„900 Quadratmeter Fläche für die ganze Republik“ - Ein Königreich für Eisenbahnen

Foto: Martina Schneibergová

Fahren Sie gern mit dem Zug? Oder haben Sie mal Modelleisenbahnen gesammelt? Dann werden Sie sich im Prager Königreich der Eisenbahn pudelwohl fühlen. Dort können Sie Züge bewundern, die auf Hunderten Metern Gleisen durch die tschechische Landschaft sausen.

Dauerausstellung eines urbanistischen Modells von Prag (Foto: Sebastian Schmid)
Das Mekka aller Eisenbahnfans befindet sich an der Haltestelle Anděl im Prager Stadtteil Smíchov. An der Kasse, die man aus der Straße Stroupežnického betritt, kauft man die Eintrittskarte und fährt dann in der Fußgängerpassage die Rolltreppe hinunter. Im ersten Saal gibt es eine Dauerausstellung eines urbanistischen Modells von Prag, aus diesem Saal geht es dann weiter in die Welt der Lokomotiven und Waggons. Auf der Galerie im ersten Untergeschoss findet man drei Modellgleisanlagen. Sie sind die Probeversionen des ganzen Projektes. Diese Anlagen stellen keine konkrete Gegend dar, sondern wurden nur nach Phantasie der Modellbauer zusammengestellt. Eine der Gleisanlagen bietet dabei den Besuchern den Blick auf ein fiktives Städtchen aus der kommunistischen Ära der Tschechoslowakei. In dem Raum kann es schon mal dunkel sein, denn in der ganzen Dauerausstellung wechselt Tag und Nacht in regelmäßigen Intervallen.

Foto: Sebastian Schmid
Die größte Gleisanlage befindet sich im zweiten Untergeschoss. Dort wird schrittweise ein großes Modell der Tschechischen Republik gebaut, durch die Modellzüge fahren. Bislang sind fünf Kreise fertig: Mittelböhmen, Prag, Ústí nad Labem / Aussig, Karlovy Vary / Karlsbad und Plzeň / Pilsen. Die Gleise führen natürlich an bedeutenden Sehenswürdigkeiten und anderen bekannten Objekten aus den verschiedenen Regionen vorbei. Rudolf Pospíšil arbeitet von Anfang an im Königreich der Eisenbahn und kennt dort fast jedes Gleis und jeden Waggon. Mit diesem Projekt erfülle sich einer der Gründer und Besitzer seinen Traum aus der Kindheit, sagt Pospíšil:

Foto: Sebastian Schmid
„Er war schon immer ein passionierter Eisenbahnfan und hat als kleiner Junge davon geträumt, mal die größte Gleisanlage der Welt zu besitzen. Dieser Wunsch wird wohl nicht in Erfüllung gehen, weil die größte Modellbahn-Schauanlage im Miniatur-Wunderland in Hamburg steht. Bei uns wird es jedoch auf einer Fläche von 900 Quadratmetern die größte miteinander verbundene Gleisanlage geben. Nach der Fertigstellung der ganzen Tschechischen Republik werden hier Züge aus Aussig nach Olmütz fahren.“

Das Modell entsteht im Maßstab 1:87. Die einzelnen tschechischen Kreise mit ihren typischen Sehenswürdigkeiten werden sehr vereinfacht gestaltet. Denn für ein Modell der ganzen Tschechischen Republik in diesem Maßstab wäre eine Fläche von 4,5 Hektar erforderlich. Es dauert vier bis sechs Monate, einen Kreis samt Landschaft, Gebäuden, Gleisen, Zügen und anderen Verkehrsmitteln zu bauen. Jeder Kreis wird auf einer Fläche von 40 bis 60 Quadratmetern gestaltet und alle vier bis sechs Monate wird ein neuer Teil der Schauanlage feierlich eingeweiht und in Betrieb genommen. Rudolf Pospíšil schätzt, dass die ganze Dauerausstellung 2016 fertig sein wird.

Rudolf Pospíšil (Foto: Martina Schneibergová)
Bei einer genaueren Besichtigung der Modelleisenbahnanlage entdeckt man in zwischen den Häusern, Gleisen, hin und her fahrenden Zügen, Bussen und anderen Verkehrsmitteln auch winzige Menschenfiguren. Rudolf Pospíšil:

„Wir wollten, dass auch Erwachsene Spaß haben, die Modelleisenbahn anzuschauen. Darum haben wir hier verschiedene mehr oder weniger witzige Szenen gestaltet, in denen diese Figuren spielen. Man findet hier Szenen aus den populären tschechischen Filmen – wie beispielsweise ´Dörfchen, mein Dörfchen´, ´Das Wildschwein ist los´ oder ´Launischer Sommer´. Neben Unterhaltung verfolgt die Dauerausstellung aber auch pädagogische Ziele, denn es kommen oft Schulklassen hierher, die Einiges über die Verkehrssicherheit erfahren. In der Gleisanlage wurden zu diesem Zweck Verkehrssituationen dargestellt, die die Kinder beurteilen sollen.“

Foto: Martina Schneibergová
Bevor ein weiterer Teil des Modells gebaut wird, muss ein sehr ausführlicher Entwurf ausgearbeitet werden, erzählt der Experte. Mit seinen Mitarbeitern entscheide er darüber, welche Sehenswürdigkeiten aus dem zuständigen Kreis in der Gleisanlage als Modells entstehen sollen. Die Auswahl der dargestellten Orte und Baudenkmäler werde aber auch mit Vertretern der Kreisverwaltungen abgesprochen.

„Im Kreis Aussig haben wir uns für die Burg Střekov / Schreckenstein entschieden. Aus dem Kreis Pilsen wurde uns die Rotunde aus Starý Plzenec / Altpilsen empfohlen. Zurzeit arbeiten wir am Entwurf für den Kreis Liberec / Reichenberg und natürlich darf da der Aussichtsturm auf dem Ještěd / Jeschken nicht fehlen. Das Jeschken-Modell ist schon fertig und meiner Meinung nach ist es wirklich genial.“

Foto: Martina Schneibergová
Das Königreich der Eisenbahn wurde im Juli 2009 eröffnet. Damals wurden die ersten drei Gleisanlagen in Betrieb genommen, die Probeversionen der später gebauten großen Schauanlage darstellen. Seitdem gibt es Familien, die mit ihren Kindern immer wieder kommen, um einen neuen Teil des Modells zu besichtigen. Etwa 50 Prozent der Besucher seien Familien mit Kindern, sagt Rudolf Pospíšil.

„Etwa 20 Prozent der Besucher sind Erwachsene, die individuell anreisen. An dritter Stelle liegen Schulklassen. Das Königreich der Eisenbahn wird als Attraktion für Familien mit Kindern von drei bis zwölf Jahren präsentiert. Kinder über zwölf Jahre haben meistens schon andere Interessen. Aber wenn sie erwachsen werden, kommen sie möglicherweise mit ihren Kindern wieder. Oft besuchen uns auch die Großeltern mit ihren Enkelkindern. Wir waren Anfangs überrascht, dass wir hier häufig Mütter mit zwei kleinen Töchtern treffen. Wir sehen, dass die Jungen an den Modelleisenbahnen die Technik und die Bewegung bewundern. Die Mädchen haben wiederum mehr Sinn für Details, für die Farben, die Gestaltung der Landschaft und es macht ihnen genauso Spaß, durch die Ausstellung zu spazieren. Ich erlebe hier immer wieder zwei extreme Situationen: dass die Kinder weinen und nicht weg wollen, aber den Erwachsenen macht es keinen Spaß mehr, hier zu bleiben. Oder aber es passiert auch, dass es den Kindern keinen Spaß mehr macht, aber der Papa will unbedingt noch länger bleiben, weil er noch etwas besichtigen will.“

Foto: Martina Schneibergová
Die Besucherzahlen hängen laut Pospíšil ein wenig vom Wetter ab. Bei schlechtem Wetter strömen bedeutend mehr Besucher in die unterirdische Dauerausstellung als beim richtigen Sommerwetter. Das Königreich der Eisenbahn ist inzwischen auch für ausländische Besucher Prags ein Begriff geworden.

„Aus den jüngsten Umfragen, die wir unter den ausländischen Besuchern durchgeführt haben, geht hervor, dass 60 Prozent aus den deutschsprachigen Ländern kamen. Die Mehrheit der übrigen 40 Prozent kam aus Polen, Russland oder einem asiatischen Land. Es kommen natürlich auch einzelne Besucher aus Frankreich, Italien oder aus anderen Ländern.“

Foto: Martina Schneibergová
Ins Königreich der Eisenbahnen werden wir Sie in einer der nächsten Ausgaben der Sendereihe „Spaziergang durch Prag“ nochmals einladen. Dann werden wir Sie auch in die Dauerausstellung über die Hauptstadt Prag führen. Das Königreich der Eisenbahn befindet sich in der Straße Stroupežnického Nr. 23 an der Haltestelle Anděl im Prager Stadtteil Smíchov und ist täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Mehr erfahren Sie unter www.kralovstvi-zeleznic.cz