Retrospektive aus dem Werk des Bildhauers Aleš Veselý in der Prager Nationalgalerie
Eine große Ausstellung aus dem Werk des namhaften tschechischen Bildhauers Aleš Veselý (1935 – 2015) ist derzeit im Prager Messepalast zu sehen. Martina Schneibergová war bei der Vernissage
Unter dem Titel „Aleš Veselý: Retrospektive – Alešville“ zeigt die Prager Nationalgalerie eine zusammenfassende Ausstellung aus dem Werk eines Künstlers, der unter anderem durch seine monumentale Skulpturen im öffentlichen Raum in Tschechien sowie im Ausland bekannt geworden ist. Kuratorin Monika Čejková führt die Besucher in die Halle des Messepalastes. Dort befindet sich ein Pavillon, in dem unter einer speziellen Beleuchtung Gemälde sowie Skulpturen von Veselý gezeigt werden. Die Kuratorin:
„Hier beginnt die Ausstellung mit dem ersten Kapitel, das ich ,Verschwiegene Jahre‘ genannt habe. Es handelt sich um die Zeit, als Aleš Veselý an der Prager Akademie der bildenden Künste zu studieren begann. Damals schuf er Zeichnungen und Grafiken, die hier zu sehen sind. Sie wurden von seinen Aufenthalten im Dorf Sihelné inspiriert. Das Dorf liegt an der slowakisch-polnischen Grenze. Veselý reiste dort auf Einladung seines Kommilitonen hin, des Malers Ignác Kolčák. Er war dort damals bei der Familie Pindiak untergebracht. Dort schuf er Werke, die praktisch unbekannt sind. Die Motive wiederholen sich, wie hier zu sehen ist. Seit den 1950er Jahren hat Veselý diese Früharbeiten nicht ausgestellt. Veselý entschied sich aber, dieses Thema in seiner Diplomarbeit zu bearbeiten.“
Der Künstler zeichnete die Familie Pindiak bei verschiedenen Feldarbeiten, wie die Kuratorin erzählt. In Veselýs Wohnung fand sie ein Filmnegativ. Auf den Aufnahmen sind Bewohner von Sihelné. Auch diese Fotos werden in der Ausstellung gezeigt. Monika Čejková:
„Für mich war das eine Entdeckung. Denn auch Menschen, die Werke von Veselý sehr gut kennen, haben nicht geahnt, dass er so etwas gezeichnet hat. Die Diplomarbeit war expressiv. Das warf ihm die damalige Kommission an der Akademie vor. Sie ließ ihn jedoch die Diplomarbeit verteidigen.“
Die Kuratorin macht auf eine Verwandlung aufmerksam, die in Veselýs Arbeiten schon während seiner Reisen nach Sihelné zu erkennen ist. Von den realistischen Anfängen ging der Künstler laut der Expertin zur Stilisierung von Landschaften über.
„In dieser Zeit war er genauso wie andere tschechische Künstler vom Schaffen von Jean Dubuffet inspiriert. Das erste Kapitel der Ausstellung geht mit Werken aus dem Prager Jüdischen Museum zu Ende. Veselý stand Ende der 1950er Jahre mit der damaligen Museumsleiterin Hana Volavková in Kontakt. Sie war sehr fortschrittlich. Ihrer dank hat das Museum Werke von Künstlern in seinem Besitz, die andere öffentliche Institutionen nicht einmal versucht haben zu erwerben.“
1960 forderte Volavková Veselý zur Zusammenarbeit an der Ausstellung „Unverjährte Verbrechen“ auf. Obwohl Volavková später von ihrem Posten abberufen wurde, arbeitete Veselý weiter mit dem Jüdischen Museum zusammen.
Den folgenden Teil der Ausstellung bezeichnet die Kuratorin als die Zeit der Experimente. Es war ihren Worten zufolge die erste „goldene Zeit“ im Schaffen von Aleš Veselý. Konkret handelte es sich um die Jahre 1960 bis 1969. Zu sehen seien die wichtigsten Werke aus dieser Zeit – der „Stuhl Usurpator“ und zwei Enigmata –, so die Expertin.
„Das ,Enigma des Kreises‘ befindet sich seit den 1990er Jahren in den Sammlungen der Nationalgalerie. Es entstand ursprünglich für das Terminal des Prager Flughafens. Nachdem das neue Terminal eröffnet worden war, wurde das alte Terminal zu einem geschlossenen Bereich, den nur die Regierung nutzte. Daher hatte die Öffentlichkeit keine Möglichkeit mehr, Veselýs Werk zu sehen. Zum Glück wurde dieses später der Nationalgalerie angeboten. In diesem Teil der Ausstellung können sich die Besucher zudem davon überzeugen, dass Veselý auch ein hervorragender Graphiker war.“
1968 nahm Veselý am Wettbewerb für die Revitalisierung der Gedenkstätte in Terezín / Theresienstadt teil.
„Ich finde faszinierend, dass er mit seinen großen Visionen daran teilnahm. Er arbeitete ein Jahr lang in Ostrau an einigen monumentalen Plastiken. In den dortigen Stahlwerken hatte er genügend Material zur Verfügung. Zudem hatte er dort ein Team von Mitarbeitern und Schweißern. In Ostrau entstanden seine Werke ,Kaddish‘, der ,Spinnenturm‘ und ,Memento‘. Der ,Spinnenturm‘ und das ,Memento‘ wurden für den Wettbewerb für die Neugestaltung der Gedenkstätte in Theresienstadt kreiert. Veselý gewann den Wettbewerb jedoch nicht. Es siegte ein konservativer Entwurf. Der Bildhauer war damals sehr enttäuscht. Denn der Großteil seiner Familie war während des Zweiten Weltkriegs nach Theresienstadt deportiert worden, für ihn war das ein sehr persönliches Thema.“
Die Plastik ,Kaddish‘, die der Künstler als ein Gebet für seinen Vater schuf, steht derzeit vor dem Prager Messepalast. Im zweiten Teil der Schau wird zudem auf Veselýs Ausstellung in der Wiener Sezession im Jahre 1969 aufmerksam gemacht.
Seit den 1970er Jahren gehörte Veselý zu Künstlern, die das Regime für unbequem hielt. Der Bildhauer hatte daher eine Zeit lang keine Möglichkeit mehr, seine Werke auszustellen. Zudem erlebte er eine persönliche Tragödie: 1972 beging seine Frau Selbstmord. Veselý kümmerte sich seitdem um seine Tochter Jana. In der Ausstellung werden Zeichnungen aus dieser Zeit gezeigt, auf denen eine Frau mit ihrem Kind zu sehen ist. Der Künstler zog sich in sein Atelier im mittelböhmischen Ort Středokluky zurück.
Die 1960er Jahre waren laut der Kuratorin in Veselýs Schaffen eine Zeit der geschweißten Plastiken, die Ängste wecken. In den 1970er Jahren seien aber dann völlig andere Werke entstanden, sagt die Kuratorin:
„Hier wird eine Auswahl von Plastiken gezeigt, von denen einige selbständige Werke waren und andere als Bestandteil bestimmter größerer Zyklen galten. Dazu gehören die verschiedensten Wagen, die jedoch nicht fahren konnten. Jede ihrer Achsen zeigt in eine andere Richtung. Veselý plante einige der Wagen als Monumentalwerke, die bis zu 50 Meter hoch sein sollten.“
Monika Čejková erinnert daran, dass Veselý auch Mitglied der alternativen Band Žabí hlen war. Die Musiker trafen manchmal im Veselýs Atelier zusammen und musizierten auf Plastiken, die dort standen. In der Ausstellung wird ein kurzer Film aus der Zeit gezeigt, in dem der Bildhauer und die Band Žabí hlen auftraten.
Im abschließenden Teil wollte Monika Čejková ihren Worten zufolge die Ausstellung beleben.
„Ich kam auf die Idee, die gemalten Zeichnungen zu zeigen, die Veselý ab 1983 kreierte. Sie hängen mit seinem Aufenthalt in Deutschland zusammen. Er hat sich dort mit der neoexpressionistischen deutschen Kunst bekannt gemacht. Für Veselý war Anselm Kiefer wichtig. Nach der Rückkehr zeichnete Veselý mit Acrylfarben auf Papier, das er auf eine Leinwand klebte. Diese Malereien installierte er frei an den Mauern auf seinem Grundstück in Středokluky.“
Werke von Aleš Veselý sind in Lauf der Jahre auch mehrmals im Ausland gezeigt worden...
„1969 hatte Aleš Veselý eine große Ausstellung in der Wiener Sezession. Diese fand dank seinem Freund Vladimír Zadrobílek statt. In Wien zeigte er einige Plastiken und eine Serie von Zeichnungen. 1979 nahm Veselý an einem Bildhauersymposium in Bochum teil. Das Thema lautete ‚Eisenplastik‘. Es zeigte sich, dass das kommunistische Regime ihn damals nach Westdeutschland mit dem Ziel reisen ließ, dort bestimmte Informationen zu sammeln. Veselý war jedoch nicht der richtige Mann, weil er sich ausschließlich für die Kunst interessierte. In Bochum entstand eine große Plastik mit dem Titel ,Iron Report‘. Sie steht bis heute im Stadtpark nahe des Kunstmuseums. Wichtig war, dass Veselý damals durch diese Reise die neuesten Trends in der Kunst kennenlernte, wie beispielsweise den Höhepunkt des Schaffens von Joseph Beuys und die neoexpressionistischen Künstler.“
Werke von Aleš Veselý befinden sich derzeit in den Sammlungen vieler renommierter Galerien der Welt. Zu seinen bekanntesten Arbeiten hierzulande gehört sein „Tor ohne Wiederkehr“ („Brána nenávratna“), das vor dem Prager Bahnhof Bubny steht. Von diesem Bahnhof aus wurden während des Zweiten Weltkriegs rund 50.000 Juden aus Böhmen in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.
Die Ausstellung „Aleš Veselý: Retrospektive – Alešville“ ist im Prager Messepalast zu sehen, und zwar noch bis 22. Februar kommenden Jahres. Die Nationalgalerie ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.














