11. Jahrestag der sog. "samtenen Revolution"

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Im Zusammenhang mit dem 11. Jahrestag der sog. "samtenen Revolution" haben wir drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ans Mikrofon gebeten und sie nach der Bewertung der Ereignisse vom Herbst 1989 aus der heutigen Sicht gebeten.

Der Politologe Dozent Rudolf Kucera von der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karlsuniversität meinte:

"Ich glaube, dass wir uns am 17. November 1989 dem Prozess des Zerfalls des sowjetischen Imperiums und des Falls des Eisernen Vorhangs in Europa angeschlossen haben. Über die Ursachen des Zerfalls des sowjetischen Imperiums werden bis heute Diskussionen geführt. Meiner Meinung nach sind die entscheidenden Ursachen in den Prozessen zu finden, die sich in der Sowjetunion abspielten, und von Moskau sind die Impulse für den Fall des Eisernen Vorhangs ausgegangen. Der 17. November ist deswegen aber nicht weniger bedeutend, denn hier brach das kommunistische Regime zusammen und es entstand eine neue Regierung, es wurden demokratische Institutionen gebildet und Mechanismen entwickelt... Für mich persönlich hatte das Ereignis eine grundlegende Bedeutung, denn bis zum November 1989 arbeitete ich als Bauarbeiter und erst nach der Wende durfte ich allmählich meinen Beruf wieder ausüben und mich wieder mit humanistischen Wissenschaften beschäftigen. An den 17. November erinnere ich mich einerseits mit Freude und andererseits mit ein wenig gemischten Gefühlen. Es schien mir damals, dass der 17. November ein Ereignis darstellte, in dem sich die kommunistischen Vertreter mit der Opposition stritten und aus dem Grund glaubte ich, dass es hier zu keiner wirklichen Wende im Leben dieses Landes kommen wird und dass bestimmte führende Vertreter der kommunistischen Partei ihre hohen Posten einfach behalten werden. Ich glaube, dass sich meine Erwartungen bestätigten - die Vertreter der kommunistischen Parteispitze haben hohe Positionen im Wirtschaftsbereich, sie beteiligten sich in bedeutender Weise an der Privatisierung des staatlichen Eigentums und einige haben sogar politische Ämter inne. Die kommunistische Partei ist die drittgrößte Partei im Lande. Dies sind meiner Meinung nach die Folgen dessen, dass die Ereignisse so zu sagen samt verliefen."

Soweit die Ausführungen des Politologen Rudolf Kucera. Der Leiter des Instituts für die Gegenwartsgeschichte der Akademie der Wissenschaften, Oldrich Tuma, betonte im Zusammenhang mit dem 17. November, dass diese Ereignisse ganz grundlegende Systemänderungen mit sich gebracht hätten. Auch wenn es große Probleme mit dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und der Marktwirtschaft gibt, kann man sich auf die Zukunft freuen, meint Oldrich Tuma. Er räumte jedoch ein, dass man die ersten fünf Jahre nach der Wende, als die Gesellschaft bereit war, radikale Änderungen durchzuführen, besser hätte nutzen können. Über die Bedeutung der Ereignisse von 1989 für ihn selbst, erklärte Tuma:

"Für mich hat sich auch viel verändert. Ich komme mir sentimental vor, wenn ich es erläutern muss - aber jeden Morgen, wenn ich erwache, erinnere ich mich daran, wie schön es ist, dass die Kommunisten weg sind. Außerdem hat sich mein Leben bedeutend geändert - eine wissenschaftliche Karriere konnte ich erst nach den erwähnten Änderungen in der Gesellschaft machen."

Soweit Oldrich Tuma. Der Abgeordnete der Demokratischen Bürgerpartei-ODS Marek Benda war vor elf Jahren einer der Studentenführer, die sich während der Novemberereignisse sehr stark engagiert haben. Seinen Worten zufolge ist der 17. November das Datum des Studentenmassakers und nichts mehr oder weniger. Der Prozess des Zusammenbruchs sei damals - so Benda - gestartet worden. Er erklärte weiter:

"Mit elf Jahren- Abstand meine ich, dass sich alles geändert hat und dass es das bedeutendste Ereignis im 20. Jahrhundert war. Andererseits sehe ich ein, wie naiv wir damals waren, als wir glaubten, dass sich die Gesellschaft nur durch die Systemänderung wandeln wird. Für mich persönlich hat sich ungefähr soviel wie für die ganze Gesellschaft geändert. Ich war damals Sohn eines der führenden Dissidenten, d.h. eine Person, die unter ständiger Kontrolle war und die wusste, dass sie gar nichts darf. Mein Vater begann sich gleich nach der Wende in der Politik zu engagieren. Ich bin ihm bald gefolgt, sodass wir uns plötzlich sozusagen auf der anderen Seite der Barrikade befanden. Der 17. November selbst stellte für mich einen Wendepunkt dar, zwei Monate lang hatte ich fast keine Zeit zum Schlafen. Ich muss einräumen, dass ich vielleicht nie mehr etwas so Bedeutendes und Interessantes erleben werde. Das Gefühl der Studentenführer, die auf einmal das Geschehen beeinflussten, kann nicht mit dem Engagement in der Politik verglichen werden. Dort läuft alles langsamer, und die Möglichkeit der Beeinflussung ist viel geringer. Ich glaube, dass das Gefühl der Macht, die in die richtige Richtung orientiert war, sehr stark war, und wir werden es wahrscheinlich nie mehr erleben."