Geöffnet seit 230 Jahren: Nationalgalerie Prag feiert Gründungstag
Der 5. Februar 1796 gilt als Geburtsdatum der Nationalgalerie Prag. An jenem Tag wurde die „Privatgesellschaft patriotischer Kunstfreunde“ gegründet, die am Anfang der Institution steht. Kurz darauf wurde mit dem Aufbau einer Gemäldegalerie begonnen. Woher kamen die ersten Kunstwerke? Wie hat sich die Sammlung weiter entwickelt? Und wer waren die wichtigsten Mäzene der Galerie?
Die „Privatgesellschaft patriotischer Kunstfreunde“ wurde von Angehörigen des patriotisch gesinnten böhmischen Adels gegründet, darunter etwa Vertreter der Häuser Kolowrat, Sternberg und Nostitz, sowie von Angehörigen des aufgeklärten Bürgertums. Im Sinne der Ideen der Aufklärung setzte sich der Verein das Ziel, eine öffentlich zugängliche Gemäldegalerie zu errichten. Man wollte dem Ausverkauf von Kunstsammlungen in den böhmischen Ländern entgegenwirken, der im 18. Jahrhundert stattgefunden hatte. Olga Kotková leitet heute die Sammlung Alte Meister in der Nationalgalerie Prag. Während einer Führung durch die ständige Ausstellung im Palais Sternberg auf dem Hradschin erläuterte sie die Umstände der Gründung:
„Im Unterschied zu großen Museen, die etwa von Herrschern gestiftet wurden, um zu beeindrucken, war die Motivation in diesem Fall von Anfang an, die Werke in den Böhmischen Ländern zu retten. Die Galerie wurde 1796 gegründet, weil die Kunstdenkmäler hierzulande praktisch verschwunden waren. Die Vereinsmitglieder waren patriotisch orientiert, wobei aber kennzeichnend war, dass die meisten von ihnen überhaupt kein Tschechisch sprachen. Ihr Patriotismus wurde geografisch definiert.“
„Privatgesellschaft patriotischer Kunstfreunde“ rettet Kunstwerke in Böhmen
Die erste Residenz der Gemäldegalerie befand sich im Palais Czernin. Die Sammlungen waren für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich und wurden von einem Verwalter betreut. Im April 1809 musste die Gemäldegalerie einem Lazarett weichen. Die „Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde“ plante zunächst den Bau eines neuen Gebäudes am Moldau-Ufer. Letztlich nutzte sie jedoch ein günstiges Angebot von Graf Leopold Sternberg und erwarb dessen Palast auf dem Hradschin. Nach den notwendigen baulichen Veränderungen wurde die Gemäldegalerie dort 1814 eröffnet.
Gemäß den Statuten durfte die Gemäldegalerie keine einzelnen Werke besitzen. Aus den Beiträgen der Mitglieder wurde ein Fonds geschaffen, mit dem die Gesellschaft Gemäldekäufe finanzierte. Nach dem Ankauf ersteigerten die einzelnen Mitglieder diese Werke auf einer jährlich stattfindenden Auktion und verpflichteten sich im Gegenzug, sie der Gemäldegalerie für zehn Jahre als Leihgabe zur Verfügung zu stellen.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde dann allmählich eine eigene Sammlung angelegt. Von großer Bedeutung war eine umfangreiche Schenkung von dem aus Nordböhmen stammenden und in Wien tätigen Arzt Josef Hoser. Die Kunsthistorikerin Martina Jandlová von der Nationalgalerie fährt fort:
„Als Josef Hoser 1843 der Nationalgalerie seine Sammlung überließ, schrieb er in der Schenkungsurkunde, dass er sich aus reinem Patriotismus von seiner Sammlung trenne, die er 40 Jahre lang zusammengetragen hatte. Er war überzeugt, dass die Kunst dem Volk gehöre. Er verwendete sogar den Begriff ‚Nationalgalerie‘.“
Arzt Josef Hoser schenkt 300 Bilder
Hoser war ein hochgebildeter Mann mit einem weiten Horizont. Er verfasste Fachbücher über Geographie und Naturgeschichte, veröffentlichte rund 50 Drucke, und seine größte Leidenschaft galt der bildenden Kunst. Martina Jandlová:
„Wie es seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa üblich war, besaß auch er eine Sammlung, und zwar mit Werken im Kabinettformat und von sogenannten kleineren Meistern: Also mit Gemälden, die erschwinglich waren und sich gut ausstellen ließen, beispielsweise in einer Privatwohnung oder einem Privathaus.“
Hosers Sammlung wurde im zweiten Stockwerk des Palais Sternberg platziert. Die dort untergebrachte Gemäldegalerie bestand in ihren Blütezeiten Anfang des 19. Jahrhunderts aus 800 bis 1000 Kunstwerken. Doch in den 1840er Jahren sank die Zahl der Werke auf rund 300, so dass die rund 300 zusätzliche Bilder von Hoser eine große Hilfe für sie waren. Josef Hoser hatte dort ein großes Privileg: Er durfte selbst bestimmen, wie die Sammlung installiert werden sollte. In seinem Konzept folgte er der Tradition, wie die Kunstwerke zuvor an den Wänden der Adelssitze ausgestellt worden waren.
Die Gemäldegalerie war Jandlová zufolge damals ein kleines Unternehmen mit einem eigenen Kurator, der gleichzeitig auch das Amt des Kontrolleurs ausübte:
„Er kümmerte sich nicht nur um die Installation der Gemälde, sondern auch um Führungen, Heizungen, größere Reparaturen sowie die Identifizierung und Kontrolle der Kunstwerke. Er sorgte dafür, dass nichts Schlimmes passierte: So bat er die Besucher beispielsweise, ihre Mäntel auszuziehen, damit kein Kunstwerk in ihren Taschen landete. Oder er nahm ihnen bei schlechtem Wetter Spazierstöcke, Hüte und Mäntel ab, damit die Galerie nicht feucht wurde.“
Die Galerie hatte im 19. Jahrhundert einige bedeutende Förderer. Einer von ihnen war der Jurist und Rektor der Prager Universität, Jan Nepomuk Kaňka. Olga Kotková erinnert an ihn:
„Ursprünglich wollte Kaňka uns 1866 eine viel größere Sammlung vermachen. Doch seine Frau war dagegen, da sie etwas für ihr Zuhause behalten wollte. Er schenkte der Galerie jedoch eine Sammlung von neunzehn Werken, darunter etwa von Cranach und aus dem Umkreis von Bouts. Jedes Stück war eine Perle.“
Blütezeit in der Zwischenkriegszeit: Staat kauft Kunstwerke an
Nach mehreren Umzügen befand sich die Gemäldegalerie seit 1884 im Rudolfinum und war damit die einzige öffentliche und kostenlose Galerie in Prag. Von 1884 bis 1890 zählte sie über 200.000 Besucher. In der Zwischenkriegszeit zog das tschechische Parlament ins Rudolfinum, und die Gemäldegalerie wurde Anfang der 1930er Jahre in die Zentralbibliothek der Stadt Prag verlegt. Kotková hebt die Periode der ersten Tschechoslowakischen Republik unter dem Direktor Vincenc Kramář als die Blütezeit der Galerie hervor. Nach 1931 sei es Kramář gelungen, das Vermögen der „Gemäldegalerie Patriotischer Kunstfreunde“ schrittweise an den Staat zu übertragen. 1936 wurde ein Gesetz verabschiedet, mit dem Mittel für weitere Ankäufe bereitgestellt wurden. Der Staat überwies der Galerie jährlich eine Million Kronen für die Erweiterung der staatlichen Sammlung alter Kunst. Weiter sagt Kotková:
„Ich muss sagen, dass die Zeit von der Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 bis zum Zweiten Weltkrieg tatsächlich eine Zeit großer Entwicklung war, in der Kunstwerke in großer Zahl angekauft wurden.“
So wurde 1937 unter anderem ein Gemälde von Frencesco Goya erworben, das im letzten Saal des heutigen Rundgangs zu sehen ist. Es ist das einzige Werk von Goya in Tschechien.
Die Nationalgalerie beherbergt zudem die größte Sammlung des italienischen Primitivismus außerhalb Italiens. In diesem Fall handelt es sich größtenteils um die ehemalige Sammlung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand d’Este. Olga Kotková:
„Das Habsburger Eigentum wurde zwar unmittelbar nach 1918 konfisziert, doch diese Sammlung befand sich noch während des Zweiten Weltkriegs auf Schloss Konopiště. Der Direktor der Landesgalerie, Josef Cibulka, griff ein und brachte jene Werke, bei denen die Gefahr bestand, dass sie entwendet werden könnten, in die Räumlichkeiten der Galerie. Später, im Verlauf des Krieges, wurden die Sammlungen in Bunker außerhalb Prags gebracht. Cibulka schützte sie dadurch nicht nur vor Luftangriffen, sondern auch vor den deutschen Besatzern.“
Der Zweite Weltkrieg sei für die Galerie eine sehr turbulente Zeit gewesen, so die Kunsthistorikern. Der Name „Nationalgalerie“, den die Institution erst seit 1949 trägt, wurde damals zwar schon inoffiziell verwendet. Offiziell hieß sie aber Böhmisch-mährische Landesgalerie.
„Erstaunlich ist, dass sie zum großen Teil von Tschechen verwaltet wurde. Direktor der Galerie während des Protektorats war Professor Josef Cibulka, ein Abbé mit relativ großem Einfluss. In jener Zeit wurde ein Erlass herausgegeben, wonach Kunstdenkmäler möglichst nicht aus dem Protektorat ausgeführt werden sollten. Es gab aber Ausnahmen, wie beispielsweise jüdische Sammlungen.“
Beschlagnahmen und Rückgaben der Gemälde
An einem der Bilder macht Kotková auf eine ziemlich hohe Inventarnummer aufmerksam. Diese zeuge davon, dass das Gemälde vor relativ kurzer Zeit erworben wurde, erklärt sie den Hintergrund. Das Bild stammt aus der Sammlung des Textilunternehmers Richard Morawetz. Er war jüdischer Herkunft und emigrierte daher vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus der Tschechoslowakei.
„Seine Sammlung wurde zunächst von den Nationalsozialisten und nach dem Krieg von den Kommunisten beschlagnahmt. Anfang der 1990er Jahre gab die Nationalgalerie diese Sammlungen ohne Gerichtsverfahren zurück, da alle wussten, dass es so richtig war. Und ich muss betonen, dass die Nachkommen uns dieses Gemälde zu einem sehr guten Preis zum Wiedererwerb anboten, nämlich für 1,5 Millionen Kronen. Außerdem verkauften sie uns noch ein wunderschönes Gemälde der Heiligen Christina von Cranach, das einst einen Altar im Veitsdom schmückte. Sie setzten den Preis so fest, dass der Staat es sich leisten konnte, es zu erwerben. Denn Richard Morawetz wünschte sich, dass seine Bilder für die Öffentlichkeit zugänglich sind.“
In anderen Fällen wurden die zurückerstatteten Werke von den Nachfahren der ursprünglichen Besitzer nicht an die Galerie verkauft, sondern dauerhaft geliehen. Dies betreffe auch den großen Passionsaltar von Hans Raphon aus dem Jahr 1499, so Kotková:
„Diese elf Tafelbilder sind Leihgaben der Familie Kolowrat. Dieses altehrwürdige Geschlecht ist trotz mehrerer Familienzweige von Anfang an, also seit 1796, mit unserer Galerie verbunden. Die Gemälde wurden zunächst größtenteils verstaatlicht, doch die Nationalgalerie gab sie den Eigentümern nach 1989 zurück. Und jetzt werden die Werke als dauerhafte Leihgaben ausgestellt.“
Die Geschichte der Galerie ist laut Kotková von ständigen Kämpfen um die Räumlichkeiten sowie um die Vergrößerung der Sammlungen geprägt. Sie schließt ihre Führung mit einem Appell ab:
„Immer wenn starke Persönlichkeiten an der Spitze der Galerie standen, spiegelte sich dies auch in den Ankäufen wider. Ob eine Ausstellung weniger oder eine mehr stattfindet, nehmen wir nur in dem jeweiligen Moment wahr. Doch die Hauptaufgabe der Galerie ist es, die Sammlungen aufzubauen. Die Ausstellungen wirken im Hier und Jetzt, aber wir müssen das Museum auch an unsere Nachfolger weitergeben. Und wir müssen es erweitern und pflegen. Auf den erworbenen Kunstwerken beruht der Reichtum, den wir den künftigen Generationen hinterlassen.“
Die Sammlungen der Nationalgalerie Prag (NGP) sind heute in insgesamt sieben Gebäuden untergebracht. Anlässlich des 230. Geburtstags ist am kommenden Wochenende der Eintritt in allen Ausstellungen frei. Geplant sind ein reiches Begleitprogramm und Führungen.
Die Nationalgalerie feiert ihr 230-jähriges Bestehen aber das ganze Jahr über, unter anderem mit zwei kleinen Ausstellungsprojekten im Prager Messepalast. Die Installation „Geöffnet seit 230 Jahren“ im Erdgeschoss stellt bedeutende Gebäude der Stadt vor, die als Sitze dienten. Die Ausstellung „230 Jahre Nationalgalerie Prag“ im 4. Stock des Messepalastes widmet sich hingegen wichtigen Persönlichkeiten, bedeutenden Ankäufen, Ausstellungen und Veranstaltungen in der Geschichte der Galerie. Für die Öffentlichkeit ist zudem ein umfangreiches Rahmenprogramm geplant.
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