Walter Serner: radikalster Dadaist und größenwahnsinniger Außenseiter

Walter Serner

Der Begriff Dadaismus ist allgemein bekannt und bezeichnet eine künstlerische Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt oder völlig unbekannt ist heute der Name eines deutschböhmischen Repräsentanten dieser Kunstbewegung: Walter Serner. Sein Buch „Letzte Lockerung“ gilt als das radikalste Manifest der Bewegung.

„Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden. Ein fürwahr überaus betrüblicher Aspekt, der aber immerhin ein wenig unterschiedlich ist: Seidenstrümpfe können begriffen werden, Gauguins nicht. (…) Damenstrümpfe sind unschätzbar. Eine Vizekönigin ist ein Fauteuil. Weltanschauungen sind Vokabelmischungen. Ein Hund ist eine Hängematte. L’art est mort. Vive Dada!“

Dies war ein Ausschnitt aus dem 1918 entstandenen Manifest „Letzte Lockerung“, es gilt als einer der wichtigsten Dada-Texte überhaupt.. In diesen Tagen erscheint es auch auf Tschechisch, in einer Übertragung von Radovan Charvát. Der Verfasser des Manifests ist Walter Serner, ansonsten Autor von Romanen, Bühnenstücken, Erzählungen und Kriminalgrotesken. Er wurde 1889 in die deutschsprachige jüdische Familie Seligmann im westböhmischen Karlsbad geboren. Kurz nach dem Abitur konvertierte er vom Judentum zum Katholizismus und nahm den Nachnamen Serner an. Radovan Charvát:

„Die Familie war deutschböhmisch, Serners Mutter war eine Tschechin. Sein Vater war ein ziemlich reicher Mann. Er hat hatte sogar eine eigene Druckerei und hat dort die Karlsbader Zeitung herausgegeben. Der Sohn hat in Karlsbad und Kaaden sein Abitur gemacht, dann ging er nach Wien und wollte Rechtsanwalt werden. Er studierte also in der Hauptstadt, sein Staatsexamen legte er aber in Berlin ab. Dann kam der Erste Weltkrieg. Serner hatte zwar Kontakte in Wien, als junger Mann bewunderte ganz besonders Karl Kraus, schließlich flüchtete er aber als einer der ersten Intellektuelle aus Deutschland, Österreich und Mitteleuropa in die Schweiz.“

Das Entkommen war ein Muss. Und Serner half anderen bei der Flucht in das neutrale Land. Mit seinem Doktortitel gab sich Serner als Doktor der Medizin aus und verfasste für einen aus der Armee desertierten Freund ein ärztliches Gutachten. Damit verhalf er ihm zur Flucht. Um selbst einer Verhaftung in Berlin zu entgehen, ließ er sich in Zürich nieder.

„Schon damals konnte man sehen, dass Serner ein abenteuerlicher Charakter war.“

Bereits 1915 erschien in Zürich die erste Ausgabe der von Serner gegründeten Zeitschrift für Literatur und Kunst namens „Sirius“. 1917 schloss er sich dem Kreis der Züricher Dadaisten um Tristan Tzara und Francis Picabia an. Er beteiligte sich am Programm des Kabaretts Voltaire und wurde neben Tzara zum wichtigsten Theoretiker, Propagandisten und Organisator des Dadaismus.

Illustrationsfoto: Simon Howden, FreeDigitalPhotos.net
„Serner schrieb zu Beginn des Jahres 1918 in Lugano sein bekanntes Dada-Manifest ‚Letzte Lockerung‘. Damals war der Erste Weltkrieg für Europa im Allgemeinen, aber auch für die einzelnen Menschen einfach eine totale Katastrophe. Alle Werte waren auf den Kopf gestellt. Auch jene, die nicht an der Front dienten, waren alle erschüttert. Und daher kam diese Idee auf, alles in Frage stellen zu müssen und an nichts mehr zu glauben. Serner war sehr radikal und hat in seinem Dada-Manifest einfach versucht, einen Weg zu finden, um sich als Mensch irgendwie noch behaupten zu können.“

Die „Letzte Lockerung“ ist sowohl ein literarisches als auch ein programmatisches Werk, unterstreicht der Übersetzer.

Tristan Tzara (Foto:  Alvaro Tapia, CC BY-NC-ND 2.0)
„Es hat etwa achtzig so genannte Grade, also achtzig Paragraphen. Sie werden Grade genannt, weil sich beim Lesen die Temperatur erhöhen soll. Der Text ist sehr programmatisch und in sich geschlossen. Man kann ihn beim ersten Lesen nicht einfach verstehen, es bestehen viele intertextuelle Zusammenhänge, zum Beispiel viele Andeutungen auf Personen der damaligen Zeit. Aber der Text hat auch seinen eigenen literarischen Wert, das muss man schon sagen. Insbesondere liegt aber der Wert dieses Textes darin, dass er als Programm der Dada-Bewegung gilt.“

Der Verdacht besteht sogar, dass Tristan Tzara bei Serner abgeschrieben haben könnte. In seinem Manifest, das später entstand und berühmter wurde, taucht vieles aus der „Letzten Lockerung“ wieder auf.

„Bei der Lektüre der ersten zehn bis fünfzehn Grade hat man das Gefühl, dass man überhaupt nichts versteht. Aber so langsam, beim zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Grad werden die Sätze verständlicher, sie sind auch literarisch auf einem höheren Niveau, und man erkennt dahinter einen Gedanken. Und am Ende, nachdem man den Text dreimal oder viermal gelesen hat, wird einem klar, dass er kein Unsinn enthält, dass dies nur der erste Eindruck ist. Irgendwie hat aber alles dort einen Sinn. Und deswegen sprechen wir auch heute, hundert Jahre nach der Entstehung darüber.“

Dadaismus oder Dada war eine künstlerische und literarische Bewegung, die sich durch Ablehnung „konventioneller“ Kunst oder Kunstformen und bürgerlicher Werte ausgezeichnet hat. Der Begriff Dada steht im Sinne der Künstler für den totalen Zweifel an allem, den absoluten Individualismus und die Zerstörung von gefestigten Idealen und Normen.1920 kam es zu einem Streit unter den Dadaisten.

„Serner sagte, Tzara, Picabia und andere hätten die Dada-Bewegung als eine Sicherheit betrachtet, was der ursprünglichen Idee widerspreche. Diese nannten Serner wiederum einen größenwahnsinnigen Außenseiter. Der Streit führte zur Trennung. Serner fand nicht mehr Zugang zu diesem Kreis, und es hat ihn auch nicht mehr interessiert. Er versuchte zu schreiben, aber ‚Die Tigerin‘ oder ‚Zum blauen Affen‘ und andere Sachen sind nicht so überzeugend. Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich ein guter Schriftsteller war.“

Christian Schad
1927 überarbeitete Serner sein Manifest noch einmal. Danach zog er sich ins Privatleben zurück:

„Nach 1927 hat er nichts mehr geschrieben. Er meinte, man müsse mit dem Schreiben Schluss machen, weil dies eine Fälschung sei. Wenn man menschliche Schicksale und Figuren in der Literatur gestalte, sei dies eine Fälschung.“

Über Serners Schicksal nach 1927 ist nur wenig bekannt. Es gibt keine Aufschlüsse darüber, wovon er in den 1930er Jahren gelebt hat. Das einzige, wir über ihn aus dieser Zeit wissen, steht im Buch ‚Reale Realitäten‘ von Christian Schad. Er war ein weltbekannter Maler der Neuen Sachlichkeit und ein lebenslanger Freund von Serner.

Shanghai
„Er schrieb über ihn zum Beispiel, dass er in den 1930er Jahren überall in Europa zu finden war, in Italien, dann wiederum in Barcelona, in Berlin, in Wien. Es scheint mir irgendwie so, als sei er immer auf der Flucht gewesen. Aber wovon er gelebt hat, weiß keiner. Es gibt Berichte, die Serner teils sicher selbst erstellt hat - zum Beispiel darüber, dass er in Argentinien einen Puff betreibe oder dass er in Shanghai mit Heroin handle. Das sind aber natürlich größtenteils nur erfundene Geschichten, der Mann war aber von solchen Sagen umwoben. Auf der anderen Seite muss er sich in der kriminellen Unterwelt ausgekannt haben. Er schrieb kurze Geschichten, in denen es von Begriffen aus diesem Milieu nur so wimmelte. Genaues ist aber nicht bekannt.“

V Kolkovně (Foto: Google Street View)
Serner heiratete 1938 seine aus Berlin stammende langjährige Freundin Dorotea Herz und lebte mit ihr in Prag. Bekannt sind zwei Adressen in der Altstadt, an denen sie gewohnt haben, und zwar in Revoluční und in V Kolkovně. Ab 1939 betrieb er mehrere Versuche, nach Shanghai auszuwandern, doch vergeblich.

„Serners Ende war sehr traurig. Er konnte letztlich nicht dem Transport ins KZ entkommen. Er und seine Frau wurden im Jahr 1942 nach Theresienstadt und zehn Tage später mit einem weiteren Transport nach Riga gebracht. Sie sind im Vernichtungslager Salaspils bei Riga ums Leben gekommen.“

„Dem Kosmos einen Tritt! Vive Dada!“ So lautet der 78. und letzte Grad des Dada-Manifests von Walter Serner. Die tschechische Übersetzung der „Letzten Lockerung“, beziehungsweise der Versuch einer Übersetzung, wie Radovan Charvát selbst betont, erscheint in diesen Tagen als Privatdruck in Prag.