gute Lehrer notwendig. Die Lehrer sind damit einverstanden, sie verstehen das Problem. Sie finden es auch nicht einfach, 30 Schüler auf einmal zu unterrichten.“

Die Klassen zu verkleinern steht jedoch über den Kräften der einzelnen Schulen. Sie müssen stattdessen möglichst viele Schüler aufnehmen, weil sie nach ihrer Zahl finanziert werden. Daher sind die Klassen immer voll, obwohl die Gesamtzahl der Mittelschüler von Jahr zu Jahr sinkt. Dort, wo die Zahl der Schüler zurückgegangen ist, wurde die Schule geschlossen – nach der Logik, sie müsse schlecht sein. Die derzeitige Bildungsministerin Kateřina Valachová (Sozialdemokraten) will die Finanzierung von Schulen aber ändern. Die Sozialdemokratin steht im regelmäßigen Kontakt mit den Vertretern der Mittelschüler und versteht sie als gleichwertige Partner.

Bildungsministerium  (Foto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die Union reagiert aber auch auf aktuelle Ereignisse im Schulwesen. Etwa vor einem Jahr hat das Schulministerium ein sogenanntes „Schlemmverbot“ ausgearbeitet, das mittlerweile den Verkauf von Süßigkeiten und anderen ungesunden Speisen an Schulkiosken verbietet. Die Schüler waren von der Regelung nicht sonderlich angetan.

„Wir haben versucht, mit dem Ministerium darüber zu diskutieren. Anfangs war dies aber nicht möglich. Uns wurde bedeutet, nicht die Nase in diese Sache zu stecken. Daher haben wir einen offenen Brief aufgesetzt, den etwa 6000 Schüler aus ganz Tschechien unterschrieben haben. Danach wagte das Ministerium nicht mehr, uns vor die Tür zu setzen. In der Folge haben wir ausgehandelt, dass die Anordnung nur für Grundschulen gilt, an denen Kinder bis zum 14. Lebensjahr unterrichtet werden. Damit begann unser Dialog mit dem Ministerium, der glücklicherweise bis heute läuft“, schildert Štěpán Kment.

Das Engagement der Mittelschulunion bestätigt, was die Soziologen schon längere Zeit sagen: Die Jugendlichen heute seien ganz anders als noch ihre Eltern. Sie fühlen sich selbständiger und wollen das Geschehen mitbestimmen. Das Schulsystem reagiert darauf jedoch mit ziemlicher Verzögerung.