Simon Abeles – als jüdischer Junge im barocken Prag fast heilig gesprochen

Quelle: Howard Loutham: Obracení Čech na víru, Rybka Publishers 2011

Viele Jahrhunderte lang war Prag auch durch seine jüdische Minderheit geprägt. Noch heute zählt das ehemalige jüdische Viertel Josefov / Josefstadt mit seinen Synagogen und Friedhöfen zu den meistbesuchten Orten der Stadt. In der Teynkirche auf dem Altstädter Ring kann man jedoch eine wenig bekannte Besonderheit treffen: einen Grabstein eines Juden, von Simon Abeles. Wie kam es aber dazu, dass ein jüdischer Junge in einem katholischen Dom beerdigt wurde?

Teynkirche (Foto: Kristýna Maková)
Die Teynkirche, auch Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn genannt, ist eines der bedeutendsten Wahrzeichen in der Prager Altstadt. Die Besucher bewundern neben den bildhauerischen und malerischen Verzierungen auch das Grabmal des dänischen Astronomen Tycho Brahe, der zu Ende des 16. Jahrhunderts in Prag tätig war. Im Seitenschiff links sind außerdem 24 lateinische Zeilen in roten Marmor gemeißelt. Frei übersetzt steht dort:

„Simon Abeles, ein zwölfjähriger Jude, flüchtete im September 1693 dem lieben Gott folgend ins Jesuitenheim. Ein paar Tage danach wurde er nach Hause entführt und ihm wurde mit Beschwörungen, Beschimpfungen, Schlägen, Hunger und Gefangenhaltung vom christlichen Glauben abgeraten. Er starb durch die Hand seines Vaters und eines Vaters Freundes am 21. Februar 1694. Die geheim beerdigte Leiche wurde sechs Tage danach exhumiert und amtlich untersucht. Bis zur Schließung des Sarges blieb die Leiche frei von Gestank, hatte eine natürliche Farbe, angenehm für das Auge und mit rosarotem Blut. Der Sarg wurde aus dem Rathaus über den Altstädter Ring unter herrlichem Trauerpomp und bei eindrucksvoller Teilnahme des Volkes hinübergetragen und dort am letzten Tag im März 1694 beerdigt.“

Simon Abeles im Himmel (Quelle: Howard Loutham: Obracení Čech na víru, Rybka Publishers 2011)
Der zwölfjährige Simon Abeles entstammte einer reichen jüdischen Familie. Die Atmosphäre zu Hause war wahrscheinlich angespannt und der Junge begann mit Trotz zu reagieren. Er lernte die beiden jüdischen Konvertiten Kavka und Fanta kennen, diese führten ihn zu den Jesuiten. Simon wollte sich von ihnen taufen lassen. Gerade die Jesuiten waren damals offiziell mit der Mission unter den Juden beauftragt, sie sollten ihre Zahl reduzieren. Simon dürfte also ein guter Fang für sie gewesen sein. Die weiteren Ereignisse sind indes bis heute unklar. Der Junge starb und wurde auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Dass er von seinem Vater wegen der Kontakte mit den Jesuiten ermordet sein sollte, das behauptete eine anonyme Anzeige. Es reichte aber aus, dass Simon exhumiert und sein Vater angeklagt wurde. Der Historiker Lubomír Novotný von der Wissenschaftlichen Bibliothek in Olmouc / Olmütz:

„Die Strafakte wurde damals gedruckt herausgegeben. Das zeugt davon, dass die Behörden dem Fall großen Wert beimaßen. Autor der Akte war der Appellationsratsmann Johann Wolfgang Ebelling von Friedberg. Die Anzeige beim Appellationsgerichtshof hatte ein Beamter der Prager Statthalterschaft erstattet, nachdem er angeblich von einem Juden aus dem Ghetto informiert worden war. Das Appellationsgericht, heute würde man sagen: das Berufungsgericht, konnte ausnahmsweise auch in erster Instanz entscheiden.“

Die christliche Gesellschaft war teils negativ gegen Juden eingestellt
Der Fall war tatsächlich außerordentlich. Er fand zurzeit des amtlichen Antijudaismus statt, wie die Historiker den Zeitraum von 1689 bis 1726 nennen. Die Juden waren damals in ihren Rechten sehr eingeschränkt, wer aber zum Katholizismus übertrat, der konnte sich der Gleichberechtigung freuen. Er konnte Boden besitzen, Gewerbe treiben, an einem beliebigen Ort leben und sich frei bewegen. Manchmal bedeutete dies für die Juden sogar das eigene Leben zu retten, denn die christliche Gesellschaft war teils sehr negativ gegen sie eingestellt.

„Es kam damals parallel zu mehreren tragischen Ereignissen, die das Leben der Juden betrafen. 1680 brach eine Pestepidemie in Prag aus. Sie begann im jüdischen Ghetto und verbreitete sich von dort in der ganzen Stadt. Ein paar Jahre später kam es zu einer Reihe von Bränden, deren Ausgangspunkt wieder im jüdischen Viertel lag. Dies geschah zum Höhepunkt der Barockzeit, die durch beengte gesellschaftliche Verhältnisse geprägt war. Das Leben war durch die katholische Ideologie geprägt, von Meinungsfreiheit kann man nicht sprechen. In der Gesellschaft gab es die Tendenz, vor gewissen Gefühlen der Beklemmung zu fliehen oder diese zu kanalisieren. Dabei dienten die Juden als Zielscheibe. Aber auch die Propaganda gegen ‚Zigeuner’ kam in Gang. In beiden Fällen wurden Minderheiten angegriffen, auf die man alles Böse abwälzen wollte: Krankheiten, Brandfälle und sogar auch die Kriege, die damals Österreich mit dem Osmanischen Reich führte“, so Lubomír Novotný.

Jan (Johann) Eder: Mannhafte Beständigkeit des zwölfjährigen Knabens (Quelle: Howard Loutham: Obracení Čech na víru, Rybka Publishers 2011)
Sobald die Akten beim Appellationsgerichtshof eingetroffen waren, wurden Simons Vater Lazar, dessen Ehefrau und ihre Köchin verhaftet. Sie wurden in verschiedene Gefängnisse in Prag gesperrt, damit sie sich nicht untereinander verständigen konnten. Mit der Ermittlung wurden drei Beamte des Gerichtshofes beauftragt. Ihnen stand der Jesuitenpater Jan Eder zur Seite, er sollte bezeugen, dass sich die Sache ereignet habe. Der Jesuit berief sich in seinen schriftlichen Aussagen mehrmals auf ein ähnliches Ereignis, das sich ein paar Jahrzehnte zuvor in Italien abgespielt hatte: In Trient wurde der zweijährige, angeblich rituell ermordete jüdische Junge Simon heiliggesprochen.

Prag sollte nach diesem Vorbild ebenfalls einen Heiligen namens Simon erhalten. Der Prozess verlief aber nicht so, wie ihn sich die Richter vorgestellt hatten. Der Vater des Jungen, Lazar Abeles, starb im Gefängnis. Er soll sich im Laufe der Ermittlungen selbst das Leben genommen haben. Lubomír Novotný:

Simon Abeles (Quelle: Howard Loutham: Obracení Čech na víru, Rybka Publishers 2011)
„Die Behauptung, es habe sich um einen Selbstmord gehandelt, ist sehr fraglich. So war Lazar Abeles körperlich behindert und konnte sich nur schwer bewegen, dennoch soll er sich im Gefängnis an einem Gebetsriemen erhängt haben. Darüber hinaus gilt ein Selbstmord aus jüdischer Sicht als eine Todsünde. Wie auch immer, das Szenario des Prozesses war dadurch gestört. Deshalb wurde später ein angeblicher Komplize von Lazar Abeles festgenommen. Dieser, er hieß Löbel Kurzhandel, sollte nun dem Vorhaben der Ermittler dienen. Aber trotz Folter behauptete dieser Mann, er sei unschuldig gewesen und die ganze Anklage sei erdacht. Löbel Kurzhandel wurde auch zur Taufe gezwungen, dem stimmte er aber erst nach der Folter auf dem Rad zu. Diese Folter war die grausamste und schmerzhafteste Strafe in der damaligen Zeit.“

Lubomír Novotný (Foto: Archiv der Palacký-Universität)
Die Behörden und Kirche taten sich schwer, einen Kult um den ermordeten jüdischen Jungen aufzubauen, der zum Christentum übergetreten war. Doch letztlich wurde das Ziel gewissermaßen erreicht, auch wenn die Methoden aus heutiger Sicht unakzeptabel waren.

Die Jesuiten wussten, was damals wichtig war. Die dramatisch ausgeschmückte Legende mit dem spektakulären Begräbnis von Simon Abeles beeindruckte die Menschen. Auch die Abgrenzung von der jüdischen Minderheit war dabei von Bedeutung. Der Kult verbreitete sich schließlich über Prag und sogar über Böhmen hinaus. Der Historiker Lubomír Novotný von der Palacký-Universität in Olmütz:

„Dies lässt sich an zahlreichen jüdischen Konversionen dokumentieren. So sind zum Beispiel aus Mähren einige Konversionen jüdischer Kinder bekannt, die gerade durch die Geschichte von Simon Abeles motiviert waren. Auf die Verbreitung der Legende über die Grenzen Böhmens hinaus weisen italienische oder deutsche Versionen hin. Und was bemerkenswert ist: In Amsterdam erschien 1695 ein Krämerlied in Jiddisch, das die Geschichte unter den Juden verbreitete. Dieses Lied beklagte aber nicht das Schicksal von Simon Abeles, sondern von seinen mutmaßlichen Mördern. Der Text geht offensichtlich von jesuitischen Berichten aus, der Autor musste diese also gut gekannt haben. Dieses Lied hatte wahrscheinlich ein Vorbild aus Prag, das jedoch nicht erhalten geblieben ist.“

Foto: Frank u. Timme Verlag
Die Geschichte hat vor 17 Jahren auch Marie Vachenauer gefesselt, eine gebürtige Pragerin, die seit 1967 in Deutschland lebt. Sie machte sich mit allen erreichbaren Quellen vertraut und gab vergangenes Jahr das Buch „Der Fall Simon Abeles“ heraus. Interessenten finden in dem Buch zahlreiche Einzelheiten zu diesem geheimnisvollen Kapitel aus der tschechischen Geschichte.