Die Blaue Blume in der Nationalgalerie Prag: Aus dem Wiener Nachlass von Zbyněk Sekal
Zbyněk Sekal war ein bedeutender tschechischer Künstler des 20. Jahrhunderts. Seit 1970 lebte er in Wien. Obwohl er vor allem als Bildhauer bekannt ist, fertigte er sein Leben lang auch Zeichnungen an. Diese stehen im Fokus einer Ausstellung in der Nationalgalerie Prag (NGP).
Eine kleine Skulptur namens „Die Figur Blaue Blume“ aus dem Jahr 1957 lädt am Eingang ein, das Graphik-Kabinett zu betreten. Dort sieht man ausschließlich Arbeiten auf Papier. Die Kunsthistorikerin Petra Kolářová von der Nationalgalerie Prag erläutert das Konzept der Ausstellung:
„Die Blaue Blume ist eine Art Leitmotiv im Werk von Zbyněk Sekal und erinnert an einen Roman des romantischen Dichters Novalis. Bei diesem symbolisiert die Blaue Blume die Suche nach einem unerreichbaren Ideal – im Grunde die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens und die Suche nach dem Absoluten. Auch bei Zbyněk Sekal finden wir ein ähnliches Thema: In seinen Zeichnungen wie auch in seinen Skulpturen greift der das Thema der menschlichen Existenz und ihrem Sinn auf.“
Das Kabinett ist chronologisch konzipiert und präsentiert einen Querschnitt durch das zeichnerische Schaffen von Zbyněk Sekal – von seinen frühen Figuren bis hin zu einer abstrakten beziehungsweise figurativ-abstrakten Phase.
„Die Zeichnungen sind erst vor Kurzem in die Nationalgalerie gelangt. Es handelt sich um eine Schenkung der Witwe des Künstlers, Christine Sekal. Sie hat uns im Jahr 2024 eine riesige Sammlung von über eintausend Zeichnungen sowie ein großes Konvolut an Grafiken und Gemälden gespendet.“
Vom Trauma der Vergangenheit zum Selbstporträt
Sekal wurde 1923 geboren und gehört zu den Künstlern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Szene traten. Sein Schaffen wurde durch eine einschneidende Lebenserfahrung grundlegend geprägt:
„In den 1940er Jahren wurde er wegen seiner Aktivitäten in einer illegalen Jugendgruppe verhaftet, verurteilt und in ein Konzentrationslager gebracht. Er überlebte und kehrte nach der Befreiung im Jahr 1945 zurück. Dies war selbstverständlich eine zutiefst prägende Erfahrung, die er in seinem Werk sehr häufig reflektiert.“
Dies passiert einerseits durch konkrete Motive wie in einer Zeichnung eines Erhängten. Gleichzeitig tauche in dieser Zeit ein sehr starkes Thema bei Sekal auf, wie die Expertin betont:
„Es ist das Selbstporträt. Darin fragt er sich selbst, wer er nach dieser schweren, traumatischen Erfahrung, die er durchlebt hat, eigentlich ist.“
Das Selbstporträt blieb auch in der surrealistischen Phase von Sekals Schaffen in den 1950er Jahren präsent. Zu dieser Zeit tauchten vermehrt Darstellungen menschlicher Gesichter auf, bei denen es sich jedoch nicht um klassische Porträts, sondern vielmehr um das Sichtbarmachen innerer Zustände handelt.
In den 1960er Jahren trat das Zeichnen zugunsten der Druckgrafik in den Hintergrund. Parallel dazu entwickelte sich bei Sekal ein bildhauerisches Schaffen: Taucht eine Figur auf Papier auf, manifestiert sie sich zeitgleich in seinen Skulpturen.
Der Wendepunkt im Exil und das Spiel mit der Natur
Ein entscheidender Wendepunkt folgte im Jahr 1969, als Sekal zunächst nach West-Berlin emigrierte. Bereits 1970 ließ er sich dann in Wien nieder, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1998 lebte und wirkte.
„Die Frage nach der existenziellen Situation und der Ausdruck eines existenziellen Gefühls spiegeln sich auch in jenen Zeichnungen wider, die sich an der Grenze zwischen Figuration und Abstraktion bewegen. Hier lassen sich Ansätze menschlicher oder biomorpher, natürlicher Formen erahnen – bis hin zu Strukturen, die an Insekten erinnern. Ganz ähnliche Motive finden wir auch in seinem damaligen bildhauerischen Schaffen wieder.“
Und genau in dieser Phase entstand die Zeichnung „Die Blaue Blume“, die namensgebend als Leitmotiv der gesamten Schau dient.
Der letzte Teil des Kabinetts zeigt schließlich Zeichnungen aus den 1980er Jahren. Petra Kolářová verweist auf eine interessante Technik, die Sekal verwendete:
„Er überließ die Pflanzen, platziert auf einem Papier, dem natürlichen Zerfall, wodurch die Pflanzensäfte in das Papier einzogen und Spuren von Schimmelpilzen hinterließen. Im Grunde setzte er das Papier der Natur aus, damit diese darauf agieren konnte. So hielt er organische Prozesse wie das Verrotten fest. Anschließend arbeitete Sekal die so entstandenen Strukturen zeichnerisch weiter aus.“
Die Ausstellung „Zbyněk Sekal – Modrý květ“ ist im Messepalast im Prager Stadtteil Holešovice zu sehen. Sie dauert bis zum 31. Januar 2027.







