Tschechiens Leichtathleten, Kanuten und Tennisasse proben schon für Olympia

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Das Sportjahr 2012 hat es in sich. Die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ist noch nicht beendet, da klopft bereits das nächste Großereignis an die Tür: die Olympischen Sommerspiele in London, die in genau einem Monat beginnen. Die über 10.000 Athleten aus zirka 200 Ländern, die in 26 Sportarten an den Start gehen werden, bereiten sich zurzeit intensiv auf das Highlight des Jahres vor. Mehrere der tschechischen Olympiastarter sind bereits in vielversprechender Form.

Denisa Rosolová und Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)
Die Königssportart olympischer Sommerspiele ist zweifellos die Leichtathletik. Da die weltbesten Sprinter, Läufer, Springer und Werfer ihre Formkurve auf den in der Regel einzigen Top-Event des Jahres ausrichten, fand in einem olympischen Jahr zumeist nie eine andere internationale Meisterschaft statt. In diesem Jahr ist das anders. Von Mittwoch bis Sonntag wird im finnischen Helsinki die Leichtathletik-Europameisterschaft ausgetragen, bei der auch 43 Athletinnen und Athleten aus Tschechien am Start sind. Und das mit gleich mehreren Medaillenchancen, da viele europäische Stars die EM auslassen, um sich noch gezielter auf Olympia vorzubereiten. Deshalb hofft man zwischen Erzgebirge und Beskiden besonders in folgenden Disziplinen auf Edelmetall: im Speerwerfen der Männer, in der Tschechien mit Vítězslav Veselý den Führenden der Weltjahresbestenliste stellt, im Hochsprung und 400-Meter-Lauf der Männer mit Jaroslav Bába und Pavel Maslák, sowie im 400-Meter-Hürdenlauf der Frauen, bei dem die tschechischen Hoffnungen auf Denisa Rosolová und Zuzana Hejnová ruhen. Die sicherste Medaillenbank allerdings wird fehlen: Speerwurf-Weltrekordlerin und Olympiasiegerin Barbora Špotáková zog es auch vor, sich in aller Abgeschiedenheit auf die Spiele von London vorzubereiten.

Roman Šebrle (Foto: ČTK)
Neben Špotáková kann Tschechien übrigens auf noch zwei weitere Weltrekordhalter verweisen – auf die ehemalige Mittelstrecken-Läuferin Jarmila Kratochvílová und Ex-Speerwerfer Jan Železný. Kratochvílovás Zeit von 1:53,28 Minuten über 800 Meter ist zudem der Weltrekord-Methusalem schlechthin, denn diese Zeit lief sie vor nunmehr fast 29 Jahren in München. Ein vierter Weltrekord allerdings ist den Tschechen erst am vergangenen Samstag entrissen worden: Bei der amerikanischen Olympia-Ausscheidung in Eugene erreichte Ashton Eaton 9039 Punkte im Zehnkampf und verbesserte damit die elf Jahre alte Bestmarke von Roman Šebrle um 13 Punkte.

Jaroslav Radoň und Filip Dvořák (Foto: ČTK)
Ihre Europameisterschaft bereits hinter sich haben die Rennkanuten. Und mit dem Ausgang der Rennen können die tschechischen Teilnehmer durchaus zufrieden sein: Im kroatischen Zagreb gewannen sie eine Gold- und zwei Silbermedaillen in den Männerwettbewerben auf der 500-Meter-Strecke. Den EM-Titel sicherten sich Jaroslav Radoň und Filip Dvořák im Zweier-Canadier. Mit Blickrichtung London aber müsse man diesen Sieg richtig einordnen, sagte Dvořák:

„Wir sind ganz sicher hocherfreut über den Titel, auf der anderen Seite aber dürfen wir den Erfolg nicht überbewerten. In diesem Jahr sind schließlich ganz klar die Olympischen Spiele das Maß aller Dinge, und dort werden zudem keine Wettbewerbe über 500 Meter ausgetragen. Weil wir uns anfangs bei der Europameisterschaft sehr schwer getan haben, hat uns der Sieg ganz gehörig aufgemöbelt. Unsere Stimmung für die Heimreise könnte kaum besser sein.“

Tomáš Berdych (Foto: ČTK)
Sehr unterschiedlich ist dagegen die Stimmung bei den beiden Tennisassen, die in London als tschechische Hoffnungsträger in den Einzel-Konkurrenzen am Start sein werden: Tomáš Berdych und Petra Kvitová. Im Londoner Stadtteil Wimbledon, wo derzeit das dritte Grand-Slam-Turnier des Jahres ausgespielt wird, absolvieren sie quasi gerade ihre Generalprobe für Olympia. Für Berdych war dieser „Test“ jedoch unerwartet kurz; der 26-Jährige unterlag gleich in der ersten Runde dem wenig bekannten Letten Ernests Gulbis in drei Sätzen jeweils im Tiebreak. Nach diesem Schock gestand Berdych etwas kleinlaut ein:

„Gulbis zeigte eine für ihn maximale Leistung, das steht außer Frage. Ein Spieler meiner Klasse muss dennoch in der Lage sein, gegen einen solch unbequemen Gegner zu bestehen, sich auf ihn einzustellen und vielleicht auch taktisch etwas zu ändern. Im Moment aber finde ich keine Worte über meine Leistung.“

Petra Kvitová (Foto: ČTK)
Schwerer als erwartet tat sich auch Petra Kvitová in ihrem Auftaktmatch gegen die Usbekin Akgul Amanmuradova, die sie in zwei Sätzen mit 6:4 und 6:4 bezwang. Nach ihrem Turniersieg vor einem Jahr in Wimbledon ist die 22-Jährige jedoch als Titelverteidigerin am Start, und das setzt sie unter Druck. Eine Situation, mit der sie erst lernen muss umzugehen:

„Es ist wirklich keine Normalität für mich, als Titelverteidigerin in ein Grand-Slam-Turnier zu gehen und ganz genau zu wissen, dass ich immer auf dem Centre Court spiele. Es ist für mich auch völlig anders, wenn ich dann den Court betrete. Von daher bin ich froh, die erste Runde gut überstanden zu haben.“


Fußball: Gebre Selassie spielt in Bremen – Podolski will Tor auch den Polen widmen

Theodor Gebre Selassie (Foto: ČTK)
Bei der Fußball-Europameisterschaft hat sich der Kreis der Titelanwärter auf vier reduziert. In den Halbfinals am Mittwoch und Donnerstag wird sich herausstellen, ob erneut Spanien und Deutschland das Endspiel bestreiten werden oder ob Portugal und Italien den beiden Turnierfavoriten ein Bein stellen werden. Aus dieser Aufzählung ergibt sich, dass die tschechische Mannschaft nicht mehr im Wettbewerb ist. Die Spieler um Kapitän Tomáš Rosický scheiterten im Viertelfinale mit 0:1 an Portugal und haben damit ihr Potenzial auch ziemlich ausgeschöpft. An die Klasse der vier Halbfinalisten reicht das Leistungsvermögen des tschechischen Fußballs derzeit nicht heran, auch wenn sich im Team von Nationaltrainer Michal Bílek einige Akteure in sehr positivem Licht gezeigt haben. Zu ihnen gehört Rechtsverteidiger Theodor Gebre Selassie, dessen gute Leistungen auch den Clubs der deutschen Bundesliga nicht verborgen geblieben sind. Besonders Werder Bremen buhlte um die Gunst des Spielers von Slovan Liberec. Mit Erfolg, denn am Dienstag unterschrieb der 25-Jährige einen Vier-Jahres-Vertrag bei den Hanseaten:

Theodor Gebre Selassie (Foto: ČTK)
„Ich freue mich auf Klassefußball und die tolle Atmosphäre in den Stadien. Wenn ich regelmäßig in den Spielen der Bundesliga zum Einsatz komme, dann wäre das wirklich super für mich“, sagte Gebre Selassie kurz nach der Vertragsunterzeichnung.

Während der Nationalspieler nun aber erst einmal seinen wohlverdienten Urlaub angetreten hat, stecken die Vereine der heimischen Gambrinus-Liga bereits mitten in ihrer Vorbereitung auf die neue Saison. Allen voran die Mannschaften, die in der Qualifikation zur Champions League beziehungsweise Europa League ran müssen. Bei der Auslosung der beiden ersten Qualifikationsrunden hat Meister Slovan Liberec auch schon den Namen seines ersten Gegners erfahren: Es ist der kasachische Titelträger Schachtjor Karaganda. Ein Los, das in der Neißestadt nicht gerade Begeisterung ausgelöst hat. Kapitän Tomáš Janů:

Tomáš Janů (Foto: Archiv Slovan Liberec)
„Natürlich ist das eine riesige Entfernung bis nach Karaganda. Aber damit müssen wir leben, und auch der Gegner hat zu uns den gleichen langen Weg. Für beide Teams ist damit aber weder etwas verloren noch etwas gewonnen, auch wenn es in Karaganda sicher sehr heiß sein wird. Wenn wir aber in die Champions League wollen, dann müssen wir einen solchen Kontrahenten schlagen.“

Das Hinspiel wird übrigens am 17. oder 18. Juli in Liberec ausgetragen, das Rückspiel dann eine Woche später in Karaganda.

Wie eingangs bereits erwähnt, bei der Europameisterschaft stehen nur noch drei Begegnungen aus: das Endspiel im ukrainischen Kiew und die beiden Halbfinals. Das zweite Spiel der Vorschlussrunde zwischen Deutschland und Italien findet am Donnerstag in Warschau statt. Diese Partie ist auch die letzte Chance für den deutschen Nationalspieler Lukas Podolski, sich den Fans seines Geburtslandes auf polnischem EM-Rasen zu zeigen. Podolski kam nämlich am 4. Juni 1985 im schlesischen Gleiwitz zur Welt, und nach den EM-Spielen der Deutschen in der Ukraine saß „Poldi“ beim deutschen Gala-Auftritt gegen Griechenland in Danzig nur auf der Bank. Nach diesem Match hat Radio Prag mit dem 27-jährigen Kölner gesprochen:

Lukas Podolski (Foto: Steindy, Creative Commons 3.0)
Lukas, bist du ein bisschen traurig darüber, dass du beim ersten richtigen Wettbewerbsspiel hier in Polen nicht auflaufen konntest?

„Nein, traurig nicht, aber natürlich enttäuscht, weil man gerne spielen will, auch in der Heimat. Aber gut, man muss es sportlich nehmen.“

Haben dir die polnischen Fans vor und nach dem Spiel ihre Sympathie bekundet? Unterstützen sie dich in irgendeiner Weise?

„Stimmt, es waren heute erstaunlich viele Polen im Stadion, die auch sehr gute Stimmung gemacht haben. Ich habe es schon einmal betont: Schade, dass die Polen schon ausgeschieden sind. Doch jetzt muss man nach vorne schauen.“

Lukas Podolski (Foto: Steindy, Creative Commons 3.0)
Hast du folglich das Gefühl, dass du nach dem Ausscheiden der Polen jetzt zum kleinen Hoffnungsträger für sie geworden bist?

„Das weiß ich nicht. Ich denke, die Polen sind enttäuscht, dass sie ausgeschieden sind, denn sie haben sich wohl schon etwas mehr erhofft. Aber man hat ja heute noch einmal die Atmosphäre sehen und erleben können: Ich glaube, es waren so 15 – 20.000 Polen im Stadion, die trotz des Ausscheidens ihrer Mannschaft immer noch mitfiebern beim Fußball. Ich denke aber, dass die Enttäuschung überwiegt. Und ob sie mir dann die Daumen drücken oder uns Deutschen, das weiß ich nicht.“



Mario Gomez und Lukas Podolski (Foto: ČTK)
Wenn du im Halbfinale in Warschau spielen solltest und du schießt ein Tor, würdest du dieses Tor dann vielleicht auch zur Hälfte den Polen widmen?

„Ja, zur Hälfte vielleicht schon, wenn es dazu kommen sollte.“

Autor: Lothar Martin
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