Nicht nur Männer: Nationalgalerie Prag präsentiert „Alte Meisterinnen“
Als „Alte Meister“ werden gewöhnlich Maler des Mittelalters, der Renaissance und des Barocks bezeichnet. Wer waren aber die „Alten Meisterinnen“? Die aktuelle Ausstellung der Nationalgalerie Prag gibt eine Antwort darauf.
Die Tatsache, dass das Werk von Frauen viele Jahrhunderte lang nicht öffentlich präsentiert wurde, bedeutet nicht, dass Frauen nicht am Kunstschaffen beteiligt waren. Das belegt die Ausstellung „Frauen, Meisterinnen, Künstlerinnen 1300–1900“ in der Prager Nationalgalerie. Sie ist eine Art Reaktion auf die ständige Präsentation „Alter Meister“ im selben Hause, die sich bisher überwiegend auf männliche Künstler, vor allem aus den Gebieten des heutigen Italiens, der Niederlande, Deutschlands, Österreichs und Mitteleuropas, konzentriert hat. Der Bezug auf die ständige Ausstellung in den Barockpalästen Sternberg und Schwarzenberg auf dem Prager Hradschin wird auch in der Gestaltung der Ausstellung ausgedrückt, die mit architektonischen Elementen der erwähnten Gebäude spielt.
Die Schau folgt der Entwicklung der weiblichen Kunst über die Jahrhunderte hinweg – von der spirituellen Bildsprache der mittelalterlichen Nonnen bis zum selbstbewussten Stil der dann schon akademisch ausgebildeten Malerinnen des 19. Jahrhunderts. Gezeigt werden rund 150 Werke der Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Skulptur und angewandten Kunst. Die Leiterin der Sammlung und Kuratorin der aktuellen Ausstellung, Olga Kotková, hat im Depositar der Nationalgalerie nach von Frauen geschaffenen Werken gesucht, aber auch auf Leihgaben aus anderen Kunstmuseen zurückgegriffen. Ich bat sie direkt am Ausstellungsort, in der Wallensteinreithalle, vors Mikrophon:
Ohne Talent geht nichts
Frau Kotková, die aktuelle Ausstellung heißt „Frauen, Meisterinnen, Künstlerinnen 1300–1900“. Was genau ist hier zu sehen?
„Zu sehen sind Kunstwerke, die meist von Malerinnen geschaffen wurden. Oder im Falle der Klöster sind es auch Werke, die zwar männliche Hände gemacht haben, aber die Idee und die Ikonografie stammen aus den Köpfen der Frauen.“
Wann tauchen erstmals die Frauen als Künstlerinnen auf?
„Das ist eine sehr lange Geschichte. Die ersten Künstlerinnen gab es schon in der Antike. Unsere Ausstellung startet im frühen 14. Jahrhundert und geht bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.“
Was war entscheidend, wenn eine Frau Künstlerin werden wollte? Sie musste sicher irgendwie unterstützt werden…
„Die wichtigste Sache war einfach Talent. Ohne Talent geht nichts. Aber dann kam dazu meistens eine Unterstützung durch die Familie. Die Eltern mussten einen guten Willen zeigen, ihrer Tochter Erziehung und Ausbildung zu geben. So stand wirklich meistens die Familie dahinter.“
Sie sprechen von der Ausbildung. Wo konnten die Frauen eine künstlerische Ausbildung bekommen? War der Besuch einer Schule für sie möglich?
„Das war sehr schwierig. Zum Beispiel die Akademien in Italien, also in Florenz oder in Bologna, waren schon im 17. Jahrhundert ab und zu für Frauen zugänglich. Aber in Prag etwa blieb die Akademie für Frauen noch bis 1918 verschlossen. Wollten Frauen hier eine künstlerische Ausbildung bekommen, mussten sie einfach privat studieren. Und das war auch teuer.“
In welchen Bereichen waren die Frauen tätig? Waren es Gemälde, Malerei oder andere Genres?
„Ich muss sagen, sie machten einfach alles. Allerdings überwiegt die feine Malerei etwas oder auch – als typisch weibliche Aktivität – die Perlenstickerei. Ein Ornat, das in unserer Ausstellung zu sehen ist, wurde sogar von Kaiserin Maria Theresia selbst gemacht.“
Wie war die Stellung der Künstlerinnen in der Gesellschaft? Konnten sie zum Beispiel in der Renaissance-Zeit auch Künstlerinnen von Beruf sein?
„Ja, es gab auch solche Fälle, aber nicht viele. Es waren immer Ausnahmen. Zum Beispiel in Familien, in denen der Vater ein Künstler war, malte dann auch die Tochter – innerhalb der Werkstatt, aber auch für sich selbst. Elisabetta Sirani zum Beispiel übernahm die Werkstatt ihres Vaters.“
Sie haben die Rolle der Frauen als Meisterinnen erwähnt, also als Leiterin einer Malerwerkstatt. Wie war ihre Position?
„Das war auch schwierig. So konnte zum Beispiel bei uns in Mitteleuropa eine Meisterin eine Werkstatt nur leiten, wenn sie die Witwe eines Malers war. Sonst ging es nicht. Aber wir kennen Beispiele aus den Niederländern wie etwa Judith Leiser, die Leiterin einer Werkstatt war.“
Wenn wir uns die böhmischen Länder anschauen, gab es da Künstlerinnen?
„Ja, wir zeigen in der Ausstellung nun die ersten. Und wenn wir weiterforschen, finden wir hoffentlich noch weitere Frauen. Ich möchte zum Beispiel Elisabeth Willmann nennen, eine Tochter von Michael Willmann. Und Ende des 18. Jahrhunderts war Barbara Krafft Steiner hierzulande tätig.“
Im 19. Jahrhundert gab es wahrscheinlich schon mehr…
„Ja, zum Beispiel Amalia von Peter, Amálie Mánesová, Jenny Sam oder Luise Berger. Da gibt es schon mehrere Beispiele.“
Gab es spezifische Frauenthemen?
„Das ist schwierig zu sagen. Es gibt die Landschaftsmalerei oder die Stillleben, aber eine gute Malerin konnte alles – also auch historische Malerei, Altarbilder oder Porträts.“
Wie ist die Ausstellung gestaltet? Sie hat mehrere Abteilungen…
„Die erste Abteilung heißt ‚Kloster‘. Wir zeigen hier Klosterarbeiten, und das sind wirklich sehr interessante Werke. Dann gehen wir nach Italien, also in den Süden. Darauf folgt die Abteilung ‚Unabhängige Frauen aus dem Norden‘, weiter eine Druckereiabteilung, und der letzte Teil heißt ‚Salon‘. Dort werden unter anderem Werke gezeigt, die bei Salons in Paris ausgestellt wurden.“
Können Sie eines der Werke hervorheben, das Ihnen besonders lieb ist?
„Ich muss sagen, es wäre sehr schwierig, nur ein Werk oder eine Frau zu nennen. Aber ich muss schon auf Sofonisba Anguissola, Amalie von Peter oder Rachel Reuysch hinweisen. Es sind einfach viele Werke, und sie sind alle wunderschön.“
Nonnenarbeiten
Zu den ältesten Exponaten gehören die sogenannten Nonnenarbeiten – also Werke von Ordensschwestern, die an der Gestaltung von Altarbildern, Schnitzarbeiten und der Stickerei von Messgewändern beteiligt waren. Das Schaffen der Ordensschwestern sei sehr spezifisch, sagt Olga Kotková. Denn ihre Werke zeigten, dass die Frauen in Klausur gelebt haben.Während der Führung durch die Ausstellung demonstriert die Kuratorin dies anhand einer gestickten Darstellung von „Christus und die Samariterin am Brunnen“. Geschaffen wurde das Bild von einer Benediktinerin aus dem ältesten Frauenorden Tschechiens mit Sitz auf der Prager Burg:
„Die Regeln des Ordens waren sehr streng. Sobald die Frau ins Kloster eingetreten war, durfte sie es nie wieder verlassen. Der Klostergarten war ihr einziges Fenster in die Welt. Wir können beobachten, welche Insekten in diesem Garten herumflogen. Zudem sehen wir einen Wappenlöwen, dabei konnte die Nonne nie auch nur eine Graphik mit einem Löwen gesehen haben. Die Darstellung ist sehr naiv, und der Löwe ähnlich groß wie die Fliegen und Vögel.“
Ein weiteres außergewöhnliches Exponat ist eine Pieta-Statue aus dem 14. Jahrhundert, mit dem abnehmbaren Körper Christi. Die Nonnen hätten diesen bei ihrer persönlichen Devotion verwendet und etwa auf dem Schoß gehalten, ergänzt Kotková.
Die Madonna taucht in der Ausstellung auch in einem ganz anderen Kontext auf, nämlich in der Sektion „Starke Frauen aus dem Süden“, die Künstlerinnen aus dem Gebiet Italiens zeigt. Sofonisba Anguissola aus Cremona, die sogar bei Michelangelo Anerkennung und Bewunderung fand und am spanischen Königshof wirkte, komponierte in ihr Selbstporträt ein Marienbild hinein. Ihr Werk „Die Schachpartie“ (1555), auf dem sie mit ihren Schwestern dargestellt ist, ist eines der wichtigsten Werke und eine Ikone der gesamten Ausstellung.
Starke Frauen aus Italien
Unter den vertretenen Künstlerinnen finden sich weitere prominente Namen: Artemisia Gentileschi verarbeitete in ihren Werken persönliche Traumata und wurde als erste Frau an die Kunstakademie von Florenz aufgenommen. Lavinia Fontana betrieb zudem als erste Frau ein eigenes Atelier, arbeitete im Auftrag des Adels sowie der Kirche und schaffte es, ihre Karriere mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter von 13 Kindern zu verbinden. Oder aber Elisabetta Sirani, die ab ihrem 20. Lebensjahr ein Familienatelier führte und in Bologna die erste Kunstschule für Mädchen gründete.
Im dritten Ausstellungsteil, der die Kunst der „Unabhängigen Frauen aus dem Norden“ präsentiert, macht Kuratorin Kotková vor einem Porträt von Rosa Mücke Halt:
„Hier ließ sich ein katholischer Priester von einer Frau darstellen. Das ist eine kultur-historische Kuriosität, denn so etwas war überhaupt nicht üblich. Auf der Rückseite stand noch am Ende des 18. Jahrhunderts die Information, dass dieses Porträt von einer Jungfrau, also einer Virgo, gemalt wurde.“
Die niederländische Kunst ist durch Rachel Ruysch vertreten, einer Hofmalerin in Düsseldorf und Spezialistin für Blumenstillleben. Ihre Werke wurden in letzter Zeit in Ausstellungen in den USA in Ohio und Toledo oder auch in München präsentiert. Für die Prager Ausstellung gelang es der Nationalgalerie, ein bisher unbekanntes Gemälde in einer Privatsammlung zu entdecken:
Dieses Blumenstillleben habe in Prag seine Weltpremiere und ergänze die Serie von Ruysch-Ausstellungen in der Welt, sagt Olga Kotková.
Die der Grafik gewidmete Abteilung konzentriert sich dann auf Maria Sibylla Merian, eine Pionierin der wissenschaftlichen Illustration. Nachdem sie sich hatte scheiden lassen, zog die Künstlerin Ende des 17. Jahrhunderts nach Surinam, um die dortige Fauna und Flora zu zeichnen. Ihre Bilder könnten manchen von den Geldscheinen der früheren Deutschen Mark bekannt sein. Merians Grafiken und zwei Bücher gehören zu den interessantesten Exponaten der neuen Ausstellung in Prag.
Raupen-Zeichnungen aus Surinam
Und im letzten Teil mit dem Titel „Atelier“ werden Werke von Frauen ausgestellt, die sich im späten 18. sowie im 19. Jahrhundert einen Namen machten, wie etwa Angelika Kauffmann, Amalie von Peter und Barbara Krafft Steiner.
„Die letztgenannte lebte sechs Jahre lang auch im Königreich Böhmen. Sie malte unter anderem Porträts von Professoren und Akademikern der Karlsuniversität“,
erläutert Kotková. Eines der ausgestellten Gemälde von Krafft Steiner, das in Böhmen entstand, ist auch wegen seines ungewöhnlichen Motivs bemerkenswert. Es zeigt den sterbenden Grafen Hartig an der Brust einer stillenden Frau, deren Milch er – den wissenschaftlichen Erkenntnissen der damaligen Zeit folgend – seinem kranken Körper zuführen wollte.
Selbstbewusste Malerinnen im 19. Jahrhundert
Den Weg dieser Vorreiterinnen folgten in den böhmischen Ländern im 19. Jahrhundert weitere Künstlerinnen, wie zum Beispiel Amálie Mánesová, Pepa Mařáková, Marie Luise Kirschner, Zdenka Braunerová und Antonia Brandeis.
Man hätte die Schau bis 1918 führen können, in jener Zeit habe es aber schon viel mehr Künstlerinnen gegeben, sagt die Kunsthistorikerin Olga Kotková. Und sie deutet an, dass es in wenigen Jahren eine Fortsetzung der Ausstellung in Prag und die Gelegenheit geben wird, weitere hervorragende Frauen zu bewundern.
Die Ausstellung mit dem Titel „Frauen, Meisterinnen, Künstlerinnen 1300–1900“ findet in der Wallenstein-Reithalle auf der Prager Kleinseite statt. Sie ist bis zum 2. November zu sehen.
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