XIX. Olympischen Winterspiele in Salt Lake City

Olympische Vorbereitungen, Foto:CTK

Von Lothar Martin.

Olympische Vorbereitungen, Foto:CTK
Das erste große Sportereignis des Jahres steht unmittelbar vor der Tür - die XIX. Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, die uns ab Freitagnacht für 17 Tage in unseren Bann ziehen werden. Nahezu 3000 Sportler werden um die begehrten Medaillen in den Ski-, Rodel- und Eissportdisziplinen kämpfen, darunter auch 78 Olympioniken aus der Tschechischen Republik. Doch ihre Zahl wird leider noch von den Polizei- und Sicherheitskräften übertroffen, die für einen sicheren und friedlichen Ablauf der Spiele sorgen sollen, was nach den schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September des vergangenen Jahres keinesfalls mehr als eine Selbstverständlichkeit gilt. 3000 FBI-Agenten in Zivil sowie rund 10.000 Soldaten und Polizisten sollen ähnliche Gefahren verhindern. Wir aber wollen uns vielmehr mit den sportlichen Belangen auseinandersetzen. Und dabei wenden wir uns der tschechischen Olympiavertretung zu, die wir Ihnen - nebst ihren Medaillenchancen - in den nächsten Minuten etwas näher vorstellen möchten.


Die 78 Athleten umfassende Olympiamannschaft ist die zahlenmäßig stärkste in der noch jungen Geschichte der selbständigen Tschechischen Republik. Lediglich die bis dato letzte gemeinsame Vertretung der Tschechen und Slowaken von Albertville 1992 hatte noch mehr Sportler in ihren Reihen. Die tschechische Equipe von Salt Lake City geht bis auf Curling und Snowboarding in allen Wintersportarten an den Start. In den meisten Disziplinen werden die tschechischen Aktiven das Teilnehmerfeld bereichern, ohne ernsthafte Aussichten auf einen der vorderen Plätze oder gar die Medaillenränge zu haben. Doch ganz ohne Medaillenchancen sind die Repräsentanten aus dem "Herzland Europas" keineswegs. Auf wen dabei die größten Hoffnungen ruhen, dazu sagte der Sportdirektor des Tschechischen Olympischen Komitees (COV) und zugleich stellvertretende Chef der tschechischen Olympiamission Jan Hrdina:

Empfang der tschechischen Equipe, Foto:CTK
"Selbstverständlich kennen unsere Sportfans die Medaillenchancen sehr gut. Unser Eishockeyteam ist in den letzten Jahren eines der berühmtesten, das wir je hatten, würde ich sagen. Denn dreimal hintereinander gewann es die Weltmeisterschaft. Und vor allem die Erinnerung an Nagano ist noch frisch im Gedächtnis, auch wenn das schon wieder vier Jahre her ist. Der Olympiasieg von 1998 war jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis für viele Fans, auch auf der ganzen Welt, und möglicherweise auch eine Überraschung. Wir werden versuchen, diese Überraschung zu wiederholen, auch wenn wir wissen, dass dieses Vorhaben sehr schwierig ist.

Zu den weiteren Medaillenchancen möchte ich sagen: Einiges spricht für Ales Valenta, unseren Skiakrobaten, und natürlich für Katerina Neumannová, unsere Skilangläuferin. Katerina wird zumindest auf drei Einzelstrecken und vielleicht auch noch in der Staffel laufen. Sie hat gute Chancen auf den kurzen Distanzen und natürlich insbesondere auf der Sprintstrecke, vor allem wenn ihre Bedingungen vorherrschen. Sie läuft gern auf einem harten, festen Untergrund. Aber selbstverständlich erwarten wir auch gute Platzierungen von all unseren anderen Sportlern. Unsere Hoffnungen gehen dahin, dass sich ihre Resultate im Bereich ihrer persönlichen Bestleistungen bewegen werden."

Ales Valenta
Die Aussage von COV-Sportdirektor Hrdina verdeutlicht, dass die tschechische Vertretung bis auf Ales Valenta wieder auf die gleichen "Eisen" setzt, die bereits im Olympiafeuer von Nagano zu Medaillenträgern geschmiedet wurden: die "goldenen" Eishockeycracks und Langläuferin Katerina Neumannová, die vor vier Jahren je einmal Silber und Bronze gewann. Sowohl das Eishockey als auch der Skilanglauf sind zwei Eckpfeiler der tschechischen Medaillenausbeute, die bei Winterolympiaden bisher bei 28 Plaketten liegt - drei goldenen, neun silbernen und 16 bronzenen. Seit 1992 jedoch weggebrochen sind die beiden anderen Stützsäulen der tschechischen Erfolgsbilanz: Skispringen und Eiskunstlauf. In diesen beiden Sportarten eroberten ein Tscheche und ein Slowake auch die beiden anderen der bisherigen drei Olympiasiege: der heute 61-jährige Jirí Raska, der 1968 in Grenoble die Skisprungkonkurrenz von der 90-m-Schanze gewann, und der leider schon verstorbene Ondrej Nepela, der 1972 im Eiskunstlauf-Wettbewerb der Herren dominierte. Allem fachlichen Ermessen nach werden die Skispringer und Eiskunstläufer auch in Salt Lake City nicht an die vergangenen Erfolge anknüpfen können.


Alle tschechischen Medaillenhoffnungen liegen also auf Katerina Neumannová, Ales Valenta und die Eishockeyspieler. Besonders die Skilangläuferin hegt große Ambitionen. In den letzten zwei Jahren von Verletzungen und anderen gesundheitlichen Rückschlägen geplagt, läuft es für die fast 29-jährige in dieser Saison so gut wie lange nicht. In den bisherigen Weltcuprennen ging sie dreimal als Siegerin und zweimal als Zweitplatzierte hervor, wodurch sie als Weltcup-Führende in Salt Lake City an den Start geht. Aber gerade auf die Olympischen Spiele ist ihre ganze Vorbereitung und Konzentration ausgerichtet, wie sie nach einem ihrer Weltcupsiege verriet:

Katerina Neumannova, Foto:CTK
"Ich möchte den heutigen Sieg nicht überbewerten, denn im Sprint ist auch immer etwas Glück dabei. Es liegt insbesondere in der Geschicklichkeit und in der Hoffnung, möglichen Kollisionen aus dem Wege zu gehen, die auf der Strecke passieren können. Deshalb sehe ich meine Weltcupsiege nicht als vordergründig an, sondern ich würde sie lieber gegen einen Erfolg bei den Olympischen Spielen eintauschen."

Ihren rauschenden Erfolg von Nagano wiederholen möchten allzu gern auch die Eishockeyspieler. Ihr 1:0-Finalsieg über Russland beim bislang bestbesetzten olympischen Turnier der Eishockeygeschichte hatte im Land zwischen Erzgebirge und Beskiden eine Eruption der Begeisterung und des Nationalstolzes ausgelöst. Seitdem werden die besten Cracks des Landes bejubelt und vergöttert wie Popikonen. Von der starken ausländischen Konkurrenz aber werden sie Jahr für Jahr immer mehr gejagt. Keiner hat es seitdem geschafft, die Hasek, Jágr, Reichel und Co. vom Thron zu stoßen. Doch im amerikanischen Bundesstaat Utah wollen vor allem Gastgeber USA und Erzrivale Kanada das Ende der tschechischen Ära besiegeln und sich selbst mit Ruhm und Gold schmücken. Beide nordamerikanischen Teams und die russische Auswahl hat auch der Torwart von Liga-Spitzenreiter Sparta Prag, Petr Bríza, ganz oben auf seiner Rechnung. Worin er jedoch die Chancen für die tschechische Mannschaft sieht, in Salt Lake City die Eishockeywelt erneut zu verblüffen, dazu sagte er gegenüber Radio Prag: Die Entscheidungen über Sieg oder Niederlage, über Top oder Flop im olympischen Kräftemessen, werden in den nächsten 16 Tagen gefällt. Das bedeutet, dass wir schon in unserer Sendung in zwei Wochen auf das eine oder andere Highlight der Spiele zurückblicken können. Vielleicht, so hoffen zumindest alle Sportfans hierzulande, ist bis dahin auch schon ein tschechisches dabei.