Verschwiegene Verschwinden in Westböhmen

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In Tschechien sind im vergangenen Jahrhundert aus verschiedenen Gründen viele Gemeinden und Ortschaften stillschweigend von der Landkarte ausradiert worden. Einer der am meisten von diesem Schwund betroffenen Gebiete ist der Bezirk Chomutov/Komutau. Dagmar Keberlova hat die Situation vor Ort erfragt.

Der westböhmische Bezirk Chomutov scheint wirklich wenig Glück in den vergangenen Jahrzehnten gehabt zu haben. Als grenznahe Region erlebte er mehrere Völkerwanderungen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, zudem war es eine rohstoffreiche Gegend und so bauten die kommunistischen Machthaber- ohne auf die Bedürfnisse der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen - Fabriken und Bergwerke. Das Resultat all dieser ungünstigen Umstände sind 107 untergegangene Dörfer allein im Bezirk Chomutov. Doch mit dem allmählichen Aussterben der Altansiedler wird die Erinnerung an die Dörfer nicht zugrunde gehen, da es Menschen gibt, die an der Geschichte der nicht mehr existierenden Häuser interessiert sind. Eine von ihnen ist die Historikerin Zdena Binterova. Frau Binterova sammelt seit 1967 privat Dokumentationsmaterial und nach der Wende konnte sie damit an die Öffentlichkeit treten. Derzeit stellt sie einen Teil ihrer Forschungen im Bezirksmuseum in Chomutov aus. Zdena Binterova erzählt, wie sie auf die Idee kam, sich auf die Spur der vergessenen Orte zu begeben:

"Die Idee entstand dadurch, dass die Dörfer eins nach dem anderen verschwunden sind und man nichts dagegen machte. So sagte ich mir, da muss ich doch etwas unternehmen und begann, Materialien zu sammeln - auch wenn ich wusste, dass ich unter dem kommunistischen Regime wahrscheinlich nie die Chance haben würde, diese Dokumentation zu veröffentlichen."

Gründe zum Untergang von Ortschaften gab es in der tschechischen Geschichte genug, doch auf Chomutov scheinen sie alle auf einmal zu zutreffen. Mehr dazu Zdena Binterova:

"Die meisten sind am Anfang der 50er Jahre eingegangen, als der Militärübungsraum Hradiste eingerichtet wurde, wegen dem die Stadt Doupov und weitere 39 Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden. Aufgrund der Braunkohlebergwerke waren es 26, weitere 12 durch den Ausbau von 4 Talsperren. Wegen der Abwässerkläranlage 5 - vier davon ganz umsonst, weil sie letztendlich nicht gebaut wurde."

Der letzte Grund war Frau Binterova zufolge die Aussiedlung der Sudetendeutschen, nach der es nicht gelang, die Dörfer vollständig wieder zu besiedeln und sie gingen nach und nach ein. Die Publikation, die zu diesem Thema herausgegeben wurde sowie Ausstellungen dazu erfreuen sich eines enormen Interesses vor allem bei den alten Menschen - sowohl Tschechen als auch Deutschen, die hier mit großer Anteilnahme zusammenarbeiten.

Noch ein Hinweis für alle, die über die gottverlassene Gegend um Chomutov mehr erfahren wollen, schalten sie am kommenden Samstag unser Regionaljournal ein.