Vor 25 Jahren: 10.000 Pilger durften zur Agnes-Heiligsprechung nach Rom reisen

Foto: ČT24

Am 12. November 1989 wurde Agnes von Böhmen in Rom heiliggesprochen. Die Kanonisierung gilt heute als ein Vorzeichen für die Samtene Revolution, die knapp eine Woche später ihren Anfang nahm. Der Heiligsprechung gingen im Jahr 1989 monatelange Verhandlungen und Vorbereitungen in der damaligen Tschechoslowakei voraus.

Agnes-Heiligsprechung (Foto: ČT24)
Mehrere Tausend DDR-Flüchtlinge waren seit Ende September 1989 über Prag in den Westen ausgereist. Mit einer ähnlichen Situation musste sich die tschechoslowakische Staats- und Parteiführung ein paar Tage später auch hierzulande auseinandersetzen: Mehrere Tausend tschechoslowakische Pilger wollten nach Rom reisen, um dort an der Heiligsprechung teilzunehmen. Noch im Frühjahr 1988 hat das kommunistische Regime die Gläubigen daran gehindert, an einem Gottesdienst zum Andenken an Agnes von Böhmen im Veitsdom auf dem Hradschin teilzunehmen. Die Busse mit Pilgern wurden noch vor Prag gestoppt, in der Umgebung der Prager Burg fuhren keine Straßenbahnen und die U-Bahn hielt dort an diesem Tag nicht. Der Historiker Jaroslav Šebek:

Jaroslav Šebek (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Am Gottesdienst in der Kathedrale nahmen damals 6000 Menschen teil, etwa tausend waren aber Mitglieder der Polizei und der Milizen.“

Noch größere Angst hatte man von der Heiligsprechung der Agnes von Böhmen. Nach dem ursprünglichen Plan sollte sie im Oktober 1989 in Prag, unter Beteiligung von Papst Johannes Paul II. stattfinden. Dies lehnte die kommunistische Führung allerdings ab. Im Gegenzug stellte der Vatikan allerdings die Bedingung, dass der tschechoslowakische Staat die Pilger nicht an der Reise nach Rom hindern werde. Die Verhandlungen wurden seit April 1989 geführt und im Herbst wurde überraschend die Pilgerreise von etwa 10.000 Gläubigen nach Rom bewilligt. Ludvík Klimeš war ein Mitglied des Organisationsausschusses der Pilgerfahrt:

„Wir haben überhaupt nicht verstanden, dass eies nun möglich war. Für uns war es ein Wunder.“

Tomáš Halík (Foto: Pavla Kopřivová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Über die Beweggründe der Führungsorgane spricht der Priester Tomáš Halík:

„Der Bewilligung gingen lange Verhandlungen voraus. Der Prager Weihbischof Liška hat damals der Staatsdelegation Folgendes gesagt: Sollte die Reise der tschechischen Pilger nicht gebilligt werden, würde die ganze Heiligsprechung von Emigranten und Sudetendeutschen dominiert werden, die nach Rom fahren würden. Das wäre eine große Schande für die tschechoslowakische Staatsführung.“

Die Befürchtung, dass sich die Aufmerksamkeit der internationalen Medien auf Emigranten und Sudetendeutsche konzentrieren würde, war laut Halík das stärkste Argument gewesen für die Parteiführung, der Reise zuzustimmen. Mehr als hundert Busse, vier Züge und ein Flugzeug wurden für die Pilger ab Anfang November bereitgestellt. In den tschechoslowakischen Medien fand die Heiligsprechung relativ viel Aufmerksamkeit. Der Gottesdienst im Petersdom wurde im Tschechoslowakischen Fernsehen live übertragen. Ludvík Klimeš:

Agnes-Heiligsprechung (Foto: ČT24)
„Erst in Rom haben wir begriffen, dass das Regime brüchig wird. In Deutschland war es bereits fällig. Wir haben uns gesagt, Agnes wird etwas für das tschechische Volk tun.“

Tomáš Halík – damals noch Geheimpriester – nutzte den Besuch in Rom zu seinem ersten längeren Gespräch mit Papst Johannes Paul II.

Agnes-Heiligsprechung (Foto: ČT24)
„Ich habe am 7. November mit ihm gesprochen, also am Vorabend des Falls der Berliner Mauer. Er sagte mir damals, das Ende des Kommunismus rücke näher, das Regime werde bald auch bei uns zusammenstürzen. Wir sollten bereit sein.“

Die Heiligsprechung im Vatikan fand am 12. November statt. Fünf Tage später brach die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei aus.