Zwei Wochen im Licht: Egon Schieles „Sitzende Frau“ verlässt den Prager Tresor

„Sitzende Frau mit hochgezogenem Knie“ (Edith, 1917)

Anlässlich ihres 230. Gründungstags lädt die Nationalgalerie Prag diesen Herbst zu einem besonderen Kulturprogramm. Neben einer Reihe künstlerischer Interventionen in den Dauerausstellungen wird ein echtes Glanzstück nur für zwei Wochen aus dem Depot geholt: Egon Schieles ikonische Zeichnung „Sitzende Frau mit hochgezogenem Knie“. Sie erfahren, wer ihm hierfür Modell stand, wie Schieles Werke ihren Weg nach Prag fanden und was den Künstler mit Böhmen verband.

Egon Schiele gilt als herausragender Vertreter der Wiener Moderne und zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. In den Sammlungen der Nationalgalerie Prag (NGP) ist er mit einem außergewöhnlichen Konvolut von sieben Werken vertreten: drei Gemälden und vier Zeichnungen. Anlässlich ihres 230. Gründungsjubiläums zeigt die Galerie dieser Tage das bekannteste davon, das sonst zum Schutz vor Tageslicht für Besucher verborgen bleibt: Die „Sitzende Frau mit hochgezogenem Knie“.

„Sitzende Frau mit hochgezogenem Knie“  (Edith,  1917) | Foto: Jakub Přecechtěl,  Nationalgalerie Prag

Maler von Frauenakten

Schiele hat die Figur in einen leeren Raum eingebettet, wodurch die gesamte Aufmerksamkeit auf die intime und verletzliche Haltung des Modells gelenkt wird. Aus einer leichten Vogelperspektive dominiert das stark angewinkelte linke Knie den Vordergrund. Das Zusammenspiel aus dem rötlich-braunen Haar, der lebhaft grünen Bluse, dem weißen Unterhemd und den dunklen Strümpfen erzeugt dabei kraftvolle farbliche Kontraste. Die Kunsthistorikerin Petra Kolářová von der Nationalgalerie Prag erläutert die Hintergründe dieses Kultwerkes:

Petra Kolářová | Foto: Nationalgalerie Prag

„Egon Schiele war insbesondere für seine weiblichen Aktdarstellungen bekannt. Diese Zeichnung gehört in diesen Kontext, obwohl das Modell bekleidet ist. Die Frau nimmt zwar eine durchaus provokante Pose ein, wird von Schiele jedoch im Unterrock festgehalten.“

Das Bildnis weise eine grundlegende Charakteristik von Schieles künstlerischem Ausdruck auf, fährt die Kuratorin fort:

„Er baute die Körper mit einer scharfen, schwarzen Kontur auf und verwendete zudem Gouachefarben, die die plastische Modellierung des Werkes perfekt hervorheben.“

Doch wer ist eigentlich diese Frau, die auf der Zeichnung dargestellt ist?

„Es handelt sich um seine Ehefrau Edith Harms. Wir sehen hier deutlich die intime Beziehung, die er zu ihr hatte. Das Paar hatte 1915 geheiratet, und diese Zeichnung entstand zwei Jahre später, im Jahr 1917.“

„Sedící žena se zdviženým kolenem“  (Egon Schiele,  1917) | Foto: Nationalgalerie Prag

Böhmische Wurzeln und die Hochzeitsreise nach Prag

Egon Schiele | Foto: Harald Salfellner,  „Die Spanische Grippe“ / Vitalis

Im Zusammenhang mit Schieles Leben und Schaffen werden häufig seine tiefen böhmischen Wurzeln hervorgehoben: Seine Mutter Marie, geborene Soukupová, stammte aus Český Krumlov / Krumau, und auch sein Onkel sowie Vormund Leopold Czihaczek war tschechischer Herkunft. Bereits 1910 suchte Schiele in Krumau Zuflucht vor der Wiener Hektik; ein Jahr später bezog er dort sein Atelier in einem Gartenhaus. Obwohl dieser Aufenthalt nach Protesten der Einwohner wegen seines unkonventionellen Lebensstils in einen Skandal mündete, kehrte der Künstler in den Jahren 1913, 1914 und 1917 immer wieder für Kurzaufenthalte in die Stadt zurück. In dieser Zeit entstand ein umfangreiches, weltberühmtes Konvolut an Gemälden und Zeichnungen, die die verschachtelten Häuseransammlungen der Krumauer Innenstadt in Schieles unverwechselbarer Bildsprache festhalten.

Panna  (Gustav Klimt,  1913) | Foto: Nationalgalerie Prag

Krumau war aber nicht die einzige Stadt in Böhmen, in der sich der Künstler aufhielt. Die Kuratorin Petra Kolářová beleuchtet im Folgenden dessen Kontakte mit der Hauptstadt Böhmens:

„Egon Schiele heiratete Edith Harms am 17. Juni 1915, und unmittelbar danach brachen beide zu ihrer Hochzeitsreise nach Prag auf. Einblick in diese Reise gewährt uns das Tagebuch, das Edith damals führte. Darin beschreibt sie, wie sie durch Prag spazierten, im Hotel Paris übernachteten und auch die Moderne Galerie besuchten, wo sie die Gemälde von Gustav Klimt bewunderten.“

Das war am Samstag, den 19. Juni 1915. Über den letzten gemeinsamen Tag notierte Edith in ihrem Tagebuch: „Vormittag Besuch des National Museum / Nachmittag zu hause 3h. S. / Spaziergang durch Alt Prag – Abends Kino.“ Am Montag, den 21. Juni musste ihr Ehemann in der Moldaumetropole seinen Militärdienst antreten.

Genau drei Jahre später kehrte Egon Schiele als Organisator einer Ausstellung nach Prag zurück. Unter dem Titel „Jung-Wien: Österreichische Graphik“ präsentierte die Schau über 150 Werke von mehr als 20 Künstlern, darunter Anton Faistauer, Hans Böhler, Robin Christian Andersen, Albert Paris Gütersloh und Broncia Koller‑Pinell. Während in Europa die letzten Schlachten des Ersten Weltkriegs tobten, erlebte Schiele einen Moment des privaten und beruflichen Glücks: Er selbst war in Prag mit 24 Werken vertreten – der höchsten Anzahl aller beteiligten Künstler –, und seine Frau Edith war im zweiten Monat schwanger.

Mrtvé město  (Egon Schiele,  1911) | Foto: Nationalgalerie Prag

Egon und Edith

Sedící akt  (Egon Schiele,  1917) | Foto: Nationalgalerie Prag

Doch nur vier Monate später hatte sich alles radikal verändert. Der Erste Weltkrieg endete mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie, und am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik ausgerufen. Am selben Tag erlag die schwangere Edith in Wien der verheerenden Spanischen Grippe; Egon Schiele starb nur drei Tage später. Auf symbolische Weise jedoch sollten beide zwölf Jahre später noch einmal nach Prag zurückkehren.

„Dies geschah dank des Ankaufs ihrer Porträts durch die deutsche Sektion der Modernen Galerie im Jahr 1930. Damals erwarb die Galerie neben der Zeichnung von Edith auch ein Selbstbildnis von Egon Schiele, zwei weitere Aktzeichnungen sowie das bedeutende Gemälde ‚Mutter und Tod‘. Diese Werke gehörten zunächst zum Bestand der Modernen Galerie, die 1942 mit der Gemäldegalerie der Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde vereinigt wurde – woraus schließlich 1945 die heutige Nationalgalerie hervorging.“

Dopis firmy Würthle & Sohn Moderní galerii,  12. 4. 1930 | Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag

Dank dieses Ankaufs lässt sich heute auch die Identität der porträtierten Frau eindeutig bestätigen. Damit wird die Hypothese mancher Kunsthistoriker widerlegt, es habe sich bei dem Modell um Schieles Schwägerin Adele gehandelt:

„Die Moderne Galerie erwarb diese Werke damals von der renommierten Wiener Kunsthandlung Würthle & Sohn. Wir haben im Archiv der Nationalgalerie die Originaldokumente dieses Ankaufs entdeckt, in denen das Werk explizit als ‚Gattin von Egon Schiele‘ beschrieben ist.“

Es handelt sich also zweifellos um Edith – jene Frau, die von den heutigen Galeriemitarbeitern in Prag liebevoll „Editka“ genannt wird.

Wie Schieles Meisterwerke nach Prag kamen

Ležící akt  (Egon Schiele,  1917) | Foto: Nationalgalerie Prag

Die Ankaufspolitik der beiden Abteilungen der Modernen Galerie folgte einer klaren strategischen Ausrichtung: Die tschechische Sektion konzentrierte sich primär auf den Aufbau einer Sammlung tschechischer Kunst des 19. Jahrhunderts – vertreten durch Meister wie Josef Navrátil, Josef Mánes oder Antonín Chittussi. Die tschechische Moderne und zeitgenössische Kunst wurde zeitgleich durch Schlüsselwerke von Antonín Slavíček, Jan Preisler oder Max Švabinský im Bestand verankert. Die deutsche Sektion hingegen widmete sich zunächst dem Schaffen deutschsprachiger Künstler, die auf dem Territorium von Böhmen und Mähren geboren wurden, darunter Emil Orlik, August Brömse oder Alfred Kubin. Gleichzeitig realisierte sie jedoch auch höchst ambitionierte Ankäufe der internationalen Avantgarde. Diesem Anliegen ist es zu verdanken, dass die Nationalgalerie Prag heute auch weltberühmte Meisterwerke von Edvard Munch, Max Oppenheimer, Lovis Corinth oder Max Liebermann zu ihren Sammlungen zählen darf.

Matka a smrt  (Egon Schiele,  1911) | Foto: Nationalgalerie Prag

Das Gemälde von Egon Schiele „Mutter und Tod“ ist ein dauerhafter Bestandteil der Ausstellung „1796–1918: Kunst des langen Jahrhunderts“, zusammen mit zwei kleineren Gemälden Schieles: „Stillleben mit Blumen“ und „Tote Stadt (Krumau)“. Auch der Weg dieser Werke in die Prager Sammlungen ist interessant. Die Galerie erhielt sie im Jahr 1964 aus dem Nachlass des tschechischen Bildhauers Jan Štursa. Dieser hatte die Bilder von Arthur Roessler bekommen, einem bedeutenden Wiener Kunstkritiker und Freund Schieles, der Štursas Schaffen verfolgte und Artikel darüber in deutschen Kunstzeitschriften veröffentlichte. Aus der Korrespondenz zwischen dem Bildhauer und dem Kritiker geht hervor, dass Štursa und Schiele Anfang 1912 über Roessler ihre Werke austauschten: Schiele schickte Štursa die beiden kleinen Ölgemälde „Stillleben mit Blumen“ und „Tote Stadt“, während in die entgegengesetzte Richtung eine Plastik von Štursa ging – um welches konkrete Werk es sich handelte, ist jedoch nicht bekannt.

Zátiší s květinami  (Egon Schiele,  1911) | Foto: Nationalgalerie Prag

Nur wenige Tage im Licht der Öffentlichkeit

Auch die Zeichnung der „Sitzenden Frau mit hochgezogenem Knie“ ist fester Bestandteil der Prager Sammlungen. Dennoch bietet sich dem Publikum nur höchst selten die Gelegenheit, das Original mit eigenen Augen zu betrachten. Denn dieses und andere empfindliche Papierarbeiten dürfen keinesfalls langfristig dem Tageslicht ausgesetzt sein, wie die Kuratorin Petra Kolářová betont:

Petra Kolářová | Foto: SVH PK

„Denn durch das Licht verblassen die Farben, und das Papier wird brüchig und vergilbt. Daher bleiben diese Werke Schieles den Besuchern die meiste Zeit verborgen und werden nur zu außergewöhnlichen Anlässen gezeigt. Zuletzt wurde dieses Werk im Leopold-Museum in Wien im Frühling vergangenen Jahres im Rahmen einer Ausstellung ausgestellt, die den späten Jahren von Egon Schiele gewidmet war. Es war das Aushängeschild der gesamten Ausstellung.“

Die nächste Möglichkeit, Edith in die Augen zu schauen, bietet sich also genau jetzt in Prag. Dieses seltene Zeitfenster öffnet sich allerdings nur bis zum 11. Oktober. Direkt im Anschluss soll eine weitere berühmte Papierarbeit aus dem Depot der Nationalgalerie Prag sie ablösen: Egon Schieles Selbstbildnis, bekannt als „Sitzender Mann mit Zinnobermantel“, wird vom 13. bis 25. Oktober dem Publikum gezeigt.

Vlastní podobizna  (Egon Schiele,  1914) | Foto: Nationalgalerie Prag

Edith wird anlässlich der Feierlichkeiten zum 230. Jubiläum der Nationalgalerie Prag zudem eine ganz besondere Ehre zuteil: Sie ist, neben weiteren ausgewählten Kunstwerken aus den Sammlungen der Galerie, das Motiv einer exklusiven Sonderausgabe von acht Briefmarken. Diese Sammlerstücke werden in den Galerie-Shops sowohl einzeln als auch im kompletten Jubiläumsbogen erhältlich sein.

Die Nationalgalerie Prag feiert ihr 230. Jubiläum mit einer Reihe von künstlerischen und architektonischen Interventionen. Diese temporär installierten Projekte lassen die Geschichte der Institution lebendig werden und beleuchten gleichzeitig die Transformationen des Messepalasts selbst, in dem die Galerie ihren Sitz hat. Zum Jubiläumsprogramm gehört ebenfalls die Ausstellung „Zbyněk Sekal – Die blaue Blume“ im Grafikkabinett. Sie zeigt das zeichnerische Schaffen des renommierten Bildhauers Zbyněk Sekal – von seinen frühen figurativen Studien bis zu den Werken, die während seines Exils in Wien entstanden. Auch darüber werden wir in Kürze berichten.

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