Vaclavak - Seele der Stadt?

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"Der Wenzelsplatz verleiht den Pragern die Illusion, dass sie in einer Großstadt von Weltbedeutung leben, denn auf dem Wenzelsplatz gibt es Luxus, Leben und Raum ... keine andere Ecke liebt der Prager mehr als diese lange, ausgangslose Nudel ..." Mit diesen Worten beschrieb der tschechische Schriftsteller Vladimir Neff einst die Beziehung der Prager zum Wenzelsplatz. Ob der Wenzelsplatz wirklich die Seele der Stadt ist, darüber machte sich Martina Schneibergova Gedanken.

Ist der Wenzelsplatz die Seele der Stadt? Hat der einstige Rossmarkt nach seiner Umbenennung nach dem populärsten Landespatron etwa den Altstädter Ring überschattet? Dies zu entscheiden, traue ich mich kaum. Zu bestimmten besonderen Anlässen verwandelt sich nämlich der Wenzelsplatz in ein recht symbolisches Volksforum. Für seine besondere Rolle ist er durch die ständige Präsenz des Landespatrons - des heiligen Wenzel - auf dem strategisch günstigen oberen Ende prädestiniert. Die Reiterstatue des böhmischen Fürsten, der seit 1912 den nach ihm benannten Platz überwacht, ist ohne Zweifel das lebendigste Denkmal in Tschechien. Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass unter dem Wenzeldenkmal alle bedeutendere Versammlungen seit 1918 stattfanden.

Die Bedeutung des Wenzeldenkmals ist nach 1968 noch gestiegen - es ist inzwischen zur Plakatfläche, Rednertribüne und zum Treffpunkt für Diskussionszirkel geworden. Die Staatsmacht, die während der Jahre der sogenannten Normalisierung eine Zeit lang versuchte, den Zutritt zum Denkmal zu verhindern, hat damit nur zu dessen Popularität als Nationalsymbol beigetragen. Denn bis 1989 wurden hier die meisten Protestversammlungen einberufen. Diese fanden am 21. August - anlässlich des Jahrestags des Einmarsches der Warschauer Vertragstruppen in die Tschechoslowakei oder auch am 28. Oktober - anlässlich der Gründung des tschechoslowakischen Staates im Jahre 1918 statt.

Während der so genannten "Palach-Woche" - im Januar 1989 - erlebte der Wenzelsplatz eine Serie von Protestdemonstrationen, die zwar jedes Mal unterdrückt wurden, die aber bei den Teilnehmern doch eine starke Hoffnung auf Änderungen entzündete. Einige Monate später wurden sie mit dem Sturz des kommunistischen Regimes verwirklicht - damals war der Wenzelsplatz Schauplatz der überhaupt größten Demonstrationen in seiner Geschichte. Doch auch nach dem Fall des totalitären Regimes ist der heilige Wenzel oft von Menschenmassen belagert worden. Den Bedarf, ihre Freude mit dem Landespatron zu teilen, haben mehrmals die passionierten Fußball- oder Eishockeyfans auf dem Vaclavak - wie der Wenzelsplatz von den Pragern kurz genannt wird - demonstriert. Aber auch Protestdemos haben noch vor kurzem unter dem Wenzeldenkmal stattgefunden.

Das letzte Mal war der heilige Fürst Augenzeuge des Streits um das Tschechische öffentlich-rechtliche Fernsehen, als im Januar dieses Jahres während des Fernsehstreiks zig Tausend Menschen auf dem Vaclavak die Unabhängigkeit des Senders verlangt haben. In den letzten Wochen erlebte der heilige Wenzel dagegen ganz ruhige Tage. Doch wie lange wird diese Ruhe noch dauern? Falls die tschechischen Eishockeyspieler bei der bevorstehenden WM wieder Gold holen werden, wird der Landespatron der erste sein, dem die Fans den Sieg lautstark mitteilen.