Vaclav Havel über den Abzug der letzten Sowjetsoldaten vor 10 Jahren

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Von Jitka Mladkova.

Flagge der Sowjetunion
Am Donnerstag, dem 21. Juni, jährte sich zum 10. Mal ein in der tschechischen neuzeitlichen Geschichte sehr bedeutendes Ereignis. An diesem Tag genau vor 10 Jahren hat der letzte Sowjetsoldat tschechischen Boden verlassen. Damit endete auch die fast 23 Jahre andauernde Besatzung des Landes, die im August 1968 mit der Invasion der Warschauer Paktstaaten in die damalige Tschechoslowakei begonnen hatte. In einem Exklusivinterview für den Tschechischen Rundfunk verwies Präsident Vaclav Havel u.a. auf die Tatsache, dass sich heute schon viele Menschen, namentlich die jüngeren, in Bezug auf diese Ereignisse kaum noch dessen bewusst sind, dass die Okkupation der Tschechoslowakei erst vor 10 Jahren zu Ende ging. Auf die Frage, worin er die paralysierenden Auswirkungen des, wie es offiziell hieß, "zeitweiligen" Aufenthaltes der Sowjetarmee im Lande sehe, sagte Havel:

"Das war selbtsverständlich eine tiefgreifende Verwüstung des bürgerlichen Bewußtseins und des moralischen Klimas im Lande. Die Soldaten musste man zwar nicht besonders zu sehen bekommen, es waren etwa 100 Tausend Mann. Sie waren irgendwo versteckt in mehreren Kasernen. Ab und zu konnte man ihnen begegnen, auf einer Strasse, die sie mit ihren Kampffahrzeugen beschädigten. Also ohne sie gesehen zu haben, hat ihre Präsenz trotzdem die damalige Zeit geprägt. Darin ist auch der große Unterschied zwischen uns und den anderen postkommunistischen Ländern zu sehen, die diese direkte harte Okkupation nicht erlebt haben wie wir, einschließlich einer ganzen Reihe von politischen Folgen, wie z.B. der, dass diese Zeit die peinlichste Garnitur politischer Vertreter in die führenden Positionen katapultiert hat."

Die Forderung der neuen politischen Repräsentation der Tschechoslowakei nach dem Abzug der Besatzungsarmee, mit der sich faktisch die gesamte Bevölkerung identifizierte, wurde gleich nach der Wende 1989 formuliert. Im Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk ging Havel diesbezüglich auch auf die Frage ein, wie schwer es damals gewesen sei, daraus ein bilaterales Thema zu machen und nicht auf einen breiter angelegten Abrüstungsprozess zu warten:

"Ich glaube, womit wir damals besonders zu kämpfen hatten, war nicht das Prinzip selbst, dass sie abziehen sollen. Das hat Gorbatschov anerkannt, dass sie hier in der neuen Situation nicht zu suchen haben. Aber wir waren mit Tausenden von Einwänden konfrontiert, wie schwer es sei, wie lange es dauern müsse, und dass die Soldaten keine Wohnmöglichkeiten zu Hause haben usw. Ständig haben wir um den Termin gekämpft. Es war die Tendenz da, alles hinauszuzögern, sich auf dies und jenes auszureden. So sehe ich das zumindest heute, mit dem Zeitabstand."