Strukturwandel in Ostrau und Radio Wave im Badehaus – Frühling im Tschechischen Zentrum Berlin

Dolní Vítkovice (Foto: Zdeňka Kuchyňová)

Der Frühling ist auch in Berlin zu spüren und das Tschechische Zentrum in der deutschen Hauptstadt hat für diese Jahreszeit ein ganz besonderes Programm vorbereitet. Zu sehen ist eine Ausstellung zum Thema Strukturwandel in Ostrava / Ostrau, dann kommt „Radio Wave“, der Jugendsender des Tschechischen Rundfunks nach Berlin und natürlich wird sich auch wieder dem Film und der Literatur gewidmet. Programmdirektorin Christina Frankenberg mit Einzelheiten zum tschechischen Frühling in Berlin.

Dolní Vítkovice (Foto: Zdeňka Kuchyňová)
Frau Frankenberg, diesmal sprechen wir über das Frühlingsprogramm im Tschechischen Zentrum Berlin. Am Dienstag wurde die Ausstellung „Transformation“ eröffnet. Da geht es um Strukturwandel. Vielleicht können Sie ein paar Worte dazu sagen?

„Bei uns ist im Augenblick eine Ausstellung zu sehen, die sich mit einem Industriegebiet in Ostrava / Ostrau namens ‚Dolní Vítkovice’ beschäftigt. Das war früher ein Stahlwerk, in dem auch noch Kohle gefördert wurde. Dieses Gebiet befindet sich momentan in einem grundlegenden Strukturwandel. Es wird vom Besitzer zusammen mit einem Architekten komplett umgebaut, wobei einige Denkmäler der Industriearchitektur erhalten bleiben und andere abgerissen werden. Das ganze Areal war 200 Jahre lang für die Öffentlichkeit geschlossen und verschwand hinter Zäunen und Mauern. Hinein durften nur jene Menschen, die dort schwer gearbeitet haben. Jetzt wird es für die Öffentlichkeit und damit für die Menschen in Ostrava zugänglich gemacht und soll in den nächsten Jahren zu einem vollwertigen Stadtteil umgewandelt werden. Die ersten Industriebauten sind inzwischen bereits begehbar, wie zum Beispiel der Hochofen Nummer eins, der vom Architekten Josef Pleskot umgebaut wurde. Dieser sehr bekannte tschechische Architekt, der schon mit vielen internationalen Auszeichnungen geehrt wurde, hat aus dem ehemaligen Hochofen eine Besucherattraktion gemacht. Mit einem Fahrstuhl, der auf dem Weg der ehemaligen Loren, die den Hochofen beladen haben, verkehrt, können heute die Besucher hochfahren und sozusagen den Weg des Materials nachvollziehen. Zum einen können sich die Gäste darüber informieren, wie ein Hochofen funktioniert, zum anderen gibt es aber die Möglichkeit, wie von einem Aussichtsturm, die Umgebung zu betrachten. In ‚Dolní Vítkovice’ gibt es auch eine große Multifunktionshalle, die in einem ehemaligen Gasspeicher errichtet worden ist und heute Platz für 1500 Personen bietet. Die Halle wird für verschiedenste kulturelle Veranstaltungen genutzt, und es gibt dort eine Galerie und ein Café. Auf dem Gebiet von ‚Dolní Vítkovice’ ist für die Zukunft noch ein Museum geplant, das „Welt der Technik“ heißen soll. Jules Verne soll virtuell durch das Museum führen und die großen und kleinen Besucher mit technischen Neuerungen und generell mit der Entwicklung der Technik bekannt machen. Das ehemalige Industriegebiet von ‚Dolní Vítkovice’, das sich übrigens relativ nah am Zentrum der Stadt befindet, soll später auch zu einem Wohngebiet werden. Am Dienstag ist die Ausstellung zu diesem Projekt bei uns in Berlin eröffnet worden. Bis zum 6. Juni gibt es noch ein großes Modell und eine Multimediainstallation zu dem Industriegebiet zu sehen. Außerdem sind Fotografien von Ivan Němec ausgestellt, den die Umwandlungen in ‚Dolní Vítkovice’ inspiriert haben. Bei der Ausstellungseröffnung war auch der Investor Jan Světlík anwesend. Er ist der Vorstandsvorsitzende und Generaldirektor der Firma Vítkovice Holding und der Ideengeber für das ganze Projekt. Er hat sich von Anfang an dafür eingesetzt, in Ostrava etwas Einmaliges und wirklich Lebendiges zu entwickeln. Dabei hat er mit dem Architekten Josef Pleskot zusammengearbeitet, und auch Pleskot war am Dienstag zugegen. Es wurde ein Film über die Umwandlung des ehemaligen Industriegebiets gezeigt, und im Anschluss haben beide Herren in einem Gespräch mit dem Berliner Architekten Ivan Reimann von ihrem Projekt erzählt und das Publikum im Saal mit ihren Ideen und Visionen begeistert.“

Badehaus Szimpla (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Badehauses Szimpla)
Wie die meisten öffentlich-rechtlichen Rundfunksender hat auch der Tschechische Rundfunk eine Art Jugendsender: „Radio Wave“. Ende Mai ist diese Station bei Ihnen zu Besuch. Was genau wird da passieren?

„Das ist ein Projekt, wie wir es bisher noch nie veranstaltet haben und somit Neuland für uns. Am 31. Mai wird im Tschechischen Zentrum von 12. bis 17. Uhr das ‚Radio Wave Open Studio’ stattfinden. Es werden Redakteure vom Tschechischen Rundfunk nach Berlin kommen und aus dem Tschechischen Zentrum Berlin senden. Wir haben zusammen verschiedene Gäste aus Berlin eingeladen, die entweder tschechische Wurzeln haben oder echte Berliner sind. In Interviews werden sie von ihrer Stadt Berlin erzählen und davon, was sie an dieser Stadt fasziniert und was an ihr einmalig ist. Sie werden darüber berichten, warum sie hier leben, wo sie ihre Zeit verbringen sowie über ihre Arbeiten und Projekte berichten. Am 31. Mai werden wir aber unsere Pforten nicht nur für die Interviewpartner öffnen, sondern auch für alle anderen Berliner Gäste, die Lust haben, in das Tschechische Zentrum zu kommen und bei diesen Gesprächen live dabei zu sein. An diesem Abend findet aber auch noch etwas anderes statt. Der dritte Partner des Projekts ist das Badehaus Szimpla, ein Berliner Club, der sich auf dem ehemaligen Gelände des Reichsbahnausbesserungswerks befindet und vor allem Bands und Gäste aus Mittel- und Osteuropa einlädt. Radio Wave veranstaltet regelmäßig ‚Radio-Wave-Livesessions’, und die Berliner Livesession wird eben im Badehaus Szimpla stattfinden. Ab 22 Uhr findet dort ein Konzert der tschechischen Band ‚Dva’ statt.“

Der epochale Ausflug von Herrn Tříska nach Russland
Natürlich läuft auch Ihre Filmreihe „Der Dokumontag“ weiter. Worauf können sich da die Besucher in den nächsten Wochen freuen?

„Am nächsten Termin, dem 27. Mai, werden wir den Film ‚Epochální výlet pana Třísky do Ruska’ (Der epochale Ausflug von Herrn Tříska nach Russland) von Filip Remunda und Vít Klusák zeigen. Die beiden Filmemacher haben den Enkel eines tschechischen Legionärs begleitet, der früher einmal in Russland gekämpft hat. Herr Tříska reist auf den Spuren seines Großvaters durch Russland und trifft auf seinem Weg verschiedenste Menschen aus allen sozialen Schichten, die man sich vorstellen kann und sucht den Dialog mit ihnen. Das Besondere ist, dass Herr Tříska gekleidet ist wie ein Kosmonaut. Wir freuen uns, dass die Filmemacher diesmal auch persönlich in Berlin anwesend sein werden.“

Foto: Braumüller Verlag
Und zum Schluss: Was wird in den nächsten Wochen literarisch passieren?

„Schon in der kommenden Woche findet ein weiteres Treffen unserer Lesegruppe ‚Literatura’ statt. Das ist ein Lesezirkel, den wir Anfang des Jahres im Tschechischen Zentrum gegründet haben. Diesmal werden wir zusammenkommen, um über das Buch ‚Die Unwissenheit’ von Milan Kundera zu reden. Im Juni wird das nächste Treffen dann dem neuen Buch von Emil Hakl gewidmet sein: ‚Die Regeln des lächerlichen Benehmens’. Im Augenblick arbeiten wir noch daran, Emil Hakl nach Berlin einzuladen, das ist aber erst einmal Zukunftsmusik. Wir sind noch auf der Suche nach einem geeigneten Veranstaltungspartner, aber wir hoffen, dass wir die Mitglieder unseres Lesezirkels zu einer Lesung mit ihm einladen können.“