"Unser Leben hat viele Dimensionen"

r_2100x1400_radio_praha.png

"Jed, Das Gift" heißt der neue Gedichtband von Hans Magnus Enzensberger. Das Besondere daran: er ist zweisprachig. Die Idee hatte der Organisator des Prager Schriftstellerfestivals, Michael March, schon im vergangenen Jahr. Nun hat Tomas Kafka, ehemaliger Geschäftsführer des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, Enzensbergers Gedichte ins Tschechische übertragen und Michael March gibt die Lyriksammlung heraus. Renate Zöller war bei der Präsentation des Gemeinschaftswerks.

Als Hans Magnus Enzensberger seinen neuen Gedichtsband in Prag vorstellt, ist er über die Resonanz überrascht. Er dachte, er sei in Prag weitgehend unbekannt - aber der Saal des Prager Goethe-Instituts ist voll, und das vormittags an einem Wochentag. In Tschechien sei der Autor seit den sechziger Jahren eine Institution, versichert ihm sein Übersetzer Tomas Kafka. Enzensberger erinnert sich noch gut an seinen Besuch in der Tschechosloswakei während des Prager Frühlings:

"Wenn ich mich an das Prag der 60er Jahre erinnere, dann war das eine Stadt, die inzwischen völlig historisch geworden ist. Es hat fast mythologische Züge. Ich erinnere mich an diese Nächte in Prag wo es dunkel war und wo die Läden mit eisernen Türen verschlossen waren mit großen Schlössern. Das war ein ganz merkwürdiges Gefühl. Als literarischer Mensch hat man da natürlich sofort immer an Kafka gedacht."

Enzensbergers Werk wurde in den sechziger Jahren ins Tschechische übertragen - damals war es eine der ersten Sprachen, in die er überhaupt übersetzt wurde. Ihn verband große Sympathie mit den Dissidenten:

"Glücklicherweise sind die so genannten Intellektuellen ein bisschen entbehrlicher geworden. Die Dissidenz ist Ost- und Mitteleuropa, das waren ganz wichtige Leute. Das waren ganz Wenige, aber es waren die einzigen, die irgendwie den Mund aufgemacht haben. Aber das ist vorbei. Und ich finde das sehr angenehm, dass es vorbei ist. Denn es war ja auch ziemlich schwer für diese Menschen. Sie mussten den Kopf hinhalten für die anderen. Heiner Müller hat einmal gesagt: Alles was ich als Schriftsteller bin, verdanke ich Stalin und Hitler. Da hatte er ein großes Thema. Aber ich vermisse das nicht. Ich vermisse weder den einen noch den anderen."

Die Zeit der Dissidenten ist vorbei, Tschechien gehört zur EU und Prag ist in Enzensbergers Augen eine prächtige Stadt. Er sieht jedoch auch die Verlierer der Samtenen Revolution:

"Es ist ja eine Erfolgsgeschichte - zunächst. Aber alle diese Erfolge haben einen Preis. Ein amerikanischer Präsident hat einmal gesagt: There is no free lunch. Also es hat alles seinen Preis und ich glaube, dass diese Transformation auch bezahlt werden muss, auf verschiedene Weise. In solchen Umbruchzeiten - und die dauern lange - da sind sie unvermeidlich: der Raubkapitalismus, die Korruption, das Durcheinander, das Chaos, die moralischen Probleme, die Parteienpolitik, die sich erst wieder organisieren muss, und diese ganzen Sachen. Aber das ist ganz normal. Ich meine, man ärgert sich, es gefällt einem nicht, aber das ist unvermeidlich. Wenn man das alles bilanziert, bleibt es aber unterm Strich, denke ich jedenfalls, eine Erfolgsgeschichte."

Unter den Verlierern der Samtenen Revolution sind oft auch gerade die Dissidenten, die sich doch die Demokratie herbeigesehnt hatten. Unter anderem weil sie ihr Lebensthema, ihren literarischen Feind, die Unterdrückung verloren haben. Gibt es überhaupt eine demokratische Kunst, wird Enzensberger gefragt? Nein, sagt Enzensberger, da handele es sich um eine Kategorienverwechslung:

"In der Politik, in der demokratischen Gesellschaft können Sie abstimmen über Gesetze, über Programme, über Reformen, über Parteien und so weiter. In der Kultur kann man eigentlich nicht abstimmen. Das heißt, ein Mehrheitsvotum ist nicht relevant. Denn die Bestsellerliste wäre dann das Kriterium - gut ist das, was auf der Bestsellerliste steht. Und wir wissen ja alle, dass das nicht so ist! Das heißt nicht, dass sich die Literatur nicht mit der Demokratie beschäftigen kann - das ist was anderes."

Enzensberger seinerseits hat sich immer wieder mit der Politik auseinander gesetzt. Das "Einmischungsgebot", das viele Autoren der sechziger Jahre, wie etwa Günter Grass, bewegt hat, sieht er allerdings nicht als obligatorisch an: Es gebe doch jede Menge sehr guter Autoren und Poeten, die sich niemals politisch geäußert hätten. Für ihn selbst ist die Politik ein Thema unter vielen:

"Unser Leben hat viele Dimensionen. Warum soll ich etwas weglassen? Ich interessiere mich für vieles. Ich interessiere mich für die Wissenschaft, für Frauen, für meine Kinder, ich interessiere mich für Geld, für die Literatur. Ich interessiere mich für alles Mögliche. Also warum sollte ich ausgerechnet die Politik aussparen? Das geht doch nicht, die gehört auch dazu. Je mehr man auf dem Teller hat, umso besser. Ich bin kein Spezialist."

Der zweite Weltkrieg und die darauf folgende Zeit des Sozialismus haben die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien nachhaltig belastet. Auch heute noch werden politische Animositäten und historische Erblasten von Politikern von Zeit zu Zeit instrumentalisiert. Gerade deshalb findet Hans Magnus Enzensberger es wichtig, ins Tschechische übersetzt zu werden. Er dankt Tomas Kafka mit den Worten:

"Die Übersetzer sind eigentlich immer die schlecht bezahlten Kuriere der Weltliteratur. Zwischen unseren beiden Nationen liegen verschiedene Minenfelder. Das ist ein sehr schwieriges Terrain, und ohne Brückenbauer werden wir nicht weiterkommen. Eine bescheidene Art, eine Brücke zu bauen, ist die Übersetzung."

Dass gerade auch Poesie als Brücke dienen kann, daran hat Enzensberger keinen Zweifel. Gedichte sind für ihn universal, wie er einmal in dem Buch "Lyrik nervt" versucht hat, poesiemüden Schülern nahe zu bringen:

"Alle Menschen kennen Gedichte. Das fängt schon in der Kindheit an, da gibt es den Kinderreim. Im Schulhof gibt es solche Verse. Fromme Leute kennen Gedichte, zum Beispiel das Vaterunser ist ein Gedicht. Sportler müssen meistens die Nationalhymne auswendig können - das ist vielleicht ein schlechtes Gedicht, aber ein Gedicht. Und dann gibt es natürlich die ganze Popmusik. Ich kenne keinen 16-Jährigen, der nicht mindestens zwei Duzend solcher Songs auswendig kann. Es muss ja nicht immer Goethe sein. Also: Die Gedichte sind in Wirklichkeit gar nicht so selten, gar nicht so exotisch und gar nicht so schwierig, wie manche Menschen denken."

Der Übersetzer Tomas Kafka jedenfalls erklärt, die Arbeit sei ihm sehr leicht gefallen und das nicht nur, weil er sie als Freundschaftsdienst verstanden hat:

"Für mich ist die Poesie immer verbunden mit irgendwelchen Erlebnissen oder Menschen. Ich übersetze nicht, um der Literatur an sich zu dienen, sondern meistens ist das so eine Art Empathie. In diesem Fall hier hatte ich das Gefühl, dass ich die Gedichte genau verstehe. Ich hatte die Übersetzung nach einer Woche fertig."

Im Resultat klingt das dann so:

Haustier

Meine Traurigkeit ist mein Goldhamster.

Ich lasse sie nicht verhungern. Des nachts

höre ich, wie sie scharrt, kratzt, wühlt

in ihrem Verschlag. Am Morgen,

wenn ich gut aufgelegt bin,

öffne ich manchmal das Gitter.

Dann huscht sie auf rosigen Pfoten hervor,

sucht mich heim, sucht nach Futter,

versucht mich mit bebenden Nüstern.

Sie schnuppert an meiner Hand,

bis ich die Geduld verliere,

sie am gesträubten Nackenhaar packe,

so, dass sie panisch die Augen rollt,

und setze die Quiekende nieder

in ihren Käfig. Mit einem Klick

lass ich den Riegel einrasten

hinter ihr und bin froh.
schlüsselwort:
abspielen