Ustek - Auscha

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Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer. Wir begeben uns heute in ein kleines, aber malerisches nordböhmisches Städtchen, das vielen Leuten in Tschechien bekannt sein dürfte. Gerade dort wurde nämlich vor einigen Jahren der populäre, für den Oscar-Preis nominierte Film Kolja gedreht. Nur wenige Leute wissen aber, dass es sich um die Stadt Ustek/Auscha im östlichen Teil des Böhmischen Mittelgebirges handelt. Gerade Ustek ist unser heutiges Reiseziel. Gute Unterhaltung wünschen Martina Schneibergová und Markéta Maurová.

In der Vergangenheit war Ustek/Auscha ein Städtchen, aus dem das Leben fast verschwunden war. Erst seit ein Paar Jahren bemüht man sich, der Stadt wieder Leben einzuhauchen. Die Bewohner und regelmäßige Besucher von Auscha gründeten vor kurzem eine Kulturvereinigung, ein Laientheaterensemble Pikart, es werden Jahrmärkte und Saison-Eröffnungs-Feiern organisiert. Wenn ein Besucher heute nach Auscha kommt, kann er sich gleich an ein neues Informationszentrum wenden, wo er erfährt, was dort zu sehen ist. Davon spricht der stellvertretende Bürgermeister, Pavel Kundrát:

"Seit diesem Jahr befindet sich auf dem Friedensplatz, neben der St.-Peter-und-Paulus-Kirche ein Informationszentrum, das mit der Bibliothek verbunden ist. Das Informationszentrum ist im Sommer jeden Tag geöffnet und bietet Führungen durch die Stadt. Die Führung umfasst die Besichtigung des Stadtrings, den Besuch im Herrenhof, zu dem der Pikharten-Turm mit einer Ausstellung gehört sowie die Keller unter der Burg. Sie endet wieder auf dem Stadtring, auf dem in diesem Jahr der Film "Rebellen" und vor etwa vier Jahren der Film "Kolja" gedreht wurden."

Aus archäologischen Funden wissen wir, dass die Landschaft um Auscha zunächst von slawischen Siedlern bewohnt wurde. Die heutige Stadt wurde gemeinsam mit der Burg am Handelsweg gegründet, der Litomerice/Leitmeritz mit der Lausitz verband. Die Umgebung von Auscha ist in einer sehr alten Quelle zum ersten Mal erwähnt, und zwar in der Gründungsurkunde des Leitmeritzer Domkapitels aus dem 11. Jahrhundert. In der zweiten Fassung der Urkunde vom Ende des 12. Jahrhunderts steht auch ein Satz, der höchstwahrscheinlich von dem eigentlichen Ustek spricht, das dem Kapitel gehörte - "Uscri Cen rusticus cum terra" - d.h. "in Auscha Cen Bauer mit seinem Boden".

Die Gestalt und der Grundriss der Stadt wurden durch die Lage auf einem Felsen geprägt. Innerhalb der Stadtmauern entstand eine Stadt, deren Häuser sich auf schmalen, aber langen Grundstücken befinden und den Marktplatz und den Handelsweg säumten. Die gotischen Häuser umschlossen eine ovalförmige Fläche, die im Westen und im Osten durch Tore abgegrenzt ist. An der südlichen Seite des Marktplatzes stand die Burg, die ursprünglich ein eigenes Mauerwerk schützte. In der Mitte des Stadtrings befand sich die kleine St.-Michael-Kirche, die später die Barock-Kirche der hl. Peter und Paul ersetzte.

Zu einer großen baulichen Entwicklung der Stadt kam es am Ende des 16. Jahrhunderts. Viele schriftliche Quellen aus dieser Zeit belegen, dass es sich damals noch um eine rein tschechische Stadt handelte. Zur allmählichen Germanisierung kam es erst während des 30jährigen Kriegs. Auscha war eine der Städte, in denen Handwerk überwog; vor allem das Weberhandwerk, das nicht nur den lokalen Bedarf deckte, sondern auch exportiert wurde. Wichtig war auch die Bierbrauerei und der Hopfenanbau, um die Stadt erstreckten sich aber auch Weinberge.

Im 17. Jahrhundert gewannen die Jesuiten die Herrschaft, die auch das Aussehen von Auscha wesentlich veränderten. Der Leitmeritzer Barock-Baumeister Octavio Broggio baute ein neues repräsentatives Pfarrhaus, das Schloss wurde umgebaut sowie die heutige Kirche in der Mitte der Stadt errichtet. Das 19. Jahrhundert brachte für viele nordböhmischen Städte eine Blütezeit und Erweiterung. Die Entwicklung von Auscha begann damals aber eher zu stagnieren. Dieser Tatsache verdankt die Stadt heute ihren altertümlichen Charakter, den sie sich behalten hat.


Wir beginnen unsere Stadtbesichtigung auf dem Marktplatz. Wir finden dort noch ein Paar Giebelhäuser, die uns ein gutes Bild dessen bieten, wie eine mittelalterliche Stadt aussah. Die ältesten Stadthäuser waren wahrscheinlich aus Holz gebaut, sie hatten jedoch mehrstöckige Sandsteinkeller, die sich bis heute erhalten haben. Etwa in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zu einem großen baulichen Aufschwung der Stadt, es entstanden einstöckige Steinhäuser mit Holzgiebeln und Backsteinbauten mit einer Laube im Erdgeschoss.

Den Stadtring dominiert die Kirche der hl. Peter und Paulus, die im 18. Jahrhundert im Stil des Spätbarock gebaut wurde. Der einschiffige Raum wird durch Pilaster geteilt und durch einen gemalten Altar geschmückt. Das wertvollste Kunstwerk ist das Altarbild der "Jungfrau Maria im Gespräch mit dem hl. Peter und Paul" von Karel Skreta. In der Nähe der Kirche wurde 1721 anstelle des ehemaligen Friedhofs ein barockes Gebäude des Dechanteiamtes errichtet. Es handelt sich um die Arbeit des aus Italien stammenden Architekten Octavio Broggio, der viele Bauten vor allem in Leitmeritz, aber auch in anderen Orten Nordböhmens entwarf.

Verlassen wir nun den Stadtring und sehen uns weiter in der Stadt um. Von der Stadtbefestigung ist deren stärkster und mächtigster Turm - der sog. Pikharten-Turm erhalten geblieben. Er wurde vom hussitischen Hauptmann Vaclav Carda errichtet, der Auscha 1426 kaufte und die Befestigung der Stadt verbesserte. Die Mauern aus Sandsteinquadern sind fast zwei Meter breit. Der mächtige Turm mit seinen drei Stockwerken dient aber heute natürlich nicht mehr zu Verteidigungszwecken, sondern als Galerie, in der in der Sommersaison vor allem nordböhmische Künstler ihre Werke ausstellen.

Im Unterschied zum Pikharten-Turm kann man die Burg heute nicht mehr besuchen. Ihr Kern, ein Palast mit einem mächtigen Mauerwerk, entstand im 14. Jahrhundert. Noch in der Gotik wurden Bauänderungen durchgeführt, die die Burg wesentlich vergrößerten. Zum letzten bedeutenden Umbau kam es im 17. Jahrhundert unter der Herrschaft der Jesuiten. Kurz darauf wurde die Burg jedoch an die Stadtbürger verkauft und als eine Bierbrauerei genutzt. Aus diesem Grunde finden wir heute ein wenig prachtvolles Gebäude, dessen Renovierung und Umbau zum Hotel im Stadtrat nun erwägt und vorbereitet wird.

Sehr alten Ursprungs ist die Auscher Vorstadt, die schon im 15. Jahrhundert erwähnt wurde, wahrscheinlich aber noch früher existierte. Es wurden die Namen Böhmische und Deutsche Vorstadt genutzt, die jedoch wahrscheinlich keine ethnische, sondern eine geographische Bedeutung hatten und die Richtung der Wege ausdrückten. Eine Besonderheit Auschas bilden die sog. Vogelhäuschen am Rande der Stadt. Es handelt sich um einen malerischen Komplex hölzerner Anbauten und Keller, die an die Felsenwand im hinteren Teil der Häuser angeklebt waren. Sie stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und knüpfen an Keller und Gänge an, die im Sandsteinfelsen ausgegraben sind.

Umfangreiche Keller befinden sich auch unter der Burg. Diese wurden vor einigen Jahren zugänglich gemacht und können besichtigt werden.

Wir haben am Anfang gesagt, dass man sich bemüht, die Stadt mit verschiedenen Veranstaltungen wiederzubeleben. Den Höhepunkt der Saison in Auscha bildet der historische Jahrmarkt.

"Der historische Jahrmarkt fand zum ersten Mal im Jahre 1998 statt, diesmal ist es schon der dritte Jahrgang. Es freut uns, dass die Besucheranzahl von Jahr zu Jahr steigt. Diese Tatsache motiviert uns dazu, jedes Jahr für die Besucher und Zuschauer etwas neues vorzubereiten. In diesem Jahr haben wir z.B. den Burghof aufgeräumt, wo den ganzen Tag ein Theaterprogramm läuft. Wir haben hier weiter einen großen historischen Marktplatz, wo Töpfer, Bäcker, Winzer, Drahtbinder und andere Handwerker ihre Ware anbieten. Man kann auch durch magische Keller wandern und dort auf Gespenster antreffen. Es ist eine Rarität, dass dort zur Zeit des Jahrmarkts unsere Polizisten spuken, die sich als Mönche verkleiden. In der Schule sind Kinderwettbewerbe vorbereitet und wir haben heute noch eine Neuigkeit, den Fechtunterricht."

Soviel der stellvertretende Bürgermeister von Auscha Pavel Kundrát. Er sprach aber nicht nur von der eigentlichen Stadt, sondern auch von dem großen Teich - dem sog. Chmelar-See, der unter der Stadt liegt. Nach einer Stadtbesichtigung können sich Urlauber an einem der beiden Sandstrände erholen.

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