Sopranistin Markéta Mátlová: „Im Chor war ich unglücklich“

Markéta Mátlová (Foto: Mhornik, Wikimedia CC0 1.0 Universal)

Die junge tschechische Sopranistin Markéta Mátlová wurde 1985 in eine bekannte Musiker-Familie geboren. Nach Gesangs-Studien an der Musikakademie in Prag trat sie auf verschiedenen Konzert- und Opernbühnen auf, und zwar sowohl in Tschechien, als auch im Ausland. Sie hat aber nicht nur in Europa, sondern auch in China, Japan und weiteren asiatischen Ländern sowie in diversen Ländern Amerikas gesungen. Radio Prag hat die Sängerin vors Mikrophon gebeten, sie spricht über ihre Familie, ihren Werdegang und ihre Pläne.

Markéta Mátlová (Foto: Mhornik, Wikimedia CC0 1.0 Universal)
Sie stammen aus einer Musiker-Familie. Ihr Vater ist ein bekannter tschechischer Chormeister, sie selbst gehen den Weg einer Solo-Sängerin. Wie hat Sie die musikalische Umgebung in der Familie beeinflusst?

„Sie hat mich sehr beeinflusst, vielleicht sogar absolut. Man nimmt das eigentlich überhaupt nicht wahr, dass man jeden Tag Musik hört, dass man in einem künstlerischen Milieu lebt. Ich würde aber lügen, wenn ich sagen würde, dass ich davon nicht beeinflusst wurde. Es ist wahrscheinlich der stärkste Einfluss meines Lebens. Es ist schon sehr angenehm, die Welt ein bisschen anders zu entdecken, als wenn man nur reelle Dinge wahrnehmen würde. Es ist gut, mit den Beinen auf dem Boden zu stehen, aber den Kopf sollte man in den Himmel fliegen lassen und feststellen, dass die Welt schöner ist, als sie uns zum Beispiel in den Fernsehnachrichten serviert wird.“

Sie entstammen einer großen Familie, haben fünf Schwestern. Als Sie klein waren, hat man bei Ihnen zu Hause musiziert? Oder treffen Sie sich heute zum gemeinsamen Spielen und Singen?

Lubomír Mátl (Vater von Markéta Mátlová). Foto: YouTube
„Wir sind insgesamt sechs Schwestern. Zwischen der Geburt der ersten und der letzten Tochter meiner Eltern lagen 20 Jahre. Das ist zwar eine große Zeitspanne, andererseits hat sich aber die erste Schwester, als sie erwachsen war, bereits um die jüngste und auch um mich gekümmert. Die Verbindung zwischen uns ist daher sehr stark. Auch wenn heute jede von uns in einem anderen Winkel der Welt lebt, treffen wir uns mindestens einmal pro vier oder sechs Wochen, um Geburts- und Namenstage zu feiern. Und natürlich sind wir auch zu Ostern und zu Weihnachten alle zusammen. Dabei wird selbstverständlich auch musiziert.“

Foto: Jakub Čížek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Wie war ihr Weg zur professionellen Sängerin? Haben Sie mal erwogen, auch etwas anderes zu machen?

„Ich habe ursprünglich Klavier studiert. Lange Zeit habe ich überhaupt nicht an Gesang gedacht. Nach fünfzehn Jahren Klavierspiel habe ich aber festgestellt, dass auf dem Podium etwas zuviel ist, und zwar das Instrument. Es hat mich gestört, dass ich meine Gefühle nicht unmittelbar wiedergeben konnte, sondern mittels des Instruments. Obwohl das Klavier bis heute mein Lieblingsinstrument ist – ich könnte es jederzeit hören, in jedem Genre, sei es Klassik, Jazz oder was Ihnen noch im Zusammenhang mit dem Klavier einfällt – finde ich den Gesang deswegen schön, weil er das natürlichste Instrument ist, über das der Mensch seit jeher verfügt. Querbeet durch die Generationen, Kontinente und die Zeit. Sei es heute oder vor zehn Tausend Jahren, ist es immer ein Klang, den der Mensch gemacht hat.“

Jan-Neruda-Gymnasium mit erweitertem Musikunterricht (Foto: ŠJů, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Ihr Vater ist ein Chormeister. Sie selbst haben schon früh in einem Kinderchor gesungen. Jetzt verfolgen Sie aber eine Solo-Laufbahn. War es von Anfang an klar, dass Sie eine Solo-Sängerin sein wollten? Oder haben Sie auch an den Chorgesang gedacht?

„Ich habe mit sechs Jahren im Kühn-Kinderchor angefangen. Schon damals fiel ich dadurch auf, dass ich bereits in jenem Alter Mitglied der Konzertabteilug des Chors war. Ich habe dort bis zu meinem elften Lebensjahr gesungen, bis ich dann zur Mittelschule wechselte. Das war ein Gymnasium mit erweitertem Musikunterricht. Dort war es toll, es sind eigentlich zwei Schulen in einem: ein Konservatorium und ein Gymnasium. Dort war Klavier mein Hauptfach. Aber die Solistin in mir wurde schon damals gepflegt. Außerdem drücke ich meine Emotionen gerne aus, deswegen habe ich mich im Chor nicht ganz wohl gefühlt. Ich habe mit meinem Vater häufig im Chor gesungen, habe aber festgestellt, dass ich dabei unglücklich bin. Ich sehnte mich danach, etwas schöner zu machen, war aber nur ein kleines Stück des gesamten Chors und konnte und durfte nicht beeinflussen, wie der Chor singt. Ich war nach jedem Konzert glücklich, dass es gelungen war, aber unglücklich, dass ich dabei nicht die Schönheit schaffen durfte, die ich hätte schaffen wollen. Ich habe bald begriffen, dass der Chor nicht mein Weg ist. Als ich vom Klavier zum Gesang wechselte, ging ich direkt zum Sologesang über.“

Markéta Mátlová (Foto: YouTube)
Und Sie fühlen sich glücklich als Solistin…

„Maximal. Außerdem erlaube ich mir den Luxus, mit so wunderbaren Menschen zusammenzuarbeiten. Ich würde jedem wünschen, so etwas mindestens für kurze Zeit zu erleben: das Gefühl, dass die Arbeit so große Erfüllung und Freude bringt.“

Sie widmen sich der Kammermusik, der Oper, aber auch verschiedenen genreübergreifenden Projekten. Was liegt Ihnen am Nächsten, was liegt Ihnen am Herzen?

„Bei den Genres ist es schwierig. Ich bin immer mit dem am glücklichsten, was ich gerade mache. Aber ich wechsele auch gerne die Genres. Früher habe ich sehr lange Zeit nur Barockmusik gesungen. Darin wird der Ausdruck nicht mittels der romantischen Mittel, sondern nur mittels Tempowechsel und einiger Verzierungen erzielt. Das ist ein sehr schöner Minimalismus und eine sehr transparente Musik, in der jede Note zu hören ist. Danach habe ich mich lange Zeit nur der Romantik gewidmet. Dabei ist die Freiheit in Bezug auf das Tempo und auf die Dynamik größer als bei der Barockmusik. Und jetzt bin ich noch weiter fortgeschritten und widme mich auch modernen Sachen. Ich spezialisiere mich gerade auf den amerikanischen Chanson der 1940er und 1950er Jahre. Das macht mir großen Spaß. Es war eine Zeit, in der es genug Geld für alles Mögliche gab. Wenn man etwas arrangiert hat, dann mit einem großen Orchester, man hat den Arrangements viel Zeit gewidmet und es entstanden tolle Werke.“

Jiří Škorpík, Markéta Mátlová und Jaroslav Svěcený (Foto: Offizielle Facebook-Seite des SMS)
Seit einigen Jahren wirken Sie in einem Kammerensemble mit einem ungewöhnlichen Namen SMS.

„Was die ganz moderne Musik betrifft, habe ich ein Ensemble: das SMS, ‚Svěcený-Mátlová-Škorpík‘. Das ist ein Trio. Jiří Škorpík macht moderne Arrangements klassischer Kompositionen: Bach, Mozart oder verschiedener Volkslieder aus Irland oder aus Amerika. Das sind Arrangements für Geige, Sopran und Männerstimme sowie verschiedene weitere Klänge. Die Musik dieses Ensembles ist sehr farbig und interessant: Sie basiert auf alten Stücken, aber in einer modernen Bearbeitung.“

Trio SMS (Foto: YouTube)
Wie sieht eigentlich Ihre Saison aus? Wo geben Sie Ihre Konzerte, sei es mit dem Trio SMS oder mit anderen Projekten? Singen Sie in Tschechien, oder auch im Ausland?

„Bis vor kurzem spielten sich ungefähr 80 Prozent meiner Konzerte im Ausland ab. Nun bin ich 29 Jahre alt geworden und zu der Erkenntnis gekommen, dass ich relativ alte Eltern habe, sie sind nun um die siebzig. Auf einmal habe ich das Gefühl, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu wollen. Die Familie hat mir gefehlt, wir haben uns nicht so oft gesehen, wie es früher üblich gewesen war. Ich habe gefühlt, dass ich mehr Zeit in Tschechien verbringen wollte. Dies gelingt mir im Moment, was mich sehr freut. Zumindest fünfzig Prozent meiner Zeit bin ich hierzulande. Früher habe ich manchmal nicht gewusst, wo ich zu Hause bin. Das ist jetzt anders, ich habe ein Zuhause, wo ich mich sicher fühle.“

Neben zahlreichen Konzerten im In- und Ausland arbeiten Sie nun auch an einer neuen CD…

„Das wird meine erste CD, die anders ist. Keine Oper, keine klassische Musik mit einem Orchester oder mit einem Cembalo, Klavier oder der Orgel. Das habe ich früher gemacht. Jetzt werde ich eine CD mit den erwähnten Chansons machen. Ich freue mich sehr darauf, die Aufnahme soll im Sommer stattfinden. Und darüber hinaus, damit ich nicht unausgelastet bleibe, habe ich ein neues Studium angefangen. Ich studiere Design und Architektur. Das ist aber rein für mich. Es macht mir großen Spaß, neue kreative Dinge in meiner Umgebung zu schaffen.“