Vergessene Dörfer im Bezirk Chomutov

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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer weiteren Ausgabe von Regionaljournal. In Tschechien sind im vergangenen Jahrhundert viele Gemeinden und Ortschaften von der Landkarte aus verschiedenen Gründen stillschweigend ausradiert worden. Einer der am meisten von diesem Schwund betroffenen Bezirke ist der Bezirk Chomutov/Komotau. Und dorthin führt uns auch heute unsere Reise. Auf eine halb poetische halb traurige Reise laden Sie Olaf Barth und Dagmar Keberlova ein.

Den Kennern der Prosa des berühmten tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal, der durch seine Fähigkeit bekannt ist, im Hässlichen Poetisches zu finden, müssen in der Gegend um Chomutov früher oder später die Bilder Hrabals ins Bewusstsein kommen. Die Poetik des Traurigen - so könnte man den Komotauer Bezirk definieren. Schon wenn man sich der Stadt von Prag kommend nähert, sieht man von weitem die Dampf und Rauch ausspuckenden Schornsteine, die einem das Anhalten vergällen. Doch ist man einmal in der Innenstadt, vergisst man plötzlich die unschöne Gegend, von der man umgeben ist und die Geschichten lassen einen nicht einmal in Ruhe frühstücken.

Der westböhmische Bezirk Chomutov scheint wirklich wenig Glück in den vergangenen Jahrzehnten gehabt zu haben. Als eine nahe der Grenze gelegene Region erlebte es mehrere Völkerwanderungen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuerst, am Anfang des Zweiten Weltkrieges, zog sich der tschechische Teil der Bevölkerung ins Landesinnere zurück. Dann wurden die Deutschen nach dem Ende des Krieges vertrieben und der Komotauer Bezirk wurde - wie viele andere auch - von Bürgern aus der ganzen Republik besiedelt. Dies gelang hier aber nicht vollständig, weil immer mehr Menschen die Orte verlassen haben. Zu all dem war es eine rohstoffreiche Gegend und so bauten die kommunistischen Machthaber- ohne auf die Bedürfnisse der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen - Fabriken und Bergwerke. Das Resultat all dieser Missgeschicke sind 107 untergegangene Dörfer allein im Bezirk Chomutov. Doch die Ortschaften werden nicht mit der Erinnerung der Altansiedler zugrunde gehen, da es Menschen gibt, die an der Geschichte der nicht mehr existierenden Häuser interessiert sind. Ein solcher ist die Historikerin Zdena Binterova. Zdena Binterova erzählt, wie sie auf die Idee kam, sich auf die Spur der vergessenen Orte zu begeben:

"Die Idee entstand dadurch, dass die Dörfer eines nach dem anderen verschwunden sind und niemand unternahm etwas dagegen. So sagte ich mir, da muss ich doch etwas unternehmen. Außerdem hat mich die regionale Geschichte immer mehr interessiert als die allgemeine. So begann ich, Materialien zu sammeln, auch wenn ich wusste, dass ich wahrscheinlich nie im kommunistischen Regime die Chance haben werde, diese Dokumentation zu veröffentlichen."

Frau Binterova sammelte seit 1967 privat das Dokumentationsmaterial und nach der Wende konnte sie damit an die Öffentlichkeit gehen. Dem damaligen Direktor des Bezirksmuseums hatte sie angeboten, das im Verlauf der Jahre gesammelte Material zu publizieren. Heute gibt es bereits mehrere Publikationen zu diesem Thema. Derzeit stellt Frau Binterova einen Teil ihrer Forschungsergebnisse im Bezirksmuseum in Chomutov aus.

Gründe zum Untergang von Ortschaften gab es in der tschechischen Geschichte genug, doch in Chomutov scheinen sie alle zuzutreffen. Mehr dazu Zdena Binterova selbst:

"Die meisten sind am Anfang der 50. Jahre zu Grunde gegangen, als der Militärübungsraum Hradiste eingerichtet wurde, wegen dem die Stadt Doupov und weitere 39 Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden. Aufgrund der Braunkohlebergwerke waren es 26, weitere 12 durch den Ausbau von 4 Talsperren. Wegen der Abwässerkläranlage 5 - vier davon ganz umsonst, weil sie letztendlich nicht gebaut wurde. Und in den restlichen 24 starb das Leben mit der Zeit einfach aus, weil es nicht gelang, die ausgesiedelten Dörfer wieder komplett nachzusiedeln."

Also wie Sie sehen, liebe Hörerinnen und Hörer, scheint diese Gegend tatsächlich von Gott verlassen und vergessen. Aber warum gerade Chomutov, stellen sich vielleicht einige von Ihnen die Frage. Hierzu mehr der Direktor der Galerie in Chomutov, Regionalschriftsteller und -maler Vladimir Vales:

"Die Region um Chomutov hat gleichzeitig den Vor - und Nachteil, dass sie ein Teil des Braunkohlegebietes ist. Außerdem gibt es den südlichen Teil, der durch das Doupov - Gebirge gebildet ist. Dies ist ein wunderschöner Teil unserer Region, der leider Gottes auch dem damaligen Verteidigungsminister Cepicka, der hierher zur Jagd eingeladen wurde, sehr gefallen hat. Als dann ein passender, nahe der Westgrenze liegender und wenig besiedelter Ort für einen Militärübungsplatz gesucht wurde, hat man Doupov ausgewählt. Demzufolge haben wir ein bestens erhaltenes Ökosystem, weil die Armee dort - was eigentlich überraschend ist - gut gewirtschaftet hatte."

Die vielschichtigen Gründe für den der Dörfer wirkten sich schließlich günstig für die Entstehung des Bezirksmuseums aus, als es darum ging, Sponsoren für die Publikationen zu suchen. Die Braunkohlebergwerke sowie die Flussverwaltung wollten erreichen, dass die Öffentlichkeit die Wahrheit und alle Gründe der Aussiedlung erfährt und nicht fälschlicherweise glaubt, dass es zum Beispiel nur die Braunkohlegruben waren, die den Dörfer-Schwund verursacht haben.

Aber alles Geld wäre ohne das Interesse der Menschen nichts wert. Sowohl Frau Binterova als auch Herr Vales lieben die Gegend und setzten sich mit ihr in allen ihren Tätigkeiten auseinander. So ist derzeit in der Galerie eine Ausstellung der Bilder von Vladimir Vales zu sehen, in der er sich von der Landschaft rund um Chomutov inspirieren lässt und die den Titel "Die Erinnerung der Landschaft" trägt. Erinnerungen sich auch für Frau Binterova wichtig, sie stammt ursprünglich aus dem nordmährischen Ostrava, hat sich aber in die Gegend hier verliebt und für immer geblieben. Sie sammelt Erinnerungen von Alteinsiedlern, sowohl tschechischen als auch deutschen. Bei ihren Forschungen, bei denen sie z.B. einen ganzen Sommer damit verbrachte, dass sie alle verschwundene Dörfer besuchte, entdeckte sie interessante Tatsachen. So kam sie u.a. darauf, dass einige Dörfer gar keinen tschechischen Namen hatten und dieser erst nachträglich ausgedacht wurde.

Die verschiedenen Publikationen, die zu diesem Thema herausgegeben wurden sowie die Ausstellungen dazu erfreuen sich eines enormen Interesses von vor allem älteren Menschen, sowohl Tschechen als auch Deutschen, die hier mit großer Anteilnahme zusammenarbeiten. Mehr dazu Frau Binterova:

"Die Deutschen werfen uns vor, dass wir alles nur auf tschechisch haben und viele von ihnen kein tschechisch mehr verstehen. Dafür hat unser Museum kein Geld mehr, aber es ist uns gelungen, finanzielle Hilfe von Phare und dem Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds zu bekommen. So haben wir eine sehr umfassende Publikation herausgegeben, in der alles zweisprachig erscheint."

Auf beiden Seiten, der tschechischen sowie der deutschen, seien Vladimir Vales zufolge Menschen, die zum Dialog bereit sind und Menschen, die immer verbissen und ohne Versöhnungswillen sein werden. Doch von den ersteren gibt es Gott sei Dank mehr, sagt Galerie-Direktor Vales :

"Ja. Das ist eine Erfahrung, die wir alle, die in diesem Bereich tätig sind, gemacht haben. Wir alle wollen, dass sich die historischen Denkmäler aus dem Staub erheben und dass das Gedächtnis nicht verloren geht. Unser Ziel ist es, die Kontinuität zu erhalten und an die Geschichte um 1945 anknüpfen. Auf der deutschen Seite gibt es, genau wie auf der tschechischen, eine Gruppe von Menschen, die aufgeschlossen sind. Und dann wieder gibt es Menschen, die sich nicht auf den geforderten Dialog nicht einlassen wollen, die stur behaupten, wir haben nichts zerstört, wir sind nur vertrieben worden. Aber ich muss sagen, dass die aufgeschlossenen und dialogbereiten in der Mehrheit sind. Wir treffen oft mit ihnen zusammen und sie sind bereit, aus ihren Familienarchiven Photos für Nachforschungen auszuleihen und auf unbekannte Tatsachen und Gegenstände aufmerksam zu machen."

Frau Binterova und Herr Vales haben uns mehrere Beispiele von Menschen genannt, die sehr geholfen haben. Ein Beispiel für alle:

"In München lebt die Familie Müller, die ein Privatmuseum Prisecnice hat. Als die Menschen dieser Gemeinde für die Publikation mitarbeiteten, haben sie mir sehr geholfen. Aus dem Archiv suchten sie mir die meisten Materialien heraus, ohne die Dokumentation hätte dieser Teil überhaupt nicht entstehen können. Die Familie Müller kommt zweimal pro Jahr, in den kommenden Wochen wollen sie wieder kommen und mir Reste von einem Grab aus dem 30jährigen Krieg zeigen. Es wäre schade sagen sie, wenn dieses verloren ginge."

Einige Dörfer existieren, zumindest auf dem Papier, dank Menschen wie Frau Binterova, einige erstehen aus der Asche auf dank Menschen, die dort einfach ein altneues Dorf wieder aufbauen wollen auch wenn die nächste Bushaltestelle viele Kilometer entfernt ist. Warum? Weil sie darin ihre Berufung entdeckt haben, weil es ihnen der Mühe wert ist, weil darin für sie die Poetik liegt. Lassen sie sich von den klagenden Schornsteinen um Chomutov nicht abhalten, sie werden einen kleinen Zauber unter dem Schleier des Hässlichen entdecken.

Autoren: Olaf Barth , Dagmar Keberlova
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