Sportreport

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Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin.

...ja, liebe Hörerinnen und Hörer, diese Melodie kennen Sie sicher inzwischen, denn das "Campione, campione" ist der allgegenwärtige Hit des zur Zeit laufenden Sport-Events, der noch bis zum 2. Juli andauernden Fußball-Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden. Doch wer wird denn nun der neue "Campione" bzw. Champion unter den fußballkickenden Europäern?

Acht Nationalmannschaften sind vor dem an diesem Wochenende auszuspielenden Viertelfinals noch im Rennen, darunter die großen Turnierfavoriten Frankreich und Niederlande. Nicht mehr mit von der Partie hingegen sind der Titelverteidiger und dessen Finalkontrahent von der letzten EM-Endrunde 1996, die Bundesrepublik Deutschland und die Tschechische Republik. Was die Kicker mit dem Bundesadler auf der Brust anbelangt, so befasst sich derzeit eine ganze Fußballnation mit dem erschreckend blamablen Auftreten seiner einstigen "Lieblinge". Wir aber wollen uns heute mit dem Abschneiden des tschechischen Teams auseinander setzen. Und das war trotz des frühen Ausscheidens aller Ehren wert.

Bevor wir jedoch in die Analyse einsteigen, stimmen wir Sie mit den Klängen einer holländischen Jazzgruppe ein, wie sie gerade in diesen Tagen das so farbenfrohe und fröhliche Bild in den Orten der niederländischen EM-Spielstätten prägen:

Bereits vor Beginn der Endrunde zur 11. Fußball-Europameisterschaft sprach der tschechische Auswahltrainer Jozef Chovanec davon, dass er mit dem ausgeglichensten Turnier rechne, was es jemals in der EM-Geschichte gegeben habe. Und das mitunter Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage entscheiden werden, die auch dafür sorgen könnten, dass die spielerisch bessere oder auch die selbstbewusster auftretende Mannschaft letztendlich mit leeren Händen dastehen könne. Ob dem 40-jährigen schon vor zwei Wochen schwante, das gerade ihm und seinen Schützlingen ein solch hartes Schicksal treffen würde?

Doch gehen wir der Reihe nach. Tschechien, gemeinsam mit der Slowakei und als eigenständiges Land zum insgesamt vierten Mal bei einer EM-Endrunde und hierbei stets unter den Medaillengewinnern vertreten, rechnete sich auch diesmal gute Chancen aus, die Vorrunde zu überstehen und auch bei diesem Turnier weit vorn zu landen. Trotz der "Hammergruppe D", in der vier ehemalige Europameister miteinander die Klingen kreuzten und in der man mit Gastgeber Niederlande und Weltmeister Frankreich auch auf die als große Titelfavoriten gehandelten Mannschaften stieß.

Die Ergebnisse sind bekannt. Sowohl gegen die Niederlande als auch gegen Frankreich mussten die Spieler um Kapitän Jiri Nemec zwei knappe Niederlagen einstecken. Und beide taten furchtbar weh. Denn beim 0:1 gegen das Oranje-Team war die tschechische Elf in der zweiten Halbzeit die klar bessere Mannschaft in der AmsterdamArena, traf Pfosten und Latte, um eine Minute vor Spielschluss durch einen sehr streng ausgelegten Elfmeterpfiff des italienischen Referees Collina noch um den Lohn aller Mühen gebracht zu werden. Das sah auch der wegen einer Spielsperre leider nicht zum Einsatz gekommene Mittelfeldstar des FC Liverpool, Patrik Berger, so, der uns in englisch sagte:

"Ich denke, das war ein großes, ansehenswertes Spiel, und speziell in der zweiten Spielhälfte waren wir das bessere Team, hatten Chancen zu drei, vier Toren." Und zum Elfmeter angesprochen, erwiderte Berger: "Ich denke, das war kein Elfmeter, das kann man so sagen."

Es spricht für die gewachsene mentale und innere Stärke der tschechischen Mannschaft, dass sie diesen Keulenschlag ohne groß zu jammern wegsteckte und sich voll und ganz auf ihre zweite schwere Prüfung vorbereitete, bei der es in Brügge ausgerechnet gegen die spielstarken Franzosen ging. Zur Halbzeit sah es trotz eines groben Schnitzers von Verteidiger Gabriel, der zum 0:1-Rückstand führte, gut aus, da Karel Poborsky per Strafstoß zum zwischenzeitlichen 1:1 ausgleichen konnte. Und auch Ex-Bundestrainer Berti Vogts, der unter den Beobachtern auf der Tribüne weilte, war insbesondere vom erstklassigen Spiel der Tschechen im Mittelfeld angetan:

Trotz der großartigen Unterstützung durch die tschechischen Fans, die zu allen drei Begegnungen ihrer Mannschaft sehr zahlreich angereist waren und zu den lautstärksten und einfallsreichsten dieser EM gehörten - doch hören sie selbst:

... ja, trotz dieser Fans sollte auch diese Partie verloren gehen, da die ... Franzosen ihre einzige echte Torchance nach dem Seitenwechsel eiskalt ... durch Djorkaeff zum 1:2-Endstand nutzten.

So hatte das abschließende Gruppenspiel gegen die bei dieser EM überforderten Dänen lediglich noch Prestigecharakter. Und paradoxerweise gewann Tschechien, obwohl spielerisch und läuferisch blass bleibend, gerade diese Begegnung durch das konsequente Ausnutzen seiner Torchancen durch zwei Smicer-Tore mit 2:0.

Auch wenn Auswahltrainer Jozef Chovanec nach der Rückkehr seiner Mannschaft in Prag vor Journalisten einräumte, mit dem Abschneiden nicht zufrieden zu sein, da man das angestrebte Ziel, das Weiterkommen zumindest unter die besten Acht, nicht erreicht habe, so sagte er, angesprochen auf das fehlende Glück, auch klar und deutlich: "Ich denke, dass niemand von uns sich einer Ausrede bedient, weder was den Schiedsrichter noch unser fehlendes Glück im Abschluss anbelangt. Die Spiele sind so ausgegangen wie es das Ergebnis besagt und ich bin hundertprozentig überzeugt davon, dass wir alles dafür getan haben, dass sie besser ausfallen werden. Wir waren jedoch nicht effektiv genug. Dennoch glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Und diesen Weg wollen wir konsequent weiter beschreiten, uns verbessern, um beim nächsten Mal die Nase vorn zu haben."

Sie merken also, liebe Hörerinnen und Hörer, hier in Tschechien herrscht alles andere als Katzenjammer ob zweier verlorener Spiele und dem Ausscheiden in der Vorrunde. Im Gegenteil! Die Menschen hierzulande sind stolz auf ihre Nationalmannschaft, und deshalb verwundert es auch nicht, dass die tschechische Hymne nicht nur in den Stadien, sondern bei jeder guten Gelegenheit intoniert oder gesungen wurde. Und mit einer kleinen Kostprobe, aufgenommen in einer Brügger Kneipe nach dem Frankreich-Spiel, möchten wir für heute schließen. Doch zuvor möchte ich mich - und das im Namen der gesamten Redaktion - ganz herzlich von ihnen verabschieden: Ihr Lothar Martin.

Sie hörten Radio Prag, die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks in deutscher Sprache.