Terroranschläge in den USA

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Die Terroranschläge auf die USA am vergangenen Dienstag werden uns - wie könnte es anders sein - auch in diesem Schauplatz beschäftigen. Die ganze Welt hielt den Atem an, verharrte in Angst und Schrecken. So natürlich auch die Menschen in der Tschechischen Republik. Wie sehen die Reaktionen der tschechischen Bevölkerung aus? Wie reagieren ihre Vertreter - die Politiker - auf die Horrornachrichten aus den USA? Welche Auswirkungen haben die Anschläge auf Tschechien? Erfahren Sie nun mehr, in diesem Schauplatz von und mit Olaf Barth.

Als am Dienstag in Prag um 14:56 Ortszeit die erste Nachricht über einen Flugzeugabsturz in das New Yorker World Trade Center über den Ticker lief, ging man noch von einer tragischen Luftfahrtkatastrophe aus. Doch noch innerhalb der nächsten Stunde wurde man eines Schlechteren belehrt. Entsetzen machte sich schnell breit im Lande der Böhmen und Mährer. Staatspräsident Vaclav Havel war einer der Ersten, der seine Empfindungen in Worte fassen konnte. In einer ersten Reaktion äußerte er:

"Ich möchte für unser Land und für alle unsere Bürger allen Opfern und Hinterbliebenen meine tiefe Anteilnahme aussprechen und dem amerikanischen Volk versichern, dass wir an seiner Seite sind und zu jeder Hilfe im Rahmen unserer Möglichkeiten bereit. Ich sehe in den Anschlägen einen Angriff auf die menschliche Freiheit und die Demokratie. Ich vermute, dass das eine große Warnung an die Zivilisation ist, die uns einfach dazu auffordert, dass wir unsere Verantwortung für diese Welt maximal mobilisieren. Fanatiker und Verrückte dürfen uns nicht zu ihren Geiseln machen."

Der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Vaclav Klaus, sprach von einem Anschlag auf die gesamte Zivilisation. Klaus vertritt wie Havel die Ansicht, die tschechische Sicherheitspolitik müsse aufgrund der Ereignisse von New York und Washington neu überdacht werden.

Und der Chef der tschechischen Diplomatie, Außenminister Jan Kavan, erklärte am Dienstagabend sichtlich geschockt:

"Ich möchte sagen, dass ich soeben meinem Amtskollegen, US-Außenminister Colin Powell, ein Telegramm geschickt habe. Darin habe ich meine Erschütterung über die hohe Zahl an Verunglückten und Verletzten zum Ausdruck gebracht und diesen feigen terroristischen Anschlag verurteilt. Ich habe inzwischen mit meinen Regierungskollegen gesprochen - wir teilen dieselben Gefühle der Erschütterung, verurteilen die Anschläge und sind bereit, auf jedwede Art zu helfen..."

Die Hilfsbereitschaft der tschechischen Bürger und Organisationen zeigte sich schnell. Bereits in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erreichten unzählige Hilfsangebote das tschechische Außenministerium.

Die Welle der Solidarität war so groß, dass sich nicht nur Präsident Havel davon zutiefst beeindruckt zeigte, sondern auch der US-Botschafter in Prag, Craig Stapleton, am Mittwoch in einer offiziellen Erklärung folgende Worte fand:

Präsident Havel und viele tschechische Vertreter haben uns der Anteilnahme des tschechischen Volkes und seiner Regierung versichert. Wir danken für diese Sympathie- und Unterstützungsbekundungen.(ZITATENDE)

Gleichwohl wollten die Amerikaner die ihnen so bereitwillig angebotene praktische Hilfe nicht annehmen.

Die tschechischen Bürger zeigten ihre Solidarität mit den Opfern und ihren Protest gegen die Fratze des Terrorismus auch durch Kundgebungen, zu denen Politiker und Künstler am Mittwoch aufgerufen hatten. Nicht nur auf dem Prager Wenzelsplatz, sondern auch in vielen anderen tschechischen Städten versammelten sie sich in stillem Gedenken, legten Blumen nieder und entzündeten Kerzen für die Opfer der Anschläge.

Vlastimil Jezek, ehemaliger Direktor des Tschechischen Rundfunks und einer der Mitinitiatoren der Veranstaltung in Prag, erklärte dazu gegenüber Radio Prag:

"Die Aufforderung kam in großer Eile zustande. Im Augenblick, als ich angerufen wurde, habe ich keine einzige Sekunde gezögert. Denn was kann man schon gegen diese Narren machen, die imstande sind, völlig unschuldige Menschen zu entführen und mit einem Verkehrsflugzeug gegen einen New Yorker Wolkenkratzer zu prallen, und dabei auch noch glauben, dass dies eine tolle Art sei, auf die eigenen Interessen - ich weiß nicht, welche und wessen - aufmerksam zu machen. Ich kann dafür nur schwer Worte finden. Es gibt keine Worte dafür."

Radio Prag befragte auch die Menschen in Tschechien nach ihren Empfindungen hinsichtlich des Terroraktes. Hier ein paar Auszüge:

"Natürlich war das ein Grauen und Entsetzen, wie bei jedem normalen Menschen eine normale Reaktion. Und das Gefühl der totalen Bedrohung, denn wenn so etwas an einem Tag in New York möglich ist, kann es den nächsten Tag überall auf der Welt geschehen - nichts ist mehr sicher", sagt eine 52-jährige Passantin.

Ein junger Mann schildert seine Eindrücke, aber auch Ängste wie folgt:

"Ich fühle eine gewisse Unsicherheit, selbstverständlich deswegen, weil die Tschechische Republik viel mit dem zu tun hat, was sich in den Vereinigten Staaten tut, daher fühl ich mich auch hier unsicher".

Ein amerikanischer, in Prag lebender Englischlehrer beschreibt die Gefühle, die ihn erfassten, nachdem er die Fernsehbilder aus Amerika gesehen hatte:

"Natürlich war meine erste Reaktion ein Schock, ich konnte nicht glauben, was sich da ereignete, und dann habe ich mir Sorgen um die Sicherheit meiner Familie gemacht - aber Gott sei Dank sind sie alle wohlbehalten. Natürlich mache ich mir Gedanken was als nächstes passieren wird, weil ich denke, dass dies Folgen für die ganze Welt haben wird, Folgen auch für die Wirtschaft. Wir müssen abwarten und schauen, was Amerika als nächstes tun wird. Ich habe Angst, dass Amerika zu schnell und ohne zu überlegen reagiert".

Welche Folgen der Anschlag haben könnte, wurde schnell klar:

Am Mittwoch entschied der NATO-Rat in Brüssel, dass - falls es sich bei den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten um einen externen Angriff handelte - er als eine Aktion angesehen werde, die unter Artikel 5 des Washingtoner Vertrages falle. Dieser stellt fest, dass ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere der Bündnispartner in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen das gesamte Bündnis angesehen wird.

Der tschechische Verteidigungsminister Jaroslav Tvrdik bezeichnete den Beschluss als Ausdruck der Solidarität der Länder der Allianz mit der Regierung und den Bürgern der USA.

Vizeverteidigungsminister Stefan Fülle bestätigte die Bereitschaft der tschechischen Armee einzugreifen:

"Ich denke, es gibt keine Zweifel, dass die tschechische Armee vorbereitet ist, ihren Verpflichtungen nachzugehen, sie ist vorbereitet, genau das zu tun, was sie auch von unseren Verbündeten für den Fall erwarten würde, dass sich etwas Ähnliches auf unserem Gebiet ereignen sollte."

Auch die Frage nach der Herkunft der Opfer vom Dienstag hielt und hält weiterhin die Öffentlichkeit in Atem. Gibt es auch Tschechen unter den Trümmern des World Trade Center? Eine dringende Frage, auf die die Antwort aber bisher noch ausblieb.

Die Situation in Washington und vor allem in New York sei noch zu unübersichtlich, hieß es am Mittwoch zutreffend in einer Erklärung des tschechischen Außenministeriums.

Am Donnerstagvormittag erklärte Ivan Zalesky, der Leiter der Konsularabteilung des tschechischen Außenministeriums, gegenüber Radio Prag:

"Bis zum heutigen Tag, genau bis 10:30, haben wir über die Hotline des Außenministeriums ungefähr 50 Personen registriert, die sich zu der Zeit der Anschläge in den USA aufhielten und die sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht bei ihren Angehörigen gemeldet haben und von denen wir auch nicht wissen, wo sie sich derzeit aufhalten."

Die Zahl der vermissten tschechischen Personen erhöhte sich bis Freitagmittag auf über 70.

Zwar würden alle Informationen darauf hindeuten, dass sich keine tschechischen Angestellten zur Zeit der Anschläge in den Gebäuden aufhielten, doch ausschließen könnte man dies trotzdem nicht, ergänzte Zavesky und stellte außerdem fest:

"Zu diesem Zeitpunkt, und dass ist ziemlich wichtig, haben wir keine Informationen darüber, dass irgendein tschechischer Bürger bei den Angriffen auf New York und Washington zu Schaden gekommen wäre. Aber wie gesagt, das ist vorläufig."

Wie überall in der Welt, so wirkte sich auch in der Tschechischen Republik der Anschlag negativ auf die Börsenkurse aus: Bereits am Dienstag, nach Bekanntwerden der Nachrichten aus den USA, fielen die Kurse gewaltig. Am Mittwoch wurde die Prager Börse erst mit zweistündiger Verspätung geöffnet.

Einen heftigen Einbruch erlebte der Hauptindex PX 50. Er fiel um 2,79 Prozent auf 330,5 Punkte, wo er zuletzt 1999 stand.

Zu den ökonomischen Folgen der terroristischen Anschläge befragte Radio Prag den Finanzanalytiker der Gesellschaft Patria Finance, Ondrej Schneider:

"Im Moment ist es schwer, dies vorauszusagen. Selbstverständlich bedeutet in der globalen Welt die Verlangsamung in den USA früher oder später eine Verlangsamung auch in Europa. Eine Rezession in der Wirtschaft der westlichen Länder Europas wird sich sicherlich auch in der tschechischen Wirtschaft widerspiegeln. Wir sind Bestandteil einer einzigen Welt, die auf der Wall Street beginnt und in Tokio endet. Die realen Auswirkungen auf die tschechische Wirtschaft sind schwer einzuschätzen. Eines möchte ich aber sagen: Der terroristische Anschlag kam in einem sehr schlechten Augenblick, denn laut bisherigen Schätzungen befindet sich die Weltwirtschaft im Jahre 2001 in einer sehr schwierigen Situation. Bereits vor dem Anschlag war es wahrscheinlich, dass die ganze Weltwirtschaft möglicherweise stagnieren und das Wachstum entweder Null oder leicht negativ sein wird, was in der Geschichte noch nicht vorkam. Der Terroranschlag kann die Entwicklung der Wirtschaft in Amerika weiter gefährden und damit auch jene in Westeuropa."

Wo man auch hinsieht, keine rosigen Aussichten.

Bevor der Prager Politologe Zdenek Zboril das Schlusswort spricht, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass viele Angaben, die wir in diesem Schauplatz gemacht haben, insbesondere die zum Stand des Verteidigungsfalles der NATO und zu den tschechischen Vermissten, nach Redaktionsschluss am Freitag nicht mehr aktualisiert werden konnten.

"Ich denke, dass die Weltöffentlichkeit erst aufgrund der Ereignisse am Dienstag die Tatsache zur Kenntnis genommen hat, dass sich das Leben auf dieser Welt bereits in den gesamten 90er Jahren deutlich geändert hat. Jetzt musste erst ein solcher Moment kommen, damit sich die Menschen dies vergegenwärtigen. Nachrichten und Analysen lesen wir ständig. Aber erst, wenn wirklich etwas passiert, machen wir uns bewusst, dass das wirklich eine reale Sache ist, die uns alle bedroht."

Autor: Olaf Barth
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