Abschied: Tschechischer Hockey-Star Vladimir Ruzicka steigt aus dem Spitzensport aus

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Der leistungsbezogene Spitzensport lebt vor allem von Stars, Idolen und Identifikationsfiguren. Sportlern, die die Entwicklung in ihren Sportarten prägten und prägen und als immer wiederkehrende Vorbilder für nachfolgende Generationen gelten. Im fußballverrückten Deutschland ist Franz Beckenbauer, genannt der Kaiser, eine solche Lichtgestalt, obwohl seine Spielerkarriere schon Anfang der 80-er Jahre zu Ende ging. Unter den Noch-Aktiven wird Lothar Matthäus - auch wenn das Ende seiner Karriere naht - als d e r Profi schlechthin gehandelt. Doch was für den Deutschen der Fußball, ist für den Tschechen der Eishockeysport. Und wie sich die Bilder gleichen! Nur dass der Kaiser des tschechischen Eishockeys nicht Franz, sondern Ivan heißt. Ivan Hlinka, dreifacher Weltmeister als Spieler sowie Weltmeister und Olympiasieger als Trainer. Und heute, 50-jährig, als Coach der Pittsburgh Penguins, ist er neben dem Finnen Suhonen als erster europäischer Trainer in der nordamerikanischen National Hockey League tätig.

Und der tschechische Lothar Matthäus? Den gibt es auch, nur mit einem Unterschied: während ´Loddar´, 39-jährig, noch durch die amerikanische Major Soccer League tingelt, hat Vladimír, 37-jährig, vor knapp zwei Wochen letztmalig auf dem Eis gestanden. Doch es war eine einmalige Gala, das Abschiedsspiel für Vladimír Ruzicka, dem besten tschechischen Torjäger aller Zeiten. Eine Gala, die dem Weltmeister von 1985 und Kapitän der siegreichen Olympiaauswahl von 1998 in Nagano würdig war. Weshalb dies so war und warum Ruzicka hierzulande so populär ist, das erfahren Sie gleich.

"Für die Eishockeyfans war das heute ein trauriger Tag, aber das Leben geht weiter. Mit ruhigem Gewissen kann ich jedoch sagen, dass Vláda in seiner Art und Weise einfach genial war." Mit diesen Worten fasste der dreifache Stanley-Cup-Gewinner Jirí Hrdina zusammen, was am Abend des 5. August nahezu alle dachten und fühlten, die zum Abschiedsspiel des Superstürmers gekommen waren. Hrdina, der mit Vladimír Ruzicka nicht nur den Eishockey-Weltmeister-Titel 1985 in Prag gewann, sondern mit diesem und mit Pavel Richter dabei auch eine hervorragende Sturmreihe bildete, war an diesem Abend nur einer von 21 Weltmeistern und zwölf Olympiasiegern, die sich eingefunden hatten, um bei der Begegnung der Ruzicka-Auswahl gegen das ausnahmslos aus NHL-Cracks bestehende Jágr-Team ihrem einstigen Kapitän, Mit- oder auch Gegenspieler die Reverenz zu erweisen.

Das Spiel selbst war unterhaltsam und - zur Freude der Zuschauer - auch sehr torreich. Man trennte sich 12:12, wobei Ruzicka seine beiden vermutlich letzten Treffer erzielte. Schöner für den zweifachen Vater war jedoch, dass sein elfjähriger Sohn Vladimír sich ebenfalls als zweifacher Torschütze auszeichnete und damit gewissermaßen den Staffelstab übernahm. Unter den Zuschauern war auch so manch Prominenter zugegen, wie zum Beispiel der zweifache Olympiasieger und Weltrekordler im Speerwerfen, Jan Zelezný. Auch Zelezný hält große Stücke auf den fünffachen Torschützenkönig und zweimaligen Spieler des Jahres in Tschechien: "Also Ruzicka ist ein Superspieler. Ich denke, er war einer unserer besten Spieler überhaupt, und er war auch ein ausgezeichneter Kapitän. Dank dieser Tatsache haben wir die Olympiade in Nagano geworden, denn Ruzicka war es, der das mit erstklassigen Profis gespickte Team maßgeblich zusammen geschweißt hat."

Bevor Ruzicka mit dem Olympiasieg seinen sportlichen Höhepunkt feiern konnte, hatte er schon eine lange Wegstrecke in seiner Karriere zurück gelegt. Seine Erstliga-Premiere erlebte der am 6. Juni 1963 in Most/Brüx Gebürtige schon als 16-jähriger 1979 im Spiel seines Vereins Litvínov gegen Dukla Jihlava. Und Ruzicka kann sich an diesen Moment noch ganz genau erinnern, denn es dauerte keine zehn Sekunden, da hatte er den späteren Nationaltorhüter Jirí Králík schon überwunden. Acht Spielzeiten blieb er den Schwarz-Gelben aus dem nordböhmischen Braunkohlenrevier treu, bevor er als Wehrpflichtiger 1987 zum slowakischen Armeeklub Dukla Trencín wechselte. Auf seine dortige Zeit angesprochen, erwiderte Ruzicka: "Sagt man Trencín, dann erinnere ich mich, dass ich dort in einer Saison die meisten Tore geschossen habe, nämlich 46. Und daran erinnere ich mich natürlich sehr gern."

Tore waren überhaupt das Markenzeichnen des erstklassigen Technikers. In seiner gesamten Karriere, die 21 Jahre andauerte, spielte er bei zwei tschechischen Vereinen, einem slowakischen, zwei kanadischen, einem amerikanischen und einem Schweizer Team sowie genau 200 Mal für die tschechoslowakische bzw. tschechische Nationalmannschaft. Er absolvierte insgesamt 1151 Wettkampfeinsätze und erzielte dabei nicht weniger als 631 Tore. Mit dieser Anzahl ist er der erfolgreichste tschechische Torschütze aller Zeiten, gefolgt vom ebenso legendären Milan Nový aus Kladno, der es auch auf úber 600 Tore brachte. Deshalb ist Ruzicka mit dem Verlauf seiner Karriere auch mehr als zufrieden: "Wo immer ich auch spielte, ob in der tschechoslowakischen, der tschechischen Liga oder in der NHL, überall hatte ich - mit Ausnahme des Jahres bei den Edmonton Oilers - zumindest eine Saison, wo ich der Beste in der kanadischen Wertung innerhalb des Teams oder sogar des gesamten Wettbewerbs war. Also zumindest eine Saison ist es bei jeder Mannschaft gut für mich gelaufen, und daran erinnere ich mich gern."

Im provinziellen Litvínov begann die sportliche Laufbahn des Ausnahmekönners und im Ligapunktspiel gegen Litvínov beendete Ruzicka am 4. März diesen Jahres auch seine aktive Karriere. Nunmehr allerdings im Trikot des Hauptstadtklubs Slavia Prag, dem er seit seiner Rückkehr 1993 aus Übersee angehört. Und dem er auch weiterhin die Treue geschworen hat. Denn hier hat er inzwischen die Funktion des Sportmanagers übernommen. Doch dieses Amt allein scheint Ruzicka nicht auszufüllen, wie er uns zu erklären wusste: "Wie ich schon sagte, jetzt habe ich hier die Funktion des Sportmanagers inne. Das ist eine Aufgabe, wie sie mir immer vorschwebte. Ich möchte daneben jedoch auch noch die Jugend trainieren, und zwar so, dass immer wieder Talente bis nach oben in den A-Kader der Senioren nachstoßen. Ich weiß, das ist viel, was ich will, doch ich sage Ihnen eines: immer, wenn ich etwas machen wollte, dann richtig oder gar nicht."

Nicht nur bei diesen Worten darf man sicher sein, dass das tschechische Eishockey auch in Zukunft seine Hlinka´s, Jágr´s und Ruzicka´s haben wird. Auch wenn Erfolgscoach Ivan Hlinka bei der Abschiedsgala seines einstigen Schützlings einschränkend zu verstehen gab: "Weder im tschechischen noch im tschechoslowakischen Eishockey gab es viele solcher Superspieler wie Ruzicka einer war."

Angesichts des Auftritts der mehr als Dutzend NHL-Cracks um Megastar Jaromír Jágr bei der Gala, der überdies in den Profiligen von Europa und Übersee beschäftigten tschechischen Profis und nicht zuletzt der jüngsten WM-Erfolge bei den Senioren und Junioren muss einem um das tschechische Eishockey nicht bange sein. Im Gegenteil: mit diesem Fundament sind weitere große Siege vorprogrammiert. Und darüber werden wir natürlich gern berichten.