Tschechien-Tourismus anders: Billig-Bestattung und Sonderwünsche

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Die Kasse ist in diesen Zeiten knapp und der Großvater muss unter die Erde. Eine Frau, die ihren Vater nie kennen gelernt hat, wird vom Amt dazu verpflichtet, für seine Bestattung aufzukommen – das sind Fälle für den Sarg-Discount. Billig-Bestatter haben Konjunktur. Der Preiskampf in der Branche wird vor allem „im Osten“ entschieden. Leichen werden auf Reisen nach Tschechien geschickt und dort nicht nur eingeäschert. Oft finden sie dort auch ihre letzte Ruhe.

Krematorium Hrušovany (im Ortsteil Vysočany)
Im schwarzen Anzug steht Hartmut Woite vor einem der Öfen im tschechischen Krematorium Hrušovany, da wo Normalsterbliche zu Lebzeiten keinen Zugang haben. Im Hintergrund rattert die Knochenmühle und zerkleinert urnengerecht die letzten Reste Verstorbener. Der Berliner Billig-Bestatter ist seit fast 30 Jahren im Geschäft. „Bei uns trauern Sie nicht um Ihr Geld“, verspricht Woite auf seiner Webseite. Mit ihm kommt man günstiger als anderswo unter die Erde oder in die Urne.

„Initialzündung war Aldi. Aldi – deutschlandweit, schon fast europaweit. Und da war die Idee, von den Nahrungsmitteln zu sehen, ob das auch in dieser Branche geht. Und das funktioniert gut.“

Hartmut Woite
Hartmut Woite arbeitet ganz nach der Devise: Die Masse macht´s.

„Sarg-Discount betont, dass wir die Särge in großen Mengen kaufen. Wenn ich einen Lkw Särge kaufe, dann sind da 300 Stück drauf. Nur im Ausland – ist klar. Kein deutscher Produzent kann zu diesen Preisen heutzutage noch arbeiten. Geht überhaupt nicht. Polen, Tschechien, zum Teil kriege ich mein Material aus der Ukraine. Der nächste Schritt ist eben immer weiter nach Osten.“

Discount ist auch beim Tod im Trend, zumal in Zeiten der Wirtschaftskrise. Wenn allerdings der Verblichene regelrecht entsorgt werden soll, dann winkt selbst der Billig-Bestatter ab:

Kirche St. Wenzel mit dem Krematorium
„Wir haben Kunden, die rufen an und sagen: ´Habt Ihr nicht ´ne blaue Tüte?´ Wir sind nicht die Straßenreinigung. Das sind wir nicht. Also ein bestimmtes Niveau halten wir schon ein, und da bestehe ich auch darauf“, verteidigt der Discounter.

Um billig zu bleiben, genügt es aber nicht allein, die Särge im Osten einzukaufen. Woite und seine Mitarbeiter fahren selbst jede Woche mindestens drei Mal per Lieferwagen von Berlin hier in das tschechische Krematorium.

„Ungefähr 90 Prozent unserer Verstorbenen, die kremiert werden, die werden hier eingeäschert. Ich habe schon, bevor die Mauer überhaupt abgerissen wurde, in Ostberlin einäschern lassen. Das Fuhrwesen kam, hat die Leiche geholt, 100 DM gekriegt – am nächsten Morgen hatte ich die Urne auf dem Tisch“, erklärt der Bestatter und zeigt zufrieden auf die blitzblanken, modernen Öfen hinter ihm.

Krematorium Hrušovany
Osten, das bedeute nämlich nicht weniger Qualität. Das Krematorium in Hrušovany sei nach französischer Lizenz gebaut worden. Osten, das bedeute aber immer noch niedrigere Preise, betont Hartmut Woite. Und in der Tat - 888 Euro für das All-inclusive-Angebot bei anonymer Beisetzung in tschechischer Erde, das kann ein konventioneller Bestatter nicht unterbieten.

Und das tschechische Krematorium ist über die Kundschaft aus Deutschland erfreut, wie der Geschäftsführer Václav Kudrna erklärt:

„Rund 20 Prozent der Kunden unseres Krematoriums kommen aus Deutschland. Langfristig gesehen steigt die Zahl der deutschen Kunden, aber nicht so schnell, wie wir das gern hätten.“

Krematorium Hrušovany
Neben Hartmut Woite holt gerade ein Arbeiter im Blaumann die Asche der Kundin Corinna B. aus dem Ofen:

„Die Klappe geht hoch, und dann werden mit einem Schieber die Gebeine nach vorne gezogen. Und dann fallen die da unten rein in die Trommel.“


Krematorium Hrušovany
Gute eineinhalb Stunden dauert es, bis ein Mensch zu Asche wird. Jürgen B., der hinterbliebene Ehemann, hat die Zeit im Restaurant nebenan bei einem tschechischen Bier verbracht. Die Entscheidung für das Ausland war weniger eine Frage der Kosten als des Gesetzes: Corinna B. hatte sich eine letzte Ruhe gewünscht, wie sie in Deutschland verboten ist: eine Windbestattung.

„Es gibt da eben in der Tat nur Tschechien, wo man das machen kann. Also Asche fliegen lassen im Sinne des letzten Willens“, erklärt der graumelierte, rund 60-jährige Ehemann.

In Deutschland hingegen herrscht Friedhofszwang, so dass sich das Paar schon damals, als es im ARD-Fernsehen einen Bericht über eine Ballonbestattung im Nachbarland sah, für Tschechien entschieden hatte.

„Es ist schön, dass die Tschechische Republik dieses überhaupt erlaubt. Deutschland sollte sich daran ein Beispiel nehmen, sollte folgen. Es ist natürlich schon tragisch, wenn man als deutscher Staatsbürger seinen letzten Willen im Ausland realisieren muss. Es ist also dringend erforderlich, dass da ein Umdenken passiert. Warum soll Asche nicht fliegen? Warum muss alles in eine Urne rein oder in die Erde rein?“

Im Krematorium wird inzwischen die Asche von Corinna B. in einen Aschestreuer abgefüllt. Einen kleinen Rest wollte Jürgen B. mit nach Deutschland nehmen. In einer Plastiktüte, schlägt ein Angestellter seinem Chef unter vier Augen vor. Aber Billig-Bestatter Woite ist Medienprofi:

„Nein! Weil die das filmen. Die kriegen doch nüscht in der Plastiktüte.“

Heute jedenfalls nicht. Wenn eine Kamera dabei ist, bekommt der Kunde eine kupferne Mini-Urne zur Erinnerung mit nach Hause.

Kurze Zeit später steht Jürgen B. mit dem Aschestreuer am ausgestreckten Arm auf dem frisch gepflügten Acker direkt hinter dem Krematorium. Er betätigt den Hebel und erfüllt seiner Frau den letzten Willen. Ein kräftiger Nord-Ostwind wirbelt die Asche durch die Luft und färbt den Acker um ihn herum grau: „Ich glaube, es ist vollbracht.“


Dieser Beitrag wurde am 12. Januar 2012 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.