600. Todestag: In Prag wird an Prediger Johannes von Drändorf erinnert

Horst Schinzel

Der Prediger Johannes von Drändorf wurde am 17. Februar 1425 in Heidelberg hingerichtet. Mehrere Jahre lang war auch in Böhmen tätig gewesen. Horst Schinzel von der Johannes-Mathesius-Gesellschaft erinnerte am Montag in Prag bei einer kleinen Gedenkveranstaltung an Drändorf. Im Folgenden ein Interview mit dem Theologen und Historiker.

Herr Schinzel, wir treffen gerade in der Passage Černá Růže zusammen. Auf Deutsch hieß das Haus, das hier vor Jahrhunderten stand, Zur Schwarzen Rose. Der Grund des Treffens ist der 600. Todestag von Johannes von Drändorf. Wer war das?

Černá růže | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Drändorf war ein Deutsch sprechender Hussit, der ein Waldenser war. Die Waldenser sind eine sehr kleine, aber sehr alte evangelische Gruppierung, die leider heutzutage nicht mehr sehr bekannt ist – sowohl auf der deutschen als auch auf der tschechischen Seite.“

Warum treffen wir gerade hier zusammen? Hat das eine besondere Bedeutung?

„Ja, im Haus Černá Růže, also Schwarze Rose, befand sich im 14. Jahrhundert eine Schule der Studenten, die an der Karlsuniversität studierten und aus Dresden kamen. Deswegen nennt man sie auch die ,Dresdner Schule‘. Es waren Theologen, die zuvor die Universität in Leipzig verlassen mussten.“

Wegen ihres Glaubens?

„Ja, aus Glaubensgründen. Und deshalb kamen sie an die damals relativ neu gegründete Karlsuniversität. Hier konnten sie lehren und lernen und haben auch tschechische oder, besser gesagt, böhmische Theologen beeinflusst, wie zum Beispiel Jakoubek ze Stříbra.

War Johannes von Drändorf längere Zeit in Prag tätig?

„Ja, einige Jahre lang. Aber er musste dann, und man weiß eigentlich nicht warum, wahrscheinlich Prag verlassen. Johannes von Drändorf ging in der Folge zum Missionieren in das Deutsche Reich, durchlief verschiedene Stationen und wirkte dann in der Nähe von Heidelberg.“

Kann man ihn als deutschen Jan Hus bezeichnen oder ihn mit dem böhmischen Prediger vergleichen?

„Ja, es ist natürlich schon eine Gemeinsamkeit, dass beide den Feuertod starben. Diese Waldenser hatten sich eben, und das ist das Interessante, nach dem Tode von Hus mit der entstehenden hussitischen Bewegung verbunden.“

Ist aus den historischen Quellen bekannt, wie stark die Bewegung der Waldenser war?

„Das ist schwer zu sagen. Weil sie verfolgt wurden, weiß man es hauptsächlich aus Inquisitionsprotokollen. Aber auf jeden Fall ist bekannt, dass es sehr viele Waldenser in Böhmen gab, vor allem in Südböhmen. Dorthin sind sie zusammen mit den Waldarbeitern aus Österreich eingewandert. Und in den Protokollen der Inquisition heißt es, die Gefängnisse in Prag seien voll mit Waldensern gewesen.“

Was war das Spezifische an ihrer Glaubenslehre?

„Es ist die Frage, ob sie nicht bereits reformatorisch oder vorreformatorisch waren, da es da doch sehr viele Gemeinsamkeiten gibt. Die Waldenser hatten keine ordinierten Pfarrer, was ja für die reformatorischen Kirchen wichtig ist. Zwar ist man sich nicht sicher, aber wahrscheinlich teilten sie das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus. Und das hat ja dann wohl auch eben zum Treffen mit dem Prediger Jakoubek ze Stříbra geführt. Man könnte fast annehmen, dass Jakoubek von den Waldensern beeinflusst wurde.“

War Drändorf auch in Südböhmen tätig, wenn Sie sagen, dass es dort viele Waldenser gab?

„Ja, schon. Aber die Waldenser waren in Südböhmen noch vor Hus präsent, also im 12. und 13. Jahrhundert. Und wahrscheinlich war die Waldenser-Bewegung zur Zeit von Hus eher bereits zurückgegangen, weil die Leute alle bei der Inquisition im Gefängnis waren.“

Drändorf selbst wurde später auch von der Inquisition verhaftet und starb in Heidelberg auf dem Scheiterhaufen. Gab es noch weitere Prediger aus seiner Umgebung, die damals zum Feuertod verurteilt wurden?

„Drändorf hatte noch einen Freund, der Peter Turnau oder Turnow hieß und Wanderprediger war. Und die letzte Station von beiden war eben dann in der Nähe von Heidelberg. Dort wurde Drändorf gefasst. Und vor der Inquisition gab er dann seine Beziehungen zu Turnau bekannt. Der nächste Ort der Inquisition war eben Heidelberg. Dort wurde Drändorf auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und Turnow wurde dann ein paar Monate später hingerichtet.“

Ist Drändorf in Deutschland bekannt, oder kennt man den Namen nur in theologischen Kreisen?

Jan Hus | Quelle: public domain

„Er ist völlig unbekannt. Die Waldenser sind allgemein sehr unbekannt. Bei der katholischen Kirche kann man ja fragen, ob sie Ketzer sind und ob eigentlich die Aussage des Konzils zur Ketzerei der Waldenser noch zutrifft oder nicht. Papst Franziskus hat sich bei den Waldensern entschuldigt. Aber die Waldenser haben es nicht so angenommen, glaube ich. Es ist auch die Frage, was kirchenrechtlich eine Entschuldigung ist und was eine Entschuldigung überhaupt bedeutet. Eigentlich ist eine Entschuldigung des Papstes kirchenrechtlich eine wertlose Aussage.“

Sie sind Mitglied der Johannes-Mathesius-Gesellschaft. Hängt ihr Interesse für Johannes von Drändorf damit zusammen?

„Die Mathesius-Gesellschaft beschäftigt sich natürlich mit dem Leben und Wirken des evangelischen Pfarrers Johannes Mathesius (1504–1565) in Jáchymov. Aber wir interessieren uns natürlich für alles Evangelische. Auch die Waldenser, die sich ja der Reformation bewusst angeschlossen haben, sind evangelisch. Aber sie sind eben die älteste reformatorische Gruppe.

Wie ist die Johannes-Mathesius-Gesellschaft entstanden? Ist sie ein Pendant zu Ackermann-Gemeinde?

„Ja, das ist genau das evangelische Gegenstück. In Ihr haben sich die Deutsch sprechenden Böhmen, die nach 1945 und 1946 nach Deutschland kamen und evangelisch waren, eben zusammengeschlossen.“