In Tschechien schmücken sie auch Weihnachtsbäume: Wo die Wunderkerzen herkommen
In den Wohnzimmern in ganz Tschechien funkeln am Weihnachtsbaum für gewöhnlich nicht nur Lichterketten, sondern auch Wunderkerzen. Damit brachten Eltern schon zu Zeiten der Ersten Republik die Augen ihrer Kinder zum Leuchten. Die Firma Drutep aus Nordböhmen ist europaweit einer der größten Hersteller von Wunderkerzen. Sie exportiert in großem Maße auch nach Deutschland. Radio Prag International hat sich über das Fabrikgelände führen lassen.
Das Radio in der kleinen Werkhalle ist auf laut gestellt. Trotzdem wird es öfter von einem noch lauteren Klopfen übertönt. Auf den Werkbänken liegen Hämmer und Zangen, Schraubstöcke und größeres Gerät warten auf den nächsten Einsatz, Drahtwickel lagern auf Paletten. Und in einigen Kisten lagern bereits die fertigen Produkte.
In ihrem Betrieb fänden sich einfach überall Wunderkerzen, sagt Dana Adámková nicht ohne Stolz. Die Produktionsleiterin führt über das Fabrikgelände in Neštěmice, ganz am östlichen Rand von Ústí nad Labem. Das Areal gehört zum Genossenschaftsunternehmen Drutep, das es seit 1952 gibt. Neben Reinigungsmitteln und Kosmetik gehören zur Produktpalette eben auch Wunderkerzen. Und diese haben die unterschiedlichsten Formen und Farben...
Bei Drutep gibt es sogar einen extra Raum, in dem die Drähte für die jeweilige Form zugeschnitten werden. Die nötigen Maschinen seien uralt, hebt Adámková hervor, und nur noch in ihrem Betrieb zu finden. Der Blick auf die fertigen Wunderkerzen bestätigt, dass den Wünschen der Kunden offenbar kaum Grenzen gesetzt sind: Zahlen oder Buchstaben, Herzen oder Blumen, ein Vogel oder ein Flusspferd – jeder Entwurf landet immer zu 50 Exemplaren in einer eigenen Kiste. Zusammen mit den üblichen geraden Wunderkerzen kommen in Neštěmice pro Jahr rund 20 Millionen Stück zusammen.
Starke Konkurrenz aus China
Während Wunderkerzen in Deutschland zumeist zu Silvester oder auch bei Hochzeiten und Geburtstagen zum Einsatz kommen, werden sie in Tschechien vor allem mit Heiligabend verbunden. Denn Weihnachtsbäume werden hierzulande nicht nur von Kerzen – denen aus Wachs oder auch elektrischen – erleuchtet, sondern ebenso von Wunderkerzen. Diese werden kurz vor der Bescherung angezündet.
Wann genau diese Tradition entstanden ist, sei schwer zu datieren, sagt Dana Adámková. Sie habe jedoch ein wenig im Archiv des Tschechischen Fernsehens recherchiert und sei dort auf alte Schwarz-Weiß-Filme gestoßen, die solche Szenen enthielten.
Ansonsten würde man den Ursprung der Wunderkerzen hierzulande immer mit China in Verbindung bringen, so Adámková. Für die Verbreitung in Europa hätte aber eher der englische König gesorgt, als er Anfang des 17. Jahrhunderts mit seinem Volk die Abwendung des Attentats von Guy Fawkes auf das Londoner Parlament feierte. Aber wenn schon nicht historisch, so sei das größte asiatische Land heute zumindest eine starke Konkurrenz für die europäischen Produzenten, räumt Adámková ein:
„China oder auch Indien, das sind die größten Hersteller, und sie kostet die Produktion fast nichts. Mit den geraden Wunderkerzen aus China können wir preislich nicht konkurrieren – da setzen wir nur unsere Qualität entgegen. Aber bei den geformten Wunderkerzen besteht schon kein allzu großer Preisunterschied mehr. Wir fahren natürlich auch auf Messen und schauen uns das bei den chinesischen Kollegen an.“
Es sind also die Spezialanfertigungen, mit denen Drutep auf dem einheimischen Markt punktet. Firmen bestellen Neujahrsgrüße in Form ihres Logos, eine Zahnärztin hat sich zum Praxisjubiläum Wunderkerzen in Zahnform gewünscht, und Hochzeitspaare wollen zum Beispiel einen Kussmund. Dahinter steckt immer Handarbeit, und das erhöht den Preis...
„Die Tschechen sind sehr spezielle Kunden. Am liebsten hätten sie alles umsonst. Sie sind nicht bereit, für die Arbeitsleistung an sich zu zahlen. Aber gerade bei den geformten Wunderkerzen fällt ziemlich viel Arbeit an. Ein Exemplar geben wir für etwa 30 Kronen ab (1,24 Euro, Anm. d. Red.). Der Zwischenhändler gibt seine 30 Prozent hinzu, und so schraubt sich das nach oben, bis eine Wunderkerze im Laden für 70 Kronen (2,90 Euro, Anm. d. Red.) verkauft wird. So viel will dann natürlich keiner mehr bezahlen.“
Gerade oder zurechtgebogen
Die Arbeiter in den Fabrikräumen von Drutep werden nach Stückzahl entlohnt. Sie würden immer sehr bereitwillig den ganzen Jux umsetzen, den sich die Kunden so ausdenken, sagt Adámková lachend. Sie nimmt eine Metallplatte in die Hand, auf deren Oberfläche eingesteckte Nägel einen bestimmten Umriss ergeben. Drumherum würde dann der Draht gelegt und zurechtgeklopft. 200 Stück geformter Wunderkerzen würden pro Tag auf diese Art hergestellt, informiert die Produktionsleiterin und lobt ihre Mitarbeiter als „šikovní“, also als sehr geschickt.
Den größten Teil des Umsatzes macht Drutep in Neštěmice allerdings mit den klassischen geraden Wunderkerzen. Ihre Länge reicht von zehn Zentimetern bis zu einem Meter. Etwa 90 Prozent der Produktion gehen in den Export – vor allem nach Deutschland, aber etwa auch nach Polen. Der bei weitem größte Abnehmer sei die deutsche Firma Weco, berichtet Dana Adámková. Da würden die Stückzahlen in die Millionen gehen:
„Mit der Produktion der Wunderkerzen von einem Meter Länge haben wir dieses Jahr Ende März begonnen, und der letzte Lkw fuhr am 30. Oktober los. Bis dahin mussten wir fünf Millionen Stück fertig haben. Wir haben natürlich berechnet, wie viele pro Tag hergestellt werden müssen, damit der Betrieb gleichmäßig läuft.“
Wunderkerzen gehören laut Gesetz zur Pyrotechnik. Deshalb dürfen sie etwa nicht in Fußballstadien mitgenommen werden. In Deutschland sind die Vorschriften sogar noch strenger als in Tschechien. Dort gelten ein Meter lange Wunderkerzen als Kleinfeuerwerk, und ihre Nutzung ist auf den 31. Dezember und 1. Januar beschränkt.
Jährliche Sicherheitstests
Weil Wunderkerzen also Pyrotechnik sind, unterliegen sie jährlichen Sicherheitstests. Die Funken einer üblichen Wunderkerze hätten eine eher geringe Wirkkraft, unterstreicht Dana Adámková. Kommt sie am Zweig des Weihnachtsbaumes jedoch direkt mit einer Girlande in Kontakt, könne durchaus ein Feuer entstehen. Vor Risiken wie diesem würden die Hinweise auf jeder Verpackung warnen, sagt die Produktionsleiterin, und das in mehreren Sprachen.
Zudem dürfen Wunderkerzen in Tschechien nicht an Kinder unter 15 Jahren verkauft werden, und bei einer Länge von einem Meter gilt die Altersgrenze von 18 Jahren. Bei den gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen arbeitet das Team von Drutep laut Adámková eng mit der tschechischen Feuerwehr sowie mit dem Amt für Waffen- und Munitionstest zusammen und gibt regelmäßig Versuchsexemplare ab:
„Die Normen sind in ganz Europa gleich. Kleinere Wunderkerzen bis 30 Zentimeter Länge werden über Testpapier entzündet, in das sie kein Loch einbrennen dürfen. Große Wunderkerzen werden hingegen im Außenbereich getestet. Dabei dürfen die Funken nicht weiter als einen Meter fliegen.“
Wieviel Wirkkraft eine Wunderkerze hat, hängt von der Menge der pyrotechnischen Masse ab, die abbrennt und die Funken sprühen lässt. Auch dazu gebe es genaue Vorgaben, betont Adámková und legt eine Tabelle auf den Tisch. In Rot ist eingetragen, dass für Wunderkerzen der Klasse F1 – also bis 30 Zentimeter Länge – maximal 7,5 Gramm der chemischen Mischung verwendet werden dürfen.
Diese Masse enthält vor allem Aluminiumpulver und Bariumnitrat. Alles werde durch ein Dextrin zusammengehalten, das die Drutep-Belegschaft auch gern Klebstoff nenne, berichtet Adámková. Zudem müsse Eisenpulver zugegeben werden, das die Funken erzeuge. In einer der Hallen in Neštěmice stehen mehrere Eimer voll mit der grauen Masse...
„Benutzt werden normale Mischer, wie man sie vom Bau kennt. Die abgewogenen Rohstoffe werden hineingeschüttet und Wasser zugegossen. Dann kommt der Deckel drauf, und es wird 20 Minuten lang gemischt. Danach wird alles durch ein Sieb gegeben, damit keine Klümpchen drin bleiben. Und schon haben wir unsere Masse. Sie sieht aus wie dünner Beton.“
Mehr als gewöhnliches Grün
In diese Masse wird der zugeschnittene Draht getaucht, dann getrocknet, wieder eingetaucht und erneut getrocknet. Und da es nicht nur alle möglichen Formen, sondern auch Farben für Wunderkerzen gibt, muss das Produkt mitunter noch speziell überzogen werden – ganz ähnlich, wie man sich die Fingernägel lackiere, umschreibt Adámková:
„Wenn eine Braut zum Beispiel eine rosa Hochzeit möchte, dann müssen auch unsere Herzen rosa funkeln. Jemand anderes möchte sie cremefarben, also stellen wir solche her. Unsere Nitrofarben haben wir nur in den Grundtönen, also kombinieren wir sie spielerisch. So stimmen wir die Farbtöne ab, damit es zum Beispiel kein gewöhnliches Grün mehr ist, sondern etwa Eukalyptus.“
Die fertigen Wunderkerzen hängen dann die Nacht über im Trockenraum...
Hält man die Flamme an eine Wunderkerze, muss diese spätestens nach zehn Sekunden zu brennen und damit zu funkeln beginnen. Wie lange der Funkenregen dann dauert, hängt von der Länge ab. Bei den größten von einem Meter sind es fünf Minuten. Jene kleineren Wunderkerzen, die in Tschechien an den Weihnachtsbaum gehängt werden, sind meist nach einer Minute abgebrannt.
Für einen besonderen Effekt könne der Stab auch in der Mitte angezündet werden, woraufhin die Kerze in beide Richtungen abbrenne, so der Tipp der Expertin Adámková. Aus eigener Erfahrung als Mutter wisse sie jedoch auch, dass die Begeisterung für das Minifeuerwerk bei den Kindern mit zunehmendem Alter abnehme:
„Solange die Kinder klein sind, wollen sie es immer wieder funkeln sehen. Hurra Wunderkerzen! Je älter man jedoch wird, desto mehr Abstand hat man dazu. Aber ja, im Kindesalter lieben wir es alle – oder wir fürchten uns davor. Und für uns hier im Betrieb ist es eben unser täglich Brot. Da ist der Aha-Effekt nicht mehr da. Weil wir jeden Morgen die Produktion vom Vortag testen, brennen hier wirklich jeden Tag Wunderkerzen.“
Ein bisschen wie jeden Tag Weihnachten also. Aber Wunderkerzen kommen eben auch zu anderen Feierlichkeiten und vor allem an Silvester zum Einsatz. Und wie munter die Funken bei Drutep in Neštěmice sprühen, demonstriert Dana Adámková ganz am Ende der Besichtigungstour in der Wunderkerzenfabrik...
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